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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-02-23 · Heft 8 (23.2.1894) · p. Seite 89

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 8 (23.2.1894)
Date
1894-02-23
Page
Seite 89 (sequence 5)
Language
German
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89 wird, manche Vereinsrabbiner zu Gemeinderabbinern zu ernennen. Nichts wird daher leichter sein, als vorlvmmendenfalls dieselben zur zeitweiligen Substitution zu verwenden. Dagegen kann es nie und nimnicr zugestanden werden, daß für die Gemeinde-Bethäuser nicht dahin Vorsorge getroffen werde, daß daselbst nur Rabbiner beziehungsweise Prediger zur Funktion gelangen, welche der Größe, Bedeutung, Stellung und Intelligenz der Gemeinde voll und ganz entsprechen. Und kann denn daran vcrqeffen werden, welche nicht abzuweisende Forderungen die gegenwärtige Zeit gerade in dieser Richtung erhebt? Ich müßte fürchten, argen Mißbrauch mit der Geduld und Zeit der geehrten Leser zu treibe», wenn ich all' das rekapitulirte, was ich hierüber wiederholt vorbrachte. Mir will es unfaßbar scheinen, daß nicht endlich hierfür Gehör und Willfährigkeit sich finden sollte. Die Antwort, welche der Ministerpräsident, Fürst Windischgrätz, der Deputation des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus gegeben, hat verschiedene Auslegungen erfahren. Darin liegt das Mißliche. Aus solchem Munde, gegenüber einer aus den hervorragendsten nichtjüdischen Kreisen zusammengesetzten Deputation, in einer alle Schichten der Gesellschaft gleich aktuell berührenden Frage hätte die Antwort klar, bündig, keine Zweideutung zulassend sein müssen. Möglich spielt hier ein anderer Umstand mit. Der Absendung der Deputation gingen Verhandlungen zwischen den hierbei in Betracht kommenden Faktoren voraus. Wenn das Programm der dermaligen Regierung auch einen Passus enthielt, wonach diese die Bekämpfung der excessiv sich verhaltenden Elemente als ihre Aufgabe bezeichnete, so wollte sie doch nicht durch eine nicht wohlerwogene Aeußerung dieselben reizen. Der Ministerrath, dem der Gegenstand zur Berathung vorlag, glaubte daher mit der bekannten Fassung der Antwort der Scylla und Charybdis glücklich zu entgehen. Ob ihr das wirklich gelungen, wird die Folge zeigen. Der Wildheit läßt sich nur mit energischem Blick erfolgreich begegnen. Vielleicht auch, daß die Regierung nach ihren Thaten und nicht nach ihren Worten beurtheilt sein will. Wie verlautet, haben im Verlaufe einer Woche elf Konfiskationen wegen journalistischer Angriffe gegen Juden stattgefunden. Es ist nicht ausgeschloffen, daß die Bemerkungen des Erzherzogs Karl Ludwig bezüglich der gegenwärtig in Wien herrschenden Erwerbs- und Bauverhältnisse dazu beitragen werden, maßgebenden Orts die Finger auf die offene Wunde zu legen. Woher soll der Muth zu irgend welcher Unternehmung kommen, wenn die Widerwärtigkeiten sich mehren und auf Schritt und Tritt Blöcke der Gehässigkeit in den Weg gelegt werden? Innigste Anerkennung und aufrichtigsten Dank verdient der Verein zur Bekämpfung des Antisemitismus, welcher die ihm gestellte Aufgabe mit der vollen Hingabe der Ueberzeugung und der ganzen Wärme des Herzens erfaßt. Nicht nur an seiner, sondern an der Spitze seiner Bestrebungen befindet sich das Herrenhausmitglied Baron Leitenberger. Vom Jahre 1881, seitdem die Judenverfolgungen in Rußland begonnen, bis heute, befindet sich dieser Philanthrop in den vordersten Reihen derjenige», die mit vollem Herzen und voller Hand der Unterdrückten sich annehmen und Rettung für sie suchen. Das Vereinsorgan „Freies Blatt" wird ausschließlich von ihm erhalten. Wenn ich sage, daß dessen Erhaltung nahezu 20,000 Gulden in Anspruch nimmt, so wird man die Größe der Munifizenz dieses seltenen Mannes, dessen