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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-02-23 · Heft 8 (23.2.1894) · p. Seite 93

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 8 (23.2.1894)
Date
1894-02-23
Page
Seite 93 (sequence 9)
Language
German
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93 „Gute Nacht, Geliebte! Schlafe und träume süß!" flüsterte er «och einmal aus der Laube. „Gute Nacht, Holger — mein Holger!" Sie warf eine Kußhand nach der Laube und schloß dann leise das Fenster. „Gute Nacht!" VI. - Rachels Lebensweg war kein alltäglicher gewesen. Ihre Stellung als Jüdin in den spießbürgerlichen Verhältnissen der nordischen Stadt und eine unglückliche Liebe zu einem vornehmen Manne hatten bestimmend aus sie gewirkt und sie früh gereift und ernst gemacht. Schon in der Schule mußte sie empfinden, daß sie eine Ausnahme unter ihren Schnlgefährtinnen war, eine schmerzliche Erfahrung, welche die meisten jüdischen Kinder, selbst die am glücklichsten situirten, gewöhnlich mache». Gegen die Neckereien boshafter Schulkameraden und kleine Nadelstiche schützt sie weder die Autorität der Lehrer noch der Reichthum ihrer Eltern... Die letztere Eigenschaft fordert gewöhnlich Neid und Mißgunst noch mehr heraus. Sie war »och ein Kind, als sie schon darüber nachgrubelte, was es bedeutete, ein Judenmädchen 311 sein — und weshalb die Juden von allen Uebrigen so wenig gern gesehen würden. Sie hatte keine Mutter, der sie ihre kindlichen Sorgen anvertrauen konnte, denn sie hatte ihre Mutter schon mit sechs Jahren verloren — und zu deni ernsten, von seinem Geschäft stets i» Anspruch genommenen Vater hatte sie kein Vertrauen, obgleich sie ihn über Alles liebte und achtete. Ihre einzige christliche Freundin aus der Schulzeit zog sich nach und nach von ihr zurück, als sie erwachsen waren und in die Gesellschaft eingeführt wurden. „Warum?" fragte sich Rachel betrübt, deren ganzes Herz an der schelmischen, blonden Freundin hing. Es war kein offener Bruch, es war, als ob eine Naturnothwendigkeit ihre Lebenswege trennte. Wenn sie sich auf der Straße trafen, begrüßten sie sich freundlich, aber sie besuchten einander nicht. Sie grübelte über ein Problem nach, welches sie nicht lösen konnte. Sie versuchte, in der Litteratur eine Antwort zu finden. Alle dänischen und deutschen Werke, welche die Geschichte ihres armen Volks berührten, hatten eine besondere Anziehungskraft für sie... Es war doch ein merkwürdiges Volk, dem sie angehörte, dieses Volk Jehovahs, welches so zäh und energisch, intelligent und kunstverständig, mäßig und arbeitsam, bewundernswerth im Unglück, selbstbewußt — und selbstständig im Glück war, welches sich überall Bahn brach und trotzdem in allen Ländern und durch alle Zeiten sein persönliches Gepräge von Judas heiligem Lande bewahrte. Ein anderes schwächeres und minder zähes Volk würde längst unterlegen sein, hätte es die Verfolgungen erdulden inüffen, welche die Juden besonders im Mittelalter, zur Zeit der Kreuzzüge erleiden mußten, deren Geschichte mit Blut geschrieben ist. Die Leiden der ersten Christen unter den römischen Kaisern sind gar nicht mit den empörenden Mißhandlungen zu vergleiche», welche die Juden, im Mittelalter durch das von fanatischen Priestern und Mönchen aufgestachelte Volk zu ertragen hatten. Das Herz dreht sich herum beim Lesen dieser unglaublichen Schandthaten. Was war es für eine heimliche Kraft, welche das jüdische Volk aufrecht hielt und es aus allen schweren Leiden errettete, welche es trotz aller martervollen Unterdrückung, trotz Inquisition, Scheiterhaufen und Schafott an Fruchtbarkeit und Macht zunehmen ließ, wie einige Pflanzen auf dem Felde, welche um so