Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1894)
- Date
- 1894-02-16
- Page
- Seite 82 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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82 „Wir wollen Morgen weiter darüber sprechen, liebe Tante. Ich bin schon so müde und es ist spät. Du hast auch Ruhe nöthig." Tante Rebekka verschwand auf ihren weichen Filzschuhen ebenso leise, wie sie gekommen war. Sie glich selbst einem Gespenst, vor dem sie sich so sehr fürchtete. Sie wackelte so beleidigt mit dem alten Kopf, daß die Bänder und Schleifen ihrer Nachthaube in einen förmlichen Aufruhr geriethen. Als Rachel allein war, stellte sie die Blumen, welche ihr Holger geschenkt hatte, in ein Wasserglas, nachdem sie ihre Lippen darauf gedrückt hatte. Wie süß sie dufteten. Dann ging sie in ihr Schlafzimmer. Auf dem Nachttisch vor ihrem Bette fand sie eine Bibel, welche Holgers Mutter wahrscheinlