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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-02-16 · Heft 7 (16.2.1894) · p. Seite 84

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 7 (16.2.1894)
Date
1894-02-16
Page
Seite 84 (sequence 12)
Language
German
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84 Litterarische Mittherlungen. ---- Jiskor; Buch der Erinnerung. Betrachtungen in Gebeten bei der Seelengedächtniß-Feier an der Jahrzeit an den Gräbern re von Prediger Lion Wolfs, Berlin, Selbstverlag des Verfassers, Alexanderstraße 33. Der Verfasser, bekannt durch seine zahlreichen Handbücher für Kultusbeamte und Lehrer, bietet hier ein Werk von allgemeinem Interesse. Das Jiskor ist ein im modernen Gewände, eine Ergänzung unserer Gebetbuch-Litteratur. Für die Seelengedächtniß-Feier bringt es nicht allein die Liturgie der Berliner Synagogen, sondern zahlreiche Betrachtungen, die nicht in den Festgebetbüchern enthalten sind. Für die Jahrzeit enthält das Buch zunächst allgemeine Gebete (deutsch), sodann das Kaddisch in hebräischer, deutscher Sprache und mit lateinischen Lettern, eine historische Einleitung und Erklärung, die der sel. Dr. Jellinek für den Verfasser geschrieben. Ferner eine große Auswahl von Gebeten an den Gräbern, Poesien für die betreffenden Fälle u. s w. Das Buch ist in handlichem Format auf Velinpapier gedruckt und sehr geschmackvoll gebunden. Es wäre dem fleißigen Verfasser, der demnächst auf eine 25jährige Wirksamkeit als Prediger und Schriftsteller zurückblickt, wohl zu wünschen, daß sein neuestes Werk reichen Absatz findet; nicht allein seinetwillen, sondern um des Buches willen, das in der That eine Lücke in dieser Litteratur ausfüllt und jede Empfehlung und Förderung wohl verdient. Kprerhsaat. Sehr geehrter Herr Redakteur! dem Aufsatz „Aus Ostpreußen" in Nr. 6 Ihres Blattes befindet sich eine Bemerkung, die von irrthümlichen Voraussetzungen ausgeht, und die der Verfasser „auch ein Beitrag zu der Geschichte des Handelsvertrages mit Rußland" betitelt, wonach der Glaube an eine Blutbeschuldigung, wie sie jüngst in Russisch-Neustadt vorgekommen, unter den dortigen Einwohnern nicht entstanden wäre, „wenn ihnen nicht die Anregung hierzu von Westen her" quer durch Deutschland zugegangen und nach Rußland importirt worden wäre." Diese Auffassung ist, wie mir scheint, unrichtig. Bereits 1837 sah sich der „russische Mendelssohn", I. B. Levinsohn, genöthigt, sein Buch „Efess Damim“ zu schreiben, das zuerst hebräisch erschien und dann ins Russische, Englische und neuerdings von A Katz („Die Blutlüge", Berlin, Hugo Schildberger) ins Deutsche übersetzt wurde. Es heißt in der dem Gedächtniß L's gewidmeten Vorrede: „Plötzlich erging an ihn der Ruf vieler Rabbiner und Gemeindevorsteher, eine Apologie gegen die Blutanklage, die zur Zeit in vielen Städten Rußlands gegen die Juden erhoben wurde, zu schreiben und seinen Einfluß an höherer Stelle zu Gunsten seiner unglücklichen Glaubensgenossen auszuüben." Das sehr interessante Werk ist in Gestalt eines Dialogs zwischen einen Popen und einem Rabbiner abgefaßt und enthält auch wichtige Aktenstücke zur Geschichte der Blutbeschuldigung in Rußland, so die Abschrift eines Erlasses des Ministers für geistliche Angelegenheiten fremder Konfessionen in Rußland, Fürsten Alexander Galizyn, vom 6. März 1817, in dem es heißt: „Anläßlich der jetzt in einigen von Polen an Rußland annektirten Gouvernements gegen die Juden erhobenen Beschuldigung wegen angeblicher Ermordung von Christen zu rituellen Zwecken, hat Kaiser Alexander I. geruht, mir zu befehlen, daß . . . die Juden künftighin ohne Beweise, nur auf Grund des Vorurtheils, daß sie Christenblutes bedürfen, nicht mehr angeklagt werden dürfen." . Kurz, es ist die „alte Geschichte", wegen der jetzt die 60 Bauern in Tauroggen zu 8 und 9 Monaten Gefängniß verurtheilt wurden, —r aber es ist müßig, gerade das bis