arische Abstammung keinen Zweifel zuläßt, für die Sache der Juden ermessen können. Um so peinlicher muß es berühren, daß dieses Blatt von seinen hiesigen jüdischen Kollegen so glit wie ignorirt wird. Nicht um Reklame handelt es sich hierbei, vielmehr um die Courtoisie gegenüber seinem Protektor und die Aufmunterung gegenüber dem Vereine, welchem das Blatt dient. Von dem Antisemitismus, der sein Unwesen im Westen treibt, bis zur harten Bedrückung unserer Glaubensgenossen im Osten ist nur ein Schritt. Ich werde daher kaum eines logischen salto mortale geziehen werden, wenn ich jetzt auf letztere zurückkomme. Wenn auch leider des Unerträglichen genug vorhanden ist, worunter die Juden in Rußland seufzen, so muß doch mit Genugthuung konstatirt werden, daß deren Lage sich nicht unwesentlich gebessert hat. Daß sie nicht Haus und Hof auf dem Lande, wo sie durch die j Bonhommie Alexanders II. ungehindert sich aufhalten durften, sofort verlassen müssen, ist von kaum berechenbarem moralischen und ma- : teriellen Vortheile. Darin liegt aber auch für die dortigen Glaubensgenossen die Pflicht, sich nicht leichterdings zur Emigration zu entschließen. So prekär ihre Lebensstellung noch immer auch sein mag, so ist sie doch dem ungewissen Etwas vorzuziehcn, welchem sie sich durch das Verlassen der Heiniath in die Arme werfen. Die Berichte, welche von den russischen Juden einlaufen, die in der Fremde ihr? Heil gesucht haben, lauten durchaus nicht rosig. Man lese die ver- ■ schiedenen Korrespondenzen dieser Beklagenswerthen. Anderseits tragen sie nicht wenig dazu bei, die Situation ihrer Glaubensbrüder . in den Metropolen und den größern Städten des Westens zu ge- J fährden. Ein trauriger Beleg hierfür ist das, was A. W. Rabbinowitz | in der Zeitschrift „Hamagid" aus London schreibt. Wenn solches am grünen Holze des englischen Freiheits-, Gleichheits- und Brüderf lichkeitsbewußtseins sich zu vollziehen droht, was erst am dürren } Holze der rückläufigen Bewegung, die im öffentlichen Leben der übrigen Staaten Europas allzu sehr in den Wahrnehmungskreis tritt! | So hart es klingen mag, so wird doch angesichts dieser immer mehr :j an den Tag tretenden Verhältnisse kein anderer Ausweg übrig bleiben, 1 als den russischen Auswanderern die Mittel zur Niederlassung in p der Fremde zu versagen. ii Im alten Schriftthume wird die Frage ventilirt, wie es zu;; halten sei, wenn zwei Reisende den Weg durch eine Wüste nehmen, : | aber nur der Eine einen Schlauch Wasser zur Verfügung hat, das hinreichend ist, um einen vor dem Erdursten zu schützen, dagegen Beide dem sichern Tode preisgegeben wären, wenn sie das Naß zu gleichen Theilen konsumiren; gebietet das Gebot der Nächstenliebe demungeachtet, die gleichmäßige Repartition des Wassers? Die 1 Frage wird verneint. Wird das Los der nach dem Westen gelangenden russischen Juden ein günstiges, wenn durch ihren Zuzug das Los der ansässigen Juden sich arg verschlimmert? — T. ' Muhammed und die Juden. Ein Vortrag, gehalten im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur zu Berlin von Professor Dr. M. Hartmann. (Fortsetzung.) n den Medinischen Offenbarungen hat Ibrahim die Söhne —1 Isaak und Jsmael, soll den Letzteren schlachten (manche ß Theologen behaupten allerdings, es sei der Isaak gewesen, den er E darbringen sollte) und baut auf Befehl Gottes mit Hilfe des Jsmael J das heilige Haus zu Mekka, bte Ka'ba. Der neueste Biograph * Muhammeds, Grimme, erklärt das so, daß Muhammed eine perfide Fälschung begangen habe; der Medinische Abraham als Erbauer des heiligen Hauses sei von ihm völlig frei erfunden, zunächst um die Einführung des Ka'bafulte?, deren erster Schritt ja die Abänderung der Xibla war, zu rechtfertigen, sodann um durch diese Fälschung

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