Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1894)
- Date
- 1894-02-23
- Page
- Seite 95 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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*?*.*^^^v^Ttaft'aaW'Wp'T*t». 95 ganzes Sinnen gerichtet. Als meine Kinder älter wurden, bestand ich darauf, daß sie ein Handwerk erlernte». Null bin ich glücklich, daß alle meine Kinder sich und die Ihrigen durch ihrer Hände Arbeit anständig ernähren und dabei brave und gute Menschen und Inden sind. Meine Kinder aber liebten mich und sprachen sich immer anerkennend über meine ihnen erwiesenen Wohlthaten ans. Doch muß ich gestehen, daß ich nicht weiß, wodurch ich ihre Dankbarkeit in solchem Maße mir erworben hatte, denn außer meiner ihnen gewidmeten Aufsicht konnte ich ihnen doch nicht das bieten, was wohlhabende Mütter ihren Kindern bieten." „Das darf Dich nicht betrüben, edles Herz," — antwortete Sara liebevollen Tones. „Du hast für Deine Kinder mehr gethan, als viele wohlhabende Mütter für die Ihrigen thun," und einen Engel herbeiw'inkend, sagte sie zu ihm: „Führe diese Frau in die Abtheilung, die wir für zärtliche, barmherzige Mütter eingerichtet haben, welche sich selbstlos der Erziehung ihrer Kinder widmen." „Nun kann ich Dich wieder ablösen," sprach Abraham, und einer der Seelen sich zuwendend, frug er: „Wer bist Du, mein Sohn?" „Ich bin Philologe," erwiederte die Seele, — „ich hoffte immer auf eine Anstellung an einer höheren Schlile, — aber als Jude —" „O, ich kenne Euer Leid," — antwortete Abraham gerührt, — „und wir haben für Euch Unglückliche auch eine besondere Abtheilung errichtet. Jndeß, ich möchte einige Punkte aus Deinem Leben wiffen." „Mein Leben," — stöhnte die Philologenseele —, „war eine Kette von Leiden, ein Meer von Thränen, Gram, Zurücksetzung, Entbehrung und Demüthigung. Zwar wäre es mir ein Leichtes gewesen, mein Loos günstiger zu gestalten! Nur ein Schritt, eine Erklärung, einige Zähren, ich meine, einige Tropfen Waffers — und ich hätte mein Ziel erreicht. Allein zu diesem Schritte konnte ich mich nicht entschließen. Nicht etwa, weil ich ein wirklich überzeugter Jude war, fiel es mir schwer, mit den Traditionen meiner Glaubensgenoffen zu brechen, — denn ich kannte leider weder das Schriftthum noch die Geschichte meines Volkes —, aber die Liebe zu meinen Eltern hielt mich mit eiserner Faust von diesem Schritt zurück. Und auch'als meine Eltern das Zeitliche gesegnet hatten, empörten sich mein Stolz und meine kindliche Pietät in mir, wenn eine solche Versuchung an mich herantrat. Ich zog es vor, lieber ein kummervolles Leben zu führen, als das Andenken meiner Eltern zu beschämen." „Halt ein, mein Sohn," — rief Abraham bewegt —, „Du bist eine treue, fromme Seele, Deine echt jüdische Liebe zu Deinen Eltern soll nun der Engel sein, der Dir vorangehen und Dich geleiten wird an den Ort, wo reicher Lohn und ungetrübte Glückseligkeit Deiner harren. Folge ihm, mein Sohn," — und zum Engel der Liebe gewandt, sprach er: „Führe ihn nach der dritten Abtheilung in das Zimmer, wo der Arzt untergebracht ist, dessen Leben ebenfalls ein Opfer der Liebe war." Plötzlich entstand unter den wartenden Seelen ein fürchterliches Gedränge, ein wirres Durcheinander. Es war eine imposante Gestalt, ein „schneidiger" Schatten, der diesen Wirrwarr verursacht hatte, um so schnell als möglich an den Patriarchen heran zu kommen, was ihm auch trefflich gelang. „Wer bist Du, mein Sohn," — fragte ihn Abraham. „Ich bin ein Heiliger, ein Märtyrer." „Was!" — rief der Patriarch —, „höre ich recht! Im Jahre 5654 ein