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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-02-23 · Heft 8 (23.2.1894) · p. Seite 86

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 8 (23.2.1894)
Date
1894-02-23
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
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- 86 - Nie Woche. Berlin, 20. Februar. er Bund der Landwirt he hat die Judenemanzipatiou aufgehoben — allerdings nur für seinen kleinen Kreis. In der Generalversammlung vom Sonnabend wurde unterstürmischem demonstrativen Beifall in das Statut die Bestimmung aufgenonunen, daß jedes Mitglied des Bundes einer der christlichen Religionen angehören muß. Dagegen stimmte Niemand! Nun beim, die jüdischen Landwirthe werden sich über diese Ausschließung zu trösten suchen, ebenso wie sich die Reichsregierung und Graf Caprivi über die maßlosen Angriffe der Herren zu trösten wissen. * Sowohl in jener Versammlung der Landwirthe als auch in dem Vortrag des Herrn Prof. Nathusius wurde das alte Schlagwort, der Jude sei das Ferment der Dekomposition, weidlich ausgenutzt. Hier wie dort suchte man den Nachweis zu führen, daß der Untergang blühender Kulturen und Stände nur der Maulwurfsarbeit der Juden zuzuschreiben sei. Und doch beweist die Geschichte, daß das menschliche Elend in den „judenreinen" Ländern (Spanien, Sizilien rc.) viel größer ist als an andern Orten, in denen die Juden einen beträchtlichen Theil der Bevölkerung ausmachen. Dieser Einsicht können sich auch selbst die stark antisemitisch gefärbten „Grenzboten" nicht mehr verschließen. In einem ihrer letzten Hefte heißt es: „Wenn in großen Kulturstaaten, die sich eines kräftigen Bürger¬ und Bauernstandes erfreuten, dieser zerstört worden ist, so können dieser Leistung nicht die Juden, sondern „andere mächtigere Leute" sich rühmen." „Nicht Juden sind es gewesen, sondern hochkirchliche Lords normännischen und angelsächsischen Blutes, die den englischen Bauernstand vernichtet haben. Nicht Juden, sondern Vollblutitaliener sind es, die das italienische Landvolk in einen Zustand bejammernswürdiger Armuth und Sklaverei herabgedrückt haben, und weder ihr politisches noch ihr religiöses Glaubensbekenntniß hat auf ihre Handlungsweise Einfluß geübt; ehemals waren sie fromme, konservative Räuber und besuchten die Messe, heute sind sie liberale Räuber und beten mit ihrem Carducci zum Satan, aber Räuber sind sie nach wie vor. Nicht Juden, sondern orthodoxe Bauern sind in Rußland die Mitfresser Nicht Juden, sondern Iankees sind es gewesen, die, um fabelhafte Reichthümer aufzuhäufen, die natürliche gesunde Entwickelung Nordamerikas gewaltsam unterbrochen und durch Landdiebstahl, Schutzzölle, Ringe und Silbergesetze in jenem geräumigen, reichen und dünnbevölkerten Lande die sozialen Nöthe jetzt schon erzeugt haben, die sich bei natürlicher Entwickelung erst nach einigen hundert Jahren eingestellt haben würden." Wer kann angesichts dieser Thatsachen noch vom Mittelstände sprechen, den die Juden aufgerieben haben sollen? Der Prozeß in Dresden zwischen den beiden Antisemiten Li man und Lohan hat sein Ende erreicht. Das Urtheil lautet gegen Dr. Lohan wegen Beleidigung auf 300 Mark Geldstrafe event. 60 Lage Gefängniß, gegen Dr. Liman ebenfalls wegen Beleidigung auf 250 Mark Geldstrafe event. 50 Tage Gefängniß. Aus der Begründung des Urtheils heben wir die Thatsache hervor, daß dem Dr. Lohan der Schutz des § 193 Str.-G.