Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1894)
- Date
- 1894-02-23
- Page
- Seite 91 (sequence 7)
- Language
- German
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91unglücklichen Kinder Israels der Stadt, welche durch das völlig unverschuldete Loos, das ihnen der rücksichtslose Tyrann bereitete, unser volles Mitgefühl erregen. Unverschuldet — denn eine Schuld kann kaum gefunden werden in zwei Versehen, die sie begingen: das eine hervorgegangen aus dem Vertrauen auf einen feierlich geschlossenen Vertrag, das andere verursacht durch Anschauungen und Stimmungen, die durch Verhältnisse herbeigefühlt waren. In dem oben erwähnten Vertrage waren ja die Juden ausdrücklich berücksichtigt; es war ihre Stellung so geregelt, daß sie in keiner Weise ein feindliches Vorgehen der Muslims erwarten durften. Mußten sie nicht aber in manchen Aeußerungen des Propheten, vor Allem in den perfiden Mordthaten, die, — das wußte Jeder nur zu gut —, von ihm veranlaßt waren, die drohende Wolke sehen, die sich über ihrem Haupte zusammenzog? Mußten sie nicht der herankommenden Gefahr gegenüber sich wappnen und.wie ein Mann zusammenstehen? Waren sie doch an Zahl nicht unbeträchtlich, und das Kapital und die Intelligenz, die ihnen von den Zeitgenossen keineswegs bestritten werden, gaben ihnen einen nicht unbeträchtlichen Vorsprung. Hier liegt das zweite Versehen. Statt in der Stunde, der Gefahr zusammen zu halten, sah der eine nicht betroffene Theil ruhig dem Untergange oder doch Außerlandesverweifiing des anderen zu, und ganz freisprechen von einem Vorwurf wegen dieses Verhaltens wird man die Juden von Medina nicht können. Ihre Haltung ist durch jenen unglückseligen Stammpartikularismus zu erklären, der bei den vorislamischen Arabern allgemein war, und der unzweifelhaft auch bei den damals ganz arabisirten Juden herrschte. Dieser Stammpartikularismus war ja allenthalben der einflußreichste Bundesgenosse Muhainmed's: an die folgerichtige Durchführung einer zweckbewußten Politik war in Arabien Niemand gewöhnt; um ein gestohlenes Kamel, um den zweifelhaften Ausfall eines Wettrennens schlug man sich Jahre lang herum. Es ist kaum ein Zweifel, daß die Juden Medinas zwar alle in gleicher Weise an ihrer alten Religion hingen, daß sie aber jene arabische Untugend in vollem Maße theilten. In einem der letzten Monate des Jahres 2 d. Fl. ging Muhammed gegen den jüdische» Stamm vor, der den Rlif hatte, ebenso tapfer wie reich zu sein, die Leun Kainuka1. Etwaige Gewissensskrupel bei sich selbst, wenn wir solche noch bei ihm annehmen dürfen, und bei seinen Getreuen wegen der schändlichen Vertragsverletzung schlug er durch das Raisonnement nieder: Ungläubigen braucht man den Vertrag nicht zu halte». Deutlich ist das ausgesprochen in einem Verse des Koran, deffen Inhalt getreu den Gedankengang twiederspiegelt, mit dem die verrätherische Handlungsweise beschönigt wurde, und welcher sich hier zu einer göttlichen Offenbarung verdickt hat. Es heißt: „Siehe, die schlechtesten Thiere vor Gott sind die, welche ungläubig sind, denn die kommen nicht zum Glauben — die, mit welchen du zum Theil einen Vertrag geschloffen hast; dann aber brechen sie ihren Vertrag bei jeder Gelegenheit ohne Scheu (vor Gott). Darum, wenn du im Kriege auf sie stößest, so statnire ein Exempel an ihnen für die, welche hinter ihnen stehen, ob sie vielleicht sich warnen laffen; und wenn du von LeutenMrrath fürchtest, so wirf ihnen (den Vertrag) hin gleichermaßen; Gott liebt nicht die Verräther." — Der äußere Vorwand zum Kriege war leicht gefunden. Der Prophet ging in das Quartier der Leun Kainuka1, predigte auf offenem Markte noch einmal sein Evangelium und verlangte Annahme deffelben; er wurde abgewiesen. Das genügte, um den Vertrag zu kündigen. Eine ausführlichere Geschichte über den äußeren Anlaß, die von späteren Theologen erzählt wird, ist charakteristisch für die Fabrikation derartiger Geschichten und die Rohheit der späteren muslimischen Auffaffung: