Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1894)
- Date
- 1894-02-23
- Page
- Seite 88 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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iifMWWUMdüMWN M'd' '>V if' '-C ""W 't* -" ~ |> zzjrfTVtf&ßür* -* ----- “i I 88 dürfnisse auch zu befriedigen sein mögen, so viel Seiten des ausgedehnten und weitverzweigten Liedeswerks auch besondere Aufmerksamkeit heischen, so viele Fragen auftauchen und ihre Erledigung fordern, so viel für die Ehre und Würde, für die Erhaltung und Ausgestaltung des Judenthums aufzubringen und zu leisten sein mag, es finden sich immer Mittel und Männer genug, die im Stande und bereit sind, diese Opfer auf sich zu nehmen. Anders in der Provinz. Die Aufgaben und Pflichten sind im Verhältniß die gleichen, die Mittel, ihnen zu genügen, sind immer geringer geworden. Die Strömung, die vornehmlich in den zwei letzten Jahrzehnten der Entwicklung jüdischen Lebens das Gepräge verleiht und die' von den kleinen und niittleren Gemeinden in die Großstädte geht, hat deren Kraft und Leistungsfähigkeit, trotzdem sie schon groß war, erhöht, und die jener empfindlich geschmälert. Und doch steht dem verringerten Können klein kleineres Sollen gegenüber: „Lehre, Gottesdienst und Wohlthun" verlangen nach wie vor ihre Pflege, wenn diese Säulen das Heiligthum weiter tragen und schmücken sollen. Die religiöse Gesinnung, die in den Kleinstädten noch reger und lebendiger ist, möchte gern auch alle Triebe religiöseil Lebens befruchten und anbauen, aber auch die freudigste Begeisterung kann nicht auf die Dauer die Unzulänglichkeit der Kräfte und Mittel ersetzen. Wir können diese Beobachtungen ilirgends besser als gerade in Oberschlesien anstellen, weiin auch die anderen Provinzen kaum ein anderes Bild aufweisen dürften. Vielen Gemeinden ist von dem alten Glanz nichts als der Name geblieben. Wo einst anerkannte Rabbiner Kanzel und Lehrstuhl beherrschten, ist die Thora verwaist. und die religiösen Einrichtungen sind mehr oder weniger verfallen. Den vielen, die sich im Niedergange befinden, stehen nur wenig aufblühcnde gegenüber. Glücklich diejenigen, die sich quantitativ auf der alten Höhe erhielten, aber auch diese haben qualitativ — wir denken natürlich nur an die Steuer- und Leistungsfähigkeit — manche Einbuße erlitten. Ueberall ist diese durch Wegzug vermindert worden. Die Begüterten, froh über den Segen, der ihnen geworden, verließen die Stätte ihrer Arbeit mit den Früchten, die sie errungen, und überließen es den Ziirückbleibenden, die entstandenen Lücken zu füllen. Hätten sie nicht selbst dazu beitragen können und müffen? Hätten sie nicht durch Vermächtniß und Schenkung die Zukunft und den Fortbestand der Gemeinschaft, in der sie die Jahre der Arbeit, wohl die schönsten des Lebens, verbracht, sichern müffen, und an ihren Glaubensbrüdern die hehrste und reinste Menschenliebe dadurch geübt, daß sie jenen schwachen Schultern zur Stütze wurden und ihrer Gemeinde halfen, den idealen Forderungen jüdischen Lebens in gewünschter, ausgiebiger Weise zu allen Zeiten gerecht zu werden? Wenn die Großstadt der Mithilfe Einzelner nicht entrathen zu können glaubt, will sie den Anforderungen der Dürftigen und Bedrückten in vollem Umfang genügen, wenn da die Kraft der Gesammtheit durch die Leistungen einiger Bevorzugter erhöht werden' muß, um wie viel schärfer tritt das Bedürfniß in kleinen Gemeinwesen hervor, deren Bestand sonst ernstlich in Frage gestellt ist. Es ist leider nicht allzu häufig, daß den kleinen Gemeinden derart in wirksamer Weise geholfen wird, und doch bietet sich hier ein großes und weites Feld, den edlen Regungen des Herzens zu folgen und Träger und Förderer des uns allen werthen Heiligthums der Religion zu werden. Ein uraltes Prophetenwort