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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-02-23 · Heft 8 (23.2.1894) · p. Seite 94

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 8 (23.2.1894)
Date
1894-02-23
Page
Seite 94 (sequence 10)
Language
German
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94 armen Mutter schämte und sie verleugnete. Was sie sich kaum im Stillen zu bekennen wagte, — ihren Schmerz, zu den Ausnahmen zu gehören — wurde von diesen Schriftstellern laut und schneidend wie eine Diffonanz ausgesprochen. Lassalle, der Jude, schreibt in einem Briefe an seine aristokratische Braut, „wenn sie erst seine Frau wäre, würde er sie damit verschonen, Juden in ihremj Salon in Berlin zu sehen. Jetzt schon ginge er seinen Glaubensgenoffen aus dem Wege und verkehrte nicht mit ihnen." (Fortsetzung folgt.) Sn btt Pforte des Paradieses. Bon Albert Katz. (Schluß.) »zwischen hatte sich eine der harrenden Frauenseelen der Mutter Sara genähert. Abraham, den das viele Sprechen ermüdet hatte, freute sich darüber, daß Sara ihn nun ablösen konnte. „Wer bist Du, mein Kind?" — fragte nun Sara die Seele. — „Ich bin eine bist junge Frau," — lautete die Antwort. — „Ich habe eine glückliche Mädchenzeit verlebt. Meine Eltern, die sich der irdischen Güter in Fülle zu erfreuen hatten, liebten mich fast abgöttisch und gingen auf alle meine Wünsche ein. Nur einmal stieß ich mit meinem Wunsche bei ihnen auf heftigen Widerstand, und ich kam dadurch um mein Glück und um mein Leben. Ich machte nämlich gelegentlich eines Besuches bei einer Freundin die Bekanntschaft eines sehr gebildeten jungen Mannes von vornehmer, stattlicher Erscheinung. Mit jenem Moment aber verlor ich meine Ruhe, sein Bild verfolgte mich auf Schritt und Tritt, und seine herrlichen Züge standen im Wachen und Träumen vor meiner Seele. Auch ihm ging es nicht besser, auch er hatte mich in sein Herz geschloffen und ewige Treue und Liebe mir geschworen. Ich offenbarte niich meinen Eltern und flehte sie an, unser Herzensbündniß mit ihrem Segen zu krönen. Allein sie wollten von dem jungen Manne, weil er ein armer Rabbinats-Kandidat war, nichts wissen und zwangen mich, meine Hand einem reichen Banquier, einem, wie sie betonten, ihrem Stande ebenbürtigen Manne, zu geben. Wie alle Töchter meines Stammes fügte auch ich mich in den Willen meiner Eltern; allein meine Vornahme, das theure Bild des von mir früher angebetenen Mannes aus meiner Seele zu verscheuchen, war vergebens. Mein Herz glich nun einem zerstörten Heiligthum, und wie einst die Söhne Zions um das verlorene Vaterland an Babylons Strömen weinten, so weinte auch ich in stillen Nächten bittere Thränen um mein zusammengebrochenes Glück. Meiner unglücklichen Liebe aber gesellten sich noch fürchterliche Gewiffensbiffe, daß ich meinem Gemahl wohl meine Hand, aber nicht auch mein Herz als sein ihm allein gehörendes Gut zu schenken vermochte. Dies drückte mich nieder, verzehrte meine Gesundheit und entrückte mich nach sechsmonatlicher Ehe dem jenseitigen Leben. Mein einziger Trost ist, daß mein Geniahl, dem ich mein Inneres offenbarte, mir die Kälte meines Herzens verziehen und meinem hinwelkenden Leben eine Thräne des Mitleids geweiht hatte." „Nun sage, theuere Mutter, ob ich eine Schuldbeladene bin oder nicht?" — „Du bist eine fromme, reine Seele," — sagte Sara, — während ihre Hand die Thränen ihrer Augen trocknete, — und zu einem herbeigeeilten Engel gewandt, sagte sie: „Führe diese von ihren Qualen erlöste Seele in die Abtheilung für fromme, hochherzige Frauen." — „Und wer bist Du, meine Tochter?" — fragte Sara eine