Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1894)
- Date
- 1894-02-23
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 2-- vom Vorstande berufenes Komitee die Statuten des zu gründenden Vereines ausgearbeitet und dem Vorstande der „Union" zur Weiterführung dieser Angelegenheit übergeben. Glück auf! E.S. Berlin, .20 Februar Zu einer schlichten aber würdigen Feier hatten sich Freitag, den 16. d. Mts., Vormittags 11 Uhr, das Kuratorium, das Lehrerkollegium und die Hörer der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums im Auditorium der Anstalt versammelt. Es galt, das Andenken des Mitbegründers der Hochschule, des verewigten Stadtraths Moritz Meyer, bei der fünfundzwanzigsten Wiederkehr seines Sterbetages zu feiern. Die Gedenkrede hielt der Vorsitzende des Kuratoriums, Herr Prof. Lazarus. Er schilderte zunächst die großen Verdienste des Verewigten um die Errichtung der Anstalt. Moritz Meyer sei als der eigentliche Begründer derselben anzusehen. Denn er sei der Erste gewesen, in dem der Gedanke erwachte, daß auch der jüdischen Wissenschaft in Berlin, dem Mittelpunkte aller geistigen Arbeit, eine Stätte'geschaffen werden müsse, welche der freien Forschung gewidmet sei. Schon im Jahre 1867 habe der Verewigte diesen Gedanken dem Redner gegenüber ausgesprochen und ihn zu entschlossenem Vorgehen aufgefordert. Er sei ein Mann voll Eifer und Einsicht gewesen, der von Begeisterung beseelt war für das Judenthum und seine Wissenschaft. Seinem Ziele aber setzten sich nicht geringe Schwierigkeiten und Bedenken entgegen. Es vergingen volle zwei Jahre, bevor der Gedanke Moritz Meyers eine greifbare Gestalt gewann und mit einem festen Plane an die Oeffentlichkeit getreten werden konnte, denn es bedurfte der ernsten Erwägung, ob man zur Pflege der jüdischen Wissenschaft eine besondere Lehranstalt gründen solle, oder ob es nicht gerathener erscheine, auf die Errichtung eines Lehrstuhls für Talmud und jüdische Geschichte an der Universität hinzuwirken. Einen Rückhalt gab der Idee Moritz Meyers erst die Leipziger Synode im Jahre 1869, wo die Angelegenheit besprochen wurde und man sich dahin äußerte, daß es besser sei, für die jüdische Wissenschaft eine eigene Pflegestätte zu schaffen, an welcher die Zöglinge gleichzeitig zu Predigern ausgebildet werden könnten. Das Werk wurde nunmehr eifrigst betrieben und von dem Verewigten nach Kräften unterstützt und gefördert. Im Jahre 1872 wurde die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums eröffnet. Ihrem Begründer selbst freilich war es nicht vom Schicksal beschieden, diesen Zeitpunkt zu erleben. Ein frühzeitiger Tod raffte ihn dahin. Seine Hinterbliebenen aber haben es sich angelegen sein lassen, das ideale Streben des Gatten und des Vaters zu fördern. Es zeige sich hier so recht, daß der Vorzug aller idealen Schöpfungen darin beruht, daß sie den Menschen überdauern. — Herr Prof. Lazarus hob sodann die persönlichen Eigenschaften des Verewigten hervor. Aus hochangesehener Familie entsprossen, sei er in all seinen Handlungen von einem Adel der Gesinnung getragen gewesen. Seine Wirksamkeit habe sich nicht nur auf die Hochschule und die jüdische Gemeinde, sondern auch auf die städtische Verwaltung erstreckt, in welcher er den Rang eines Stadtraths einnahm. Er war durchdrungen von dem edlen Gedanken, daß eine Theilung der Arbeit nothwendig sei, daß der Mensch die Gesammtheit des Lebens in seine Anschauung aufnehmen müsse, um auf die Menschen und für sie wirken zu können; dieser Ausgleich harmonischer Interessen sei es auch gewesen, der die Liebe zur Wissenschaft des Judenthums in ihm geweckt habe. Sein Lebensbild gewähre daher eine hohe Befriedigung auf der einen Seite, auf der anderen einen Sporn, ihm nachzueifern, und sei deshalb vor Allem, geeignet, den Hörern der Lehranstalt als Vorbild zu dienen, damit auch sie lernen, in ihrem Berufe die Neigungen und Beschäftigungen Anderer zu berücksichtigen und zu schätzen Denn wie die Ströme alle ins Meer fließen, so vereinigen sich auch die Ströme geistigen Lebens in einem Punkte. — Herr Prof. Lazarus schloß seine Rede mit der Miltheilung, daß die Wittwe des Verewigten aus Anlaß des Tages eine besondere Stiftung gemacht habe, aus welcher alljährlich am Sterbetage Moritz Meyers ein Hörer der Lehranstalt bedacht werden soll. — Bei dieser Gelegenheit wollen wir auch noch mittheilen, daß Herr Dr. Samuel, ein Zögling der Lehranstalt, soeben zum Rabbiner in Essen gewählt wurde. HD. Allenstein, 19. Februar. Obwohl in unserer Gemeinde leider noch kein jüdischer Litteraturverein existirt, ist unser Rabbiner Herr Dr. Olitzki doch bemüht, durch Vorträge, die er im hiesigen „Krankenpflegeverein" hält, die Kenntniß der