-B. (Wahrnehmung berechtigter Interessen) versagt, dem Dr. Liman dieser Schutz dagegen gewährt worden ist. Eigenthümlich ist die Motivirnng dieses zweierlei Maßes. Der betreffende Pafflls der Urtheilsgründe lautet nämlich: „Dr. Liman stand im Interesse seiner Sache das Recht zu, sich gegen die Vorwürfe Dr. Lohans zu vertheidigen, auch wenn er wußte, daß nicht Alles in seiner Vertheidigung wahr war. Insbesondere sei Dr Liman, trotzdem er sich seiner jüdischen Abstammung bewußt war, berechtigt gewesen, dies in Abrede zu stellen." * Aus der Schweiz erhalten wir folgende wichtige Meldung von der Bildung einer Vereinigung freisinniger Israeliten: Fürsprech H. Guggenheim in Baden, Dr. jur. H. Guggenheim in Zürich und M. Bernheim in Basel erlaffen als provisorischer Vorstand der Vereinigung freisinniger schweizerischer Israeliten folgenden Aufruf an ihre Glaubensgenossen in der Schweiz: „Eine Anzahl Eingeladener aus verschiedenen israelitischen Gemeinden hat es angezeigt gefunden, eine Vereinigung freisinniger, schweizerischer Israeliten zu gründen. Wir hielten es für nöthig, der an vielen Orten eingetretenen retrograden Bewegung einerseits, der apathischen Gleichgiltigkeit andererseits entgegenzutreten. Unsere frommen Eltern und Ahnen bemühten sich, die politische Gleichberechtigung und damit eine bessere Lebensstellung zu erhalten. Jetzt, nachdem wir dies erreicht, dürfen wir uns nicht undankbar zeigen und wie im Mittelalter uns vom christlichen Staate abschließen, der unsere Heimath bildet. Energisch gedenken wir gegen jene retrograde Bewegung Front zu machen, welche eine Scheidewand gegen unsere christlichen Mitbürger aufzustellen sucht und in unserer erhabenen Religion nur Formen sieht, den edlen Kern aber ignorirt. Stellung nehmen wollen wir dagegen, daß sich unsere orthodoxen Rabbiner bei Gemeinde-, kantonalen, eidgenössischen, sogar bei Militärbehörden in Schul- und anderen Angelegenheiten als die berufenen Vertreter der Gesammtheit der Israeliten geriren, während sie doch nach unserm Ritus nur Prädikanten und Gesetzesinterpreten in ihren Gemeinden find. Schon früher wurde der Versuch gemacht, die isolirt stehenden israelitischen Gemeinden zu einer Vereinigung zu organisiren. Der Versuch scheiterte an der Differenz der Auffassungen und an der Indifferenz des Einzelnen. Jetzt wollen wir die freisinnig-denkenden Israeliten vereinigen, um mit vereinten Kräften dem religiösen und sozialen Krebsgang entgegen zu arbeiten. Wir legen Ihnen kein Programm vor. Ein solches zu besprechen, wird Gegenstand der ersten Generalversammlung sein. Dagegen fügen wir den vom provisorischen Vorstande durchberathenen Statutenentwurf bei. Wir ersuchen Sie, irgend einem Mitgliede des Unterzeichneten Vorstandes ihren Entschluß mitzutheilen, ob Sie unserer Vereinigung beizutreten oder wenigstens der ersten, größeren Versammlung beizuwohnen gedenken. Wenn ja, so bitten wir Sie, in Ihren Freundeskreisen für unsere Ideen und für unsere Vereinigung zu wirken." Daß uns die Idee einer solchen religiös-fortschrittlichen Vereinigung sehr sympathisch ist, brauchen wir wohl nicht erst zu sagen. Dagegen scheint uns die Fassung des Aufrufs hier und da nicht eben glücklich. So, wenn vom „christlichen Staate" die Rede ist, der unsere Heimath ist, oder wenn von den Rabbinern gesagt wird, sie seien nur „Prädikanten und Gesetzesinterpreten". O nein, die Rabbiner sind nach jüdischer Anschauung wohl die berufenen Vertreter der Gesammtheit. Nur sollten die Herren dafür sorgen, daß die Gemeinden wahrhaft freisinnige Rabbiner wählen, die keine künstliche Scheidewände aufstellen und das moderne Judenthum auch in der modernen Gesellschaft würdig repräsentiren werden. Me Bedeutung der Juden für den deutsch-russischen Grenzhandel. Von M. Friedeberg. 'out 15. Jahrhundert an war der hanseatische Handel das ausschließliche Vorrecht der sogenannten Großbürger, die nur eingeborenen hanseatischen Kaufleuten die Aufnahme in die Zunft gestatteten. Fremde Kaufleute wurden als Handelsgäste betrachtet und waren unter der Benennung Lieger vielen Bedrückungen unterworfen. Am meisten Schwierigkeiten bereiteten die hanseatischen Zünfte den Juden, welche aus Rußland Getreide einführten oder Stapelwaaren aus Polen, Persien oder von Leipzig nach den Hansastädten brachten und dort pack-, stück- oder faßweise

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