Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1894)
- Date
- 1894-02-16
- Page
- Seite 83 (sequence 11)
- Language
- German
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83 „Verdamme uns nicht, hochwürdiger Vater," — stöhnte die Seele, — „bevor Du unsere Lage genau kennst. Was sollen wir anfangen? Wie sollen wir uns helfen? Was wir sind und wodurch wir uns zu ernähren suchen, immer hat man an uns etwas auszusetzen. Die Beamtenlarriere ist uns verschlossen, von der Landwirthjchaft drängt man uns zurück, gegen unsere Aerzte, Juristen und Richter zieht man agitatorisch ins Feld, Professionisten und Arbeiter haben keine Aussicht auf eine sichere Existenz — uns bleibt thatsächlich nur der Handel übrig." „Ich glaube es Dir, mein Sohn," — sprach der Patriarch wehmüthig, — „daß Euer Loos kein beneidenswerthes ist. Sage mir indeß nur das Eine: Hast Du auch ehrlich Dein Geschäft betrieben?" „Gewiß war ich bestrebt, mein Geschäft reell zu betreiben," — antwortete wimmernd der Zionist, — „allein die auf jedem Gebiete des Handels sich immer mehr ausdehnende Konkurrenz, sowie die Parole der Apostel des Judenhasses: „Kauft nicht bei Juden", brachten mich um meinen ehrlichen Namen, sie führten dahin, daß ich meine Zahlungen einstellen mußte — ich starb als armer Mann." „Du thust mir sehr leid," — erwiederte Abraham; — „aber ich kann Dir dennoch einen Vorwurf nicht ersparen. Warum hast Du, als begeisterter Zionist, anstatt selbst mit gutem Beispiel voranzugehen lind den Boden meines Landes zu bearbeiten, es nur Andern gerathen, und Dich lieber dem Handel, der zum Brandmal der Schande und der Verspottung meiner Kinder geworden ist, gewidmet? Ich kann Dir darum den Platz, den ich Anfangs für Dich bestimmt hatte, nicht geben. Indeß folge diesem Engel hier, er wird Dich auf Deinen Platz führen." Und zum Engel gewandt, sagte er: „Bringe ihn in der neuen Abtheilung unter, die wir für alle diejenigen errichtet haben, welche viel reden und gar nichts oder nur wenig leisten." (Schluß folgt.) Kpinoxa's Tod?) (21. Februar 1677.) Von Henriette Hirschberg. tnd Bild um Bild hinzieht vor Moses Blick. Die Menschen zählen nach Jahrtausenden, Still in der Ewigkeit doch steht die Zeit. — In feuchter Nebeldämm'rung ruht die Stadt des Nordens, Noch schläft das Leben in dem ems'gen Hafen, Drin Schiff an Schiff sich reiht, ausruh'nd von Meeresstürmen, Und sicher bergend köstlich reiche Last. Schweigsam die Straßen noch von Amsterdam. Die hohen Häuser mit den spitzen Giebeln Schlaftrunken blicken in den Nebelmorgen. Noch wogt nicht Handel und Verkehr. Geschlossen noch die Läden und die Hallen. Und droben in dem hohen, engen Zimmer Brennt ein flackernd Licht. . Dort sitzt ein Mann und schreibt. Ein blasser, müder Mann. Sein Aug' erglänzt in klarem, mildem Schein, „Im Licht der Ewigkeit" — so schauet er die Welt. Am Fenster steht ein Schleifgeräth. Halbfert'ge Augengläser liegen da; die Gläser Für schwache Augen, daß sie schärfer blicken. Die schleift der Mann bei Tag, und schafft sich Brod, Und schafft ein Kleid für seinen Leib. Und in der Nacht schreibt er. Und ist in Gott, und Gott in ihm. Bald werden auch die letzten Erdenfesseln Abfallen diesem stolzen, edlen Geiste. Bald wird Spinoza's Seele frei sich schwingen Ins Reich des Lichts, woher sie einst entflogen. Horch, welche Töne dem Verbannten, dem Verfluchten Aus Juda's Stamme, jetzo leis umschweben: Eins ist Alles — Erden und Sonnen, Wissen und Denken, Liebe und Herz. Einem gemeinsamen Quell entronnen. Strömt es zurück zum ewigen Bronnen, Kehret vom Staub wieder himmelwärts. Hab' es in Worten der Welt verkündet. Was ich in tiefsten Sinnen ergründet. H Aus einem erst theilweise veröffentlichen Cyklus: „Kanaan." Innersten Lebens Widerhall: Eins ist Alles — Glauben und Lieben, Welten entstehen, Welten zerstieben. Wir sind in Gott, und Gott ist das All! — Voll Liebe schauet Moses seines Volkes Kind, Und spricht dann zu Spinoza: „Du ferner Enkel meines Stammes, Der Du an Weisheit reich, doch reicher noch an Liebe Zu Deinem Höchsten, Deinem Gott! Gar seltsam sind die Wege, die ein Menschenkind In seinem Herzen wandelt zu des Ewigen Thron. Du lehrest Gott den Einen, lehrst ihn — doch nicht! Wohl ist in Allem Gott, und auch in Allen, Und all die Welten seines Seins ein Theil - Doch bilden all die Theile noch sein Ganzes nicht. Die Welt ist ganz in Gott. Doch nicht die Welten alle der ganze Gott! Wie jeder Tropfen Bluts, wie jedes Härlein, Wie Zung' und Aug' und Ohr ein Theil des Menschen, Und wie der Mensch das Ganze seiner Theile Und doch noch mehr als dies: So ist der Stein, die Blume, ist das Thier, Ist aller Wesen höchstes, ist der Mensch Ein Theil von Gott, und Gott in Allem, Und über Allem doch zugleich. Und wer gleich Dir den Höchsten liebt und spricht: Wer Gott liebt, darf nicht verlangen. Daß Gott ihn wieder liebe — Deß Herz, es kennt den Ew'gen besser. Viel klarer, reicher, als sein Wort es sagen kann Und nicht nur Deines Geistes, Deines Herzens lichte Spuren Noch ferne Geister werden suchend finden!" — „Moscheh rabenu!“ ruft der müde Mann. Da rührt der Tod mit sanfter. Hand An Baruch Spinozas Herz. Und mit dem letzten Schlage seines Herzens Ertönt es von den Lippen, den erblassenden: „Schema Jisroel, adonai' elohenu, Adonat echod!“ -