hinter ihr stehende Seele. »Ich," — versetzte die Seele hochmüthig —, „bin eine viel beschäftigte Frau, denn ich habe fast alle Wohlthätigkeits-Jnstitutionen meiner Vaterstadt zu fördern geslicht. So war ich Vorsitzende des Vereins zur Unterstützung armer Bräute, Schriftführerin des Wöchnerinnen-Vereins, Kassirerin der Vereinigung zur Unterstützung armer Studenten; kein Festju einem wohlthätigen Zweck kam ohne meine Mithilfe zu Stande.' Mit einem Worte, Du kannst Dir von meinem Leben und Streben für das Wohl der Gesammtheit kaum einen Begriff machen." — „Und wie stand es mit der Erfüllung Deiner Pflichten als Gattin und Mutter?" — fragte Sara streng. „Mein Mann," — antwortete die Seele etwas kleinlaut, — „war von meinem Wirken allerdings nicht besonders erbaut, ja, er hatte für meine Bestrebungen absolut kein Verständniß. Jndeß mir genügten die häuslichen Pflichten und Vergnügungen nicht, ich mußte einen großen Wirkungskreis haben und konnte darum meinen Sinn für das Gemeinwohl dem Willen meines Mannes, der mich nur im Hause und um die Kinder wiffen wollte, nicht unterordnen. Ich gestehe, daß ich zuweilen schwere Kämpfe mit ihm auszufechten hatte. Als Geizhals, wie alle Männer es nun einmal sind, begriff er nicht, daß eine Frau, wie ich es war, meiner Toilette besondere Aufmerksamkeit widmen mußte; denn je nobler ich in Gesellschaft erschien, desto größer war mein Einfluß, desto willfähriger zeigten sich Alle, die ich für wohlthätige Zwecke in Anspruch nahm. Ich merkte es besonders, wenn ich in einem Wohlthätigkeitsbazar als Verkäuferin wirkte: Meine Einnahmen repräsentirten immer eine ansehnliche Summe, — denn ich war auch eine hübsche Frau." „Ah!" sagte Sara, — „Du warst eine hübsche Frau, und Deine Schönheit leistete Dir bei Deinen Wohlthätigkeitsbestrebnngen große Dienste. Nicht wahr? Doch erzähle mir etwas von Deinen Kindern." „Da ist nicht viel zu erzählen. Ich hatte sechs Kinder, aber mich viel mit ihnen zu befassen, niangelte es mir an Zeit, da mein Beruf mich sehr in Anspruch nahm. Uebrigens erlaubten uns ja unsere Mittel, für unsere Kinder Erzieher und Erzieherinnen zu halten." „Hoffentlich doch jüdische Erzieher und Erzieherinnen," — bemerkte Sara, sie ernst ansehend, „Jüdische?" rief erstaunt die Wohlthäterinseele—, „nein, das war in — meinem Haus, bei — meiner gesellschaftlichen Stellung unmöglich. Wo ich solche Leute unterstützen konnte, that ich cs recht gern, aber als Erzieher und Erzieherinnen meiner Kinder konnte ich sie nicht gebrauchen." Ohne diese Wohlthäterin eines Blickes weiter zu würdigen, wendete sich Sara an einen in ihrer Nähe stehenden Engel und sprach: „Führe diese — gnädige Frau in die Abtheilung'für närrische Weiber, die in ihrer Dummheit Gutes und Böses thun." — „Und wer bist Du, meine Tochter?" fragte Sara eine neben ihr stehende Seele. „Ich bin ein einfaches Weib," erwiederte die Gefragte, — „und habe aus meinem Leben, obwohl ich ein Alter von achtzig Jahren erreicht habe, nichts Nennenswerthes zu berichten. Mein Mann war ei» ,,Medinegeher"l), foer| den Packen auf der Schlüter tragend, unzählige Dörfer und Städte durchstreifen mußte, um für mich und unsere fünf Kinder den Lebensunterhalt zu verdienen. Nur einige Mal im Jahre, gewöhnlich an den Feiertagen, hatten wir das Glück, uns seiner Gegenwart zll erfreuen. Ich war daher gezwungen, meinen Kindern doppelte Sorgfalt und Aufmerksamkeit zu widmen. Sie gut zu pflegen, ihr Thun und Lassen zu überwachen und sie vor dem Umgang mit »ngerathenen Kindern zu beschützen, darauf war mein >) Landhausierer. Üft

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