Heiliger, ein Märtyrer! Sind wieder Kreuzzüge unternommen worden? Ist die Inquisition wieder ins Leben gerufen worden? Sprich, mein Sohn, ich komme um vor Schreck." „Du hast mich nicht richtig verstanden," — antwortete die Seele — „ich war ein Opfer des heiligen Namens." „Das ist es eben," — unterbrach ihn der Patriarch —, „was mich so gespannt macht. Bitte, laß mich hören, was vorgefallen ist, schnell, schnell." „So höre nun," — rief die Seele. „Ich war ein stuck, .juris. Auf einem Bälle, im Haufe einer hochgestellten Persönlichkeit, hatte ich ein junges Mädchen zum Tanze engagirt. Kaum aber hatte ich meinen Arm um ihre Taille gelegt, als ihr Bruder wie ein wüthender Tiger an uns heranlief und uns aus einander trennte. „Mit einem verfl.... Juden," — rief er —, „willst Du tanzen?" Diese mir zugefügte Schmach in Gegenwart einer ganzen Gesellschaft, m Angesichte des von mir verehrten jungen Mädchens, brachte mich aus Rand und Band. Ich forderte ihn, am Tage darauf fand zwischen uns ein Duell statt — und ich fiel, ein Opfer des heiligen Namens." „Ein absonderlicher Heiliger zwar," — murmelte der Patriarch in seinen silberweißen Bart hinein —, „aber leid thut er mir doch. Wie alt bist Du, mein Kind?" — fuhr der Patriarch fort. „Und war es das erste Mal, daß man Dich als Jude beleidigte?" „Ich bin 21 Jahre, das Leben war mir ein Paradies, herrlich schön, von dem ich mich nur schwere» Herzens trennte. Aber konnte ich denn anders handeln? Wohl war es nicht das erste Mal, daß man mich wegen meiner Abstammung beleidigte, wohl habe ich immer eine Lanze für meine geschmähten Glaubensgenossen gebrochen, aber zu einem Duell konnte ich mich nicht sobald entschließen. Dieses Mal aber, wo ich in Gegenwart einer jungen Dame so gröblich verhöhnt wurde, mußte ich schon, wie Du selbst zugestehen wirst, zum Aeußersten greifen. Ich bedauere nur, daß nicht er anstatt meiner gefallen ist." „An Deine Eltern," — unterbrach ihn Abraham, ihm streng ins Auge blickend —, „hast Du freilich gar nicht gedacht. Nicht wahr? Was bedeuteten Dir auch denn die Thränen Deines Vaters und Deiner Mutter, was auch ihr Hoffen und Wünschen für Dich, wenn es Dir galt. Deine vermeintliche Ehre zu vertheidigen, die im Beisein eines Mädchens verletzt wurde? Nichts. Du hast Deinem Volke also nichts damit genützt, Dich aber um das Leben gebracht und Deinen Eltern Thränen und unsägliches Leid und Herzweh verursacht. So höre, mein Sohn, ein Heiliger bist Du nicht. Du gehörst nicht ins Paradies, sondern in die Hölle. Doch ich habe Mitleid mit Dir." Und zu einem herbeigerufeuen Engel gewandt, sagte er: „Führe diesen Märtyrer in die Abtheilung für — Verrückte." „Bravo! Bravo!" — rief lebhaft applaudirend ein aufgeblasener, breiter Schatten, der alle übrigen Seelen an die Seite drückte und sich an dem Stuhl des Patriarchen aufstellte. „Wer bist Du denn, mein Sohn?" — fragte Abraham verwundert. „Ich bin der Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Abdera," — lautete die stolze Antwort. „Ach so, Du bist es," — versetzte der Patriarch mit einer fast übernatürlichen Freundlichkeit —, „es freut mich, daß Du endlich mir die Ehre Deines Besuches erwiesen hast; die hier weilenden Kultusbeamten aus Abdera haben mir ja so viel von Deiner Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit erzählt. Ich bedauere nur, daß ich Dich nicht sogleich abfertigen kann. Es findet nämlich in einigen Minuten eine Sitzung, eine sehr wichtige Sitzung des himmlischen Gerichtshofes statt, und ich muß derselben beiwohnen. Du entschuldigst mich doch! Nicht wahr? Auf Wiedersehen!"