Juden sollten einer Muslimin, die im Quartier des jüdischen Stammes der Beim Kainuka' vor dem Laden eines jüdischen Goldschmieds saß und ihrer Aufforderung, ihr Gesicht zu zeigen, nicht Folge leisten wollte, mit einem Dorn den Saum des Kleides an den Rücken geheftet haben, aus reinem Muthwillen. Als sie sich plötzlich erhob, erregte der Anblick allgemeines Gelächter. Ein Muslim tödtete den Frevler, wurde aber selbst bei dem Auflauf, der entstand, »iedergemacht, und für ihn sollten nun 700 Juden ausgerottet werden. Das wurde durch folgende Umstände verhindert: Der Stamm der Bonn Kainuka', um den es sich hier handelt, stand in engem Verhältniß zu den Bonn Chazradscli, dem Stamme, der sich mit den Bonn Aus in die Herrschaft in Medina theilte. Die Lhazradsch waren diesen Juden wegen der in der Schlacht bei Bu'aüi geleisteten Hilfe verbunden, und nichts wäre natürlicher und gehöriger gewesen, als daß sie mannhaft für ihre Schutz- und Kampfgenossen eingetreten waren. Leider war der Manu, der an ihrer Spitze stand, kein Charakter. Er war einer von den Halben; nicht stark genug, dem Propheten, als er nach Medina kam, energisch eutgegenzutreten, nahm er mit seinem Stamm den Islam a», aber er war und blieb lau. Er und seine Leute sind es, die im Koran deshalb als „die Heuchler" bezeichnet sind, wenn auch der Prophet offen gegen sie eiuzuschreiten wegen der faktischen Macht, die sie besaßen, nicht wagte. Muhammed rief zu dem bevorstehenden offenen Kampfe gegen die Juden nicht nur seine Flnchtgenoffen, sondern auch die nenerworbeneu Anhänger in Medina auf, und gewiß erregte es sein höchstes Mißfallen, daß Abdallah ihn Ubai, der Heuchler, zu einer Betheiliguug au dem schändlichen Verrath nicht zu haben war. Andererseits mußte der Prophet zufrieden sei», daß der Mann nicht so handelte, wie er als Mann von Ehre und nach dem ungeschriebenen Kodex des vorislamischen Arabiens hätte thun müssen, daß er sich nicht ans die Seite der heimtückisch zu Ueberfallenden stellte. Diesen gegenüber beschränkte er sich darauf, ihnen zu rathen, sich in ihr befestigtes Quartier zurückzuziehen, und stellte seine Hilfe bei der Vertheidigung in Aussicht. Als es dazu kam, sein Wort einzulösen, da fühlte er sich wieder durch die Rücksichten ans Muhammed und die Muslims gebunden; so entschloß er sich am Ende, gar nichts zu thun. Muhammed unizingelte mit seinen Genossen das jüdische Quartier; die Juden saßen darin in ihren burgartigeu Häusern und — warteten ab. Sich dnrchzuschlagen waren sie nicht stark genug, zudem hofften sie wohl auf eine thatkräftige Parteinahme der Bonn Chazradscli. Fünfzehn Tage hielten die Belagerten aus, da war ihr Widerstand gebrochen, der Hunger zwang sie, sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Es ist nicht der geringste Zweifel, daß Muhammed — das war arabischer Kricgsbrauch — die Männer abschlachten, die Weiber und Kinder in die Sklaverei verkaufen lassen wollte. Da aber schlug dem Führer kr Chazradscli, Abdallah ibn Ubai, das Gewissen; in drohender, fast handgreiflicher Weise zwang er den Propheten, keinem der 700 Gefangenen ein Leid anzuthun, so daß er nur die gelindeste Strafe, Landesverweisung, über sie aussprechen konnte. Innerhalb drei Tagen zog der ganze Stamm von dannen, wie es heißt, um sich in Adri'at niederzulassen, demselben Orte, welcher in der Thora und auch im Buche Josua unter dem Namen Edre'i als Hauptstadt von Basclian erwähnt wird und auch heute als Dir'a Sitz eines türkischen Kaimakam ist. Hab und Gut hatten sie natürlich zurücklassen müssen, und das war ein fetter Bissen, den sich die Gläubigen gar wohl schmecken ließen. Mit den Erfolgen des ersten Kampfes gegen die Juden zunächst zufrieden, setzte Muhammed doch noch von Zeit zu Zeit den Stahl der Meuchelmörder in Bewegung, um Einzelne, welche ihm besonders unbequem waren, aus dem Wege zu schaffen. Das erste seiner Opfer wurde der Dichter K'ab ben el-Aschraf, vom Stamme der Bann Nadir, der Schutzgeuossen der Bonn Ans; da