mahnt uns ernst und eindringlich, „Zeichen aufzustellen und das Herz auf den Pfad zu lenken, den wir - durchmeffen". Welch schönere Spuren seiner Wirksamkeit könnte so mancher Glaubensgenoffe auf dem Felde der Arbeit zurücklaffen, und wie könnte er beflere Erinnerungszeichen an seinen Lebensweg aufstellen, als die Beweise der Fürsorge für die Ziele, Zwecke und Bedürfniffe seiner Glaubensgemeinde, für die Festigung und den Ausbau eines kraftvollen und unvergänglichen religiösen und gemeindlichen Lebens! Mancher Name, sonst nie genannt, würde ewigen Klang bewahren, manche Spur, sonst rasch verweht, würde in Aeonen nicht untergehen. Wiener Briefe. ö XXVII. d) möchte Sie, geehrter Herr Redakteur, wenn auch nicht in so J3? elegischem Tone, wie die Fides, mit dem Klageruf apostrophireu: „Hab't Erbarmen mit mir Armen!" Ihr Kobold am Setzkasten treibt es nahezu so, als wäre ihm der ganze Faschingsübermuth in die Finger gefahren. Er achtet auf keine» Unterschied der Geschlechter, benimmt sich gleich resolut, ob er gegenüber einem Singular oder Plural sich befindet, verbindet und trennt so leichterdings, als hätte er dies einem polnischen Rabbi abgeguckt. — Nun — warum soll ich es Ihnen leugnen? — ich für mein Theil möchte ihm den Spaß nicht verderben, der gute Junge kömmt ohnedies nur selten zu einem bischen heiterer Laune; aber da sind die Gewiffen mit den stark entwickelten Spürnasen und dem herzlich schwach kultivirten Intellekt; der geringfügigste Lapsus genügt diesen Hyperkorrekten, um das ganze Druckobjekt, was auch deffen Inhalt sein mag, als verfehlt zu bezeichnen. Sie halten es umgekehrt wie jener Talmudlehrer: die Schale ist ihr Genuß, den Kern werfen sie weg. Diesen Käuzen mache ich das Geschäft nicht gern gar so leicht. — Vielleicht, Herr Redakteur, gelingt es Ihnen, den lustigen Patron durch freundlichen Zuspruch ein wenig zur Raison zu bringen. Nach dieser Expektoration, die Sie mir verzeihen wollen, gehe ich zur Sache über. Ich nehme den Faden dort auf, wo ich ihn in dem vorigen Briefe habe fallen laffen. Wie ich von einer durch Stellung und Beziehung wohl unterrichteten Seite erfahre, beabsichtigt der Vorstand, die durch das Ableben des Dr. Jellinek vakant gewordene Kanzel im Bethause der inneren Stadt dem Oberrabbiner Dr. Güdemann und die des Leopoldstädter Tempels dem Oberrabbiner Dr. Schmiedl einzuräumen. Nach Lage der Verhältniffe ist die Berufung des Ersteren eine selbstverständliche. Aufrichtige Genugthüung muß es bereiten, Herrn Dr. Schmiedl auf einen Posten versetzt zu sehen, den einzunehmen er im vollsten Maße verdient. Sein Rang als Gelehrter, seine Bedeutung als Kanzelredner, sein gewinnendes Wesen qualifizirten ihn schon vor Jahrzehnten für eine solche Stelle. Ich kann daher seine nunmehrige Berufung mit inniger Freude begrüßen. Gleichwohl läßt sich diese vom Vorstande getroffene Anordnung nur als eine sogenannte Horuath Schoch, als eine Palliativ-Verfügung bezeichnen. Das hohe Alter des Dr. Schmiedl erheischt dringende Schonung, imnachsichtig sind aber die Forderungen, welche die größte Gemeinde des Kontinents an die rabbinischen Funktionäre stellt; kann also den thatsächlichen Bedürfniffen der Gemeinde auf diese Weise gebührend abgeholfen sein? Das Auslangen mit Aushilfsrabbinern zu suchen, wird kaum wieder unternommen werden. Für eine Wiener Kultusgemeinde kann und darf nur das Beste gut genug sein. An Aushilfsorganen nach dieser Richtung wird es ohnedies nicht fehlen, da der Vorstand durch die einschlägigen, aus dem Gesetze zur Regelung der äußern Rechtsverhältnisse der Juden sich ergebendem gesetzlichen Bestimmungen, durch die in der Gemeinde vorhandenen, den verschiedensten Ritualrichtungen folgenden Parteien, durch den räumlichen und numerischen Umfang der Gemeinde bemüßigt sein :■