jetzt am wenigsten antisemitisch infizirte Ostpreußen als den Ansteckungsherd für den unter den Russen aufgetauchten neuesten kontagiösen Fall von Ritualmordschwindel verantwortlich zu machen. Rußland ist uns in diesen Dingen schon früher über gewesen. Hochachtend Pankow b. Berlin, 11. Februar M. Friedeberg. * Geehrter Herr Redakteur! der letzten Nummer dieser Zeitung veröffentlicht Herr Dr. Rosenthal einen kleinen Aufsatz: „Litteraturvereine und gottesdienstliche Fragen," in welchem er von meinem in Nr 4 enthaltenen Aufsatze „Unser Gottesdienst" ausgeht. Alles, ^was mir seither über meine Arbeit zu Ohr und Gesicht gekommen ist, lautet zustimmend, zum Theil sogar in begeisterten Worten. Auf Widerspruch brauchte ich allerdings auch nicht gerade zu rechnen, da ich in meinen streng sachlichen Ausführungen nur Thatsächliches vorbrachte. Auch Herr Dr. R. hat nichts gegen sie einzuwenden gehabt; nur der Schluß meines Aufsatzes bot ihm eine Gelegenheit, mich zu tadeln. Ich habe da nämlich den Wunsch ausgesprochen, daß auch die Litteraturvereine sich die Hebung der Würde des Gottesdienstes angelegen sein lassen möchten, indem sie auch gottesdienstliche Fragen auf die Tagesordnung setzen. Und warum sollte man nicht z. B. über die Entwickelung des Gottesdienstes, der Gebetordnung, der Thoravorlesung u. s. w., u. s. w. rein sachlich, auf Grund der vorhandenen Quellen, reden können? Wir brauchen noch recht viel Wahrheit, und für Verschleierungen sind wir nicht mehr empfänglich Es wäre aber geschmacklos gewesen, am Schlüsse eines Spalten langen Aufsatzes noch einmal mit etwas Neuem zu beginnen und dieses auch zu „erschöpfen", wie Herr Dr. R. wünscht. Daher schloß ich mit den Worten: „Doch über das Arbeitsfeld der Litteraturvereine mag ein andermal gesprochen werden; hier soll die gegebene Anregung genügen." Herr Dr. R. hätte sich also schon gedulden sollen, bis ich meine Absicht ausgeführt haben würde. Die Zeit hierfür aber zu bestimmen, muß ich mir aber selbst Vorbehalten. Auf seine sonstigen Bemerkungen einzugehen, fühle ich mich nicht veranlaßt. ergebener Dr. Kuttner * (^Aer neu entbrannte Streit über die Aussprache des Hebräischen, wobei auch der Geist Luzzattos in die Feldschlacht heraufbeschworen wurde, bietet nichts Neues. Schon in einem Schreiben vom 30. Juli 1825, wieder abgedruckt in nillS S. 136 ff., verwirft S. D. Luzzatto die deutsche Aussprache des Zerr (ei) und Cholem (au) als irrig. Dagegen unterstützt er die vokallose Aussprache des Schwa mobile durch 13 Beweise und rechtfertigt die Aussprache des Kamez rachaw als o. Indessen ist Luzzatto in späteren Jahren von der letzteren Ansicht zurückgekommen. Er ist zu der Ueberzeugung gelangt, daß die Bokalisatoren das silbenbeginnende Schema als Halbvokal (e) betrachtet und das gedehnte Kamez wie ä ausgesprochen hätten (das. S. 684). So lehrt denn auch seine Grammatica della lingua ebraica. Ausschlaggebend für die Aussprache des Kamez rachaw als ä ist ihm die Wahrnehmung, daß sonst nach demselben das Patach furtivum statthaben müßte, wie nach den übrigen laugen Vokalen (^"*7® lYPiaK 684), während er früher (das. S. 140) diesen von Lemans angeführten Beweis bekämpft halte. * Uebrigens ist die dumpfe Aussprache des a o mundartlich, wie das auch im Norden Syriens der Fall ist. E.-Riga. * Öfen meiner Nr. 6 erschienenen Entgegnung „Literaturvereine" sind folgende Druckfehler zu berichtigen: Seite 64 Spalte 1 Zeile 2 statt „schnurgeraden entgegengesetzten" lies „schnurgerade entgegengesetzten". Seite 64 Spalte 2 Zeile 15 statt „würde ich jedoch ihr Wirken" lies „würde ich jedoch selbst ihr Wirken". Seite 64 Spalte 2 Zeile 8 und 9 (von unten): „ermöglichte die Versammlung in Hannover die Gründung re." lies „ermöglichte der Versammlung re." Rogasen. Rabbiner Dr. Rosenthal. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. MWM

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