besser wachsen, wenn darauf getreten ist. War Gott auf ihrer Seite? Hatten sie wirklich eine Mission in der Welt zu erfüllen, und welches war diese Mission? Sollten sie unter dem Feldgeschrei: „Schema Israel x." den Völkern Gottes Einheit verkünden? Leider fehlt es in unserer Zeit an Glauben ... sie gebraucht weder einen Gott noch mehrere Götter. Rachel las unter Lächeln, Thränen und Zittern, mit Schreckeil und Sympathie, und je mehr sie las, desto mehr wurde sie gezwungen, dieses Volk zu bewundern, von welchem sie abstammte. Und dennoch — sie konnte nicht dagegen ankämpfen — trotz der Glorie, mit welcher Todesverachtung, Genie und edles Dulden ihr Volk umstrahlte, empfand sie es im Stillen als eine Schande und ein Unglück, als Jüdin geboren zu sein. Vielleicht hatte sie eine Vorahnung, daß ihre Abstammung noch einmal ihren theuersten Zukunstshoffnungen im Wege stehen würde. Im Mittelalter verfolgte man die Juden aus religiösen Gründen, — so hieß es wenigstens offiziell. Im Namen des Erlösers, des Predigers der Liebe verbrannte, hängte und viertheilte man Tausende dieser Unglücklichen, während der geheime Zweck, von dem Niemand sprach, gewöhnlich die Plünderung des Eigenthums der Juden war. In unserer aufgeklärten Zeit ist es das von den Juden allmälig gesammelte große Kapital, welches den Neid der Völker erregt, unter denen sie leben. Haben sie aber nicht ihren Reichthum durch Fleiß und Arbeit auf rechtmäßige Weise gesammelt? Daß die Geldgeschäfte der Juden zuweilen zu Wucher ausarteten, ist eigene Schuld der Machthaber. ... In alten Zeiten war es ihnen in mehreren Städten sogar gesetzlich erlaubt, 100 pCt. Zinsen zu nehmen. War es die Schuld der Juden, daß man, indem sie von anderen idealeren Erwerbsarten ausgeschlossen wurden, ihre natürliche Begabung für Handel und Geldgeschäfte in beinahe ungesunder Weise entwickelt hatte? — Als Rachel vor Jahren einmal mit dem Dampfschiff nach ihrer Villa in Taarbaeck hinausfuhr, standen zwei junge Herren, ein Norweger und ein Däne, in ihrer Nähe auf dem Verdeck. „Sieh doch die junge Dame da," rief der Norweger begeistert, „wie wunderhübsch ist sie!" Der Däne sah sie flüchtig an und erwiederte mit kalter Verwunderung : „Ach, das ist ja nur ein Judenmädchen." Rachel konnte dies kleine Erlebniß nicht wieder vergessen. „Nur ein Judenmädchen!" — Als ob Judenmädchen nicht hübsch sein konnten. Sie fühlte sich oft außerhalb der Gesellschaft stehend, in welcher sie lebte. Beleidigungen, welche sie trafen, waren selten zu beweisen, aber sie lagen gewiffermaffen in der Atmosphäre, welche sie umgab, als etwas Unbegreifliches aber dennoch Vorhandenes. Sie klagte nie, dazu war sie zu stolz. Gegen wen sollte sie sich auch beklagen? Gegen gleichgiltige Christen, welche sie vielleicht damit trösteten, daß sie sich diese Zurücksetzungen einbildete, oder die vielleicht ironisch über sie lächeln würden. — Gegen ihre Angehörigen? Diese würden sie nicht verstehen, sie waren zufrieden und glücklich und schienen durchaus nicht das Gefühl einer drückenden Sonderstellung zu haben. Selbst Judith hatte schon vergessen, wie man sie in der Schule geplagt hatte. „Die Geschichte der neueren Juden ist tragisch," las sie in Heine, „und schreibt man über dieses Tragische, so wird man noch ansgelacht. Das ist das Allertragischste." Alle jüdischen Schriftsteller interessirteu sie besonders, und sie forschte mit Eifer nach jeder Aenßeruug von ihnen über ihre Nationalität. Jedoch auch in dieser Richtung blieben ihr Enttäuschungen nicht erspart. Einige dieser großen Geister verspotteten ihre eigene Nation. Rachel hatte dabei das Gefühl, als ob Jemand sich seiner

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