Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1894)
- Date
- 1894-02-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 23. Februar 1894. 58. Jahrgang. Ur. 8. Allgemeine eitung des Audenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig Philippson-Sonn. Verlags-Expedition: iöerlin, Lerufalemerkr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition und au die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Illdenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Nndolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Strei/band bezogen vierteljähxl.3M. Nedacteur: Gustav KarpeLes. 3llt)ltlt Leitartikel r Die weltgeschichtliche Bedeutung des jüdischen Volkes. — Die Wocke. — Die Bedeutung der Juden für den deutsch-russischen (Grenzhandel. Von M. Friedebera. — Jüdische Wohlthätigkeit. Von Dr. S. Goldschmidt. — Wiener Briefe. XXVII. Von T. — Niuhammed und die Juden. Von Professor Dr. Nt. Hartmann. (Fortsetzung.) — Feuilleton: Die Jüdin. Erzählung von John Paulsen. (Fortsetzung.) — An der Pforte des Paradieses. Von Albert Katz. (Schluß.) — Lttterartsche Mittheilungen. — Spremsaal. Der Gernetndevote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin. Allenstein. Meschen. Neisse. Leipzig. Aschersleben. Hannover. Witten, Wien, Prag. — Bon Nah nnd Fern. - Miscellen. — Geschäftliche Notizen. ,,Die weltgeschichtliche Bedeutung des jüdischen Volkes". Berlin. 21. Februar. eit Jahrzehnten ist dieses Thema einer der beliebtesten Vortragsstoffe für theologische Professoren und evangelische Pastoren. Man kann sogar das Schema mit ziemlicher Sicherheit aufstellen, nach dem ein solcher Vortrag sich abrollt. Israel, als Vertreter der Offenbarung — das ist der erste Theil; die Ablösung Israels durch das Christenthum — das ist der zweite Theil. Der Fluch, der auf Israel nunmehr lastet — das ist der feierliche Schluß des Vortrags, der gewöhnlich noch durch die schauerliche Sage von Ahasver, dem rastlos wandernden ewigen Juden, die verehrten Zuhörer in ein angenehmes Gruseln versetzt. Dagegen wäre nun nichts einzuwenden, zumal wir uns ja bereits seit dreißig Jahren an derartige Vorträge gewöhnt haben. Ganz anders liegt die Sache jedoch, wenn einer der Herren Vortragenden einmal von diesem Schema abweicht und den alten Stoff durch neue Gesichtspunkte zu beleben sucht, wie dies z. B. jüngst Herr Profeffor v. Nathusius aus Greifswald in evangelisch-kirchlichen Hilfsverein zu Stralsund gethan hat. Ein solcher Vortrag verlangt besondere Beachtung. Gerade weil er auf der einen Seite den Juden so viel Rühmliches nachsagt, wiegen die Angriffe, welche er gegen ihre Geschichte erhebt, um so schwerer und verlangen um so entschiedener eine Berichtigung. Dem Hofprediger Schubert, so begann Redner seinen Vortrag, habe einst der König Friedrich Wilhelm die Frage vorgelegt, welches der beste Beweis für die Wahrheit der Bibel sei. Der Hofprediger habe geantwortet: „Die Juden." Und in der That, die Juden in ihrer Existenz und ihrer Geschichte seien ein Beweis, daß die Bibel Wahrheit sei. Es sei das merkwürdigste Volk der Weltgeschichte, kein Kulturvolk könne sich an Alter seiner Traditionen mit ihm messen. Israel habe aber nicht nur eine weltgeschichtliche Bedeutung, sondern auch einen religiösen Beruf in der Geschichte. „Es ist der Schöpfer selbst, welcher sich dies Volk zubereitet, auserwählt hat, um ein besonderes Werkzeug für seine Offenbarungen an das Menschengeschlecht zu haben. So lange es eine Weltgeschichte giebt, wird das jüdische Volk auch seine Aufgabe haben, bis an das Ende der Tage." Im zweiten Theile wird aus dem Volk des Segens ein Volk des Fluches, nun, wir keimen ja das alte Schema, und werden uns darüber nicht weiter aufregen. Dagegen möchten wir uns aber doch mit aller Entschiedenheit gegen einige Behauptungen auflehnen, die der gelehrte Herr in diesem zweiten Theil vorgebracht hat. Es sind dies die drei folgenden Behauptungen: 1. „Bei den großen Christenverfolgungen sind die Juden überall die Anführer und Hetzer gewesen." 2. „Schon im römischen Reiche, wo ihnen Alles offen stand, waren sie die Händler, namentlich mit Sklave»; dazu kam ihre Intoleranz gegen die Fremden, ihre christlichen Sklaven wurden von ihnen sämmtlich zu Jude» gemacht." 3. „In Spanien gewannen sie später die Oberhand und zwei Minister wollten schon in Spanien ein jüdisches Weltreich errichten." Alle diese drei Behauptungen sind ebenso neu wie — falsch. Ganz unerfindlich ist uns die Quelle, aus welcher Herr Professor Nathusius die Thatsache geschöpft hat, daß die Juden bei den Christenverfolgungen als „Hetzer" agitirt hätten. Wir haben nirgends auch nur den geringsten Anhaltspunkt dafür finden können und müssen diese Behauptung, bis uns sichere Beweise dafür vorgebracht werden, in das Reich der mythenbildenden Phantasie verweisen. Nicht weniger unrichtig ist die zweite Behauptung, daß die Juden in Rom vor Allem den Sklavenhandel betrieben und ihre Sklaven zu Juden gemacht hätten. Es ist bekannt, wie sehr sich die Juden gegen Proselyten gewehrt haben, und von einer römischen Frau wird erzählt, daß sie mit ihrem ganzen Sklavengefolge freiwillig zum Judenthum übergetreten. Einige andere Sklaven hatten die Proselytentaufe vo» ihrer Gebieterin Beturia empfangen und erhielten dadurch auf den Ausspruch Rabbi Gamaliels die Freiheit, weil ihre Herrin in jenem Augenblick noch Heidin war und dadurch ihr Anrecht auf die Sklaven verloren hatte. Das ist so ziemlich Alles, was über den Gegenstand bekannt ist. Das klingt aber doch wahrhaftig ganz anders, als der gelehrte Herr Professor seinen frommen Zuhörern in Stralsund es dargestellt hat. Gleichfalls in das Reich der mythenbildenden Phantasie gehört die dritte Behauptung von den zwei Ministern, die in Spanien ein jüdisches Weltreich gründen wollten. Wir sind wahrhaftig schon an das Wunderbarste und Abenteuerlichste gewöhnt, aber unsere Verwunderung beginnt immer von Neuem, wenn wir aus gelehrtem Munde derartige unerhörte und ganz aus der Luft gegriffene Behauptungen vernehmen. Wenn das die Professoren der Theologie in wissenschaftlichen Vereinen thun, was kann man dann den Professoren des Antisemitismus in wüsten Volksversammlungen übel nehmen?