jüdischen Geschichte und der jüdischen Wissenschaft unter die Gemeindemitglieder zu verbreiten. Nachdem er in diesem Winter bereits über „Moses Mendelssohn" und über „die Nächstenliebe im Talmud" gesprochen, wählte er zum Thema seiner gestrigen, gediegenen und gehaltvollen Rede „Philo von Alexandria". Die große Zuhörerschaft, die sich zu seinen Vorträgen eingefunden, und das lebhafte Interesse, das denselben entgegengebracht wird, ist ein Beweis dafür, daß auch hier ein fruchtbarer Boden für die Bildung eines jüdischen Litteraturvereins vorhanden ist. Hoffentlich wird diese Anregung dazu führen, daß hier in kürzester Zeit ein Litteraturverein ins Leben gerufen wird, zumal es in hiesiger Gemeinde genug intelligente Elemente giebt, die ihre thätige Mithilfe nicht versagen werden. tt. Pleschen, 18. Februar. In Nr. 33 des „Generalanzeigers für Schlesien und Posen" vom 10. d. M. finden wir folgende Mittheilung: „Wie es in der Synagoge zu Pudewitz zugeht, hat sich aus einer Verhandlung vor der Strafkammer in Posen ergeben. Ein israelitischer Handelsmann Markus Notholz war angeklagt, während des Gottesdienstes in der Synagoge zu Pudewitz sich frech benommen zu haben. R. hatte sich laut unterhalten, gelacht, aus Unsinn geniest, Schnupftabak herumgereicht, ist dann auf den Vorbeterplatz gesprungen und hat dort aus der Thora vorgelesen. Die Zeugen sagten jedoch zum Staunen Aller aus, daß solches Benehmen in der dortigen Synagoge nicht auffällig sei. Auf Grund dieser Aussage mußte Rotholz freigesprochen werden." Solche Vorkommnisse sind wahrlich recht betrübend und jagen jedem aufrichtigen Juden die Schamröthe ins Gesicht, nicht nur wegen des Chiliul haschem und weil unsere Feinde dies für ihre Zwecke ausbeuien könnten, denn was kümmern uns die äußeren Feinde, so lange wir Feinde in unserer eigenen Mitte haben. Was uns beim Lesen dieser Zeilen tief betrübt hat, war die gerichtlich festgestellte Thatsache, daß es deutsche Juden, eine deutsch-israelitische Gemeinde giebt, die so ganz bar jedes religiösen Gefühls sind, die so wenig Anstand und Takt besitzen, wie man es von einem deutschen Juden kaum erwarten konnte. Ist es etwa nicht betrübend, wenn Zeugen vor Gericht aussagen, daß Rohheiten und Frechheiten, wie „lautes Unterhalten, Lachen, aus Unsinn niesen u. s. w." in einer Synagoge nicht auffällig sind?! Recht unverständlich ist uns aber die aus Grund dieser Zeugenaussagen erfolgte Freisprechung dieses Ruhestörers. Hört denn ein Vergehen auf. Vergehen zu sein und zu bleiben, weil es von vielen und seit langer Zeit begangen wird? Es kann doch wohl unmöglich maßgebend sein, welche Begriffe einzelne Gemeindemitglieder von Pudewitz von Anstand, guter Sitte und einem würdigen Benehmen im Gotteshause haben, sondern was man im Allgemeinen darunter versteht, und wer dagegen verstößt, den trifft die Strenge des Gesetzes Wäre ein analoger Fall in einer Kirche vorgekommen, man hätte wahrlich nicht erst andere Gemeindemitglieder gefragt, ob ein solches Benehmen in der betreffenden Gemeinde „nicht auffällig" ist, sondern der Angeklagte wäre ohne Weiteres wegen Störung des Gottesdienstes bestraft worden. Die laxe Auffassung der Gerichte von dem Wesen und der Bedeutung des jüdischen Gottesdienstes, sowie die oft unverständlichen Gutachten einzelner Rabbiner über einzelne Theile unseres Gottesdienstes — wir erinnern hier nur an das vor mehreren Jahren bei einem ähnlichen Falle vor dem Landgerichte zu Gnesen abgegebene Gutachten, daß Vorlesen der Thora nicht zum Gottesdienste gehört — sind mit daran Schuld, daß Zustände, wie die oben geschilderten, in kleinen Gemeinden einreißen und bestehen können. v. Neiße, 19. Februar. Von unserem litterarischen Verein ist zu berichten, daß am 5. Februar Herr Rabbiner Dr. Rosenthal aus Breslau einen Vortrag „Ueber den Talmud" hielt, in welchem er die ethischen, historischen und realen Verhältnisse desselben einer überaus geistreichen, jedoch allgemein verständlichen und gedrängten Ausführung unterzog. Begrüßt wurde der Redner von unserem Vorsitzenden, Herrn Landgerichtsrath Dr. Borchert, während Herr Prediger Ellguther den Dank der überaus zahlreichen Zuhörerschaft, 200 mochten es gewesen sein, ihm übermittelte. An den Vortrag schloß sich ein zwangloses Zusammensein des größten Theiles der Gemeinde. Bei der kurzen Zeit unseres Bestehens ist der Erfolg, den wir bis jetzt erzielt haben, nicht zu unterschätzen, zumal unsere allwöchentlich stattfindenden Diskutirabende immer mehr Theilnehmer finden. i. Leipzig, 19. Februar. Ein lebendiger Beweis, welches Bedürfniß für den etwas länger als ein Jahr in unseren Mauern bestehenden „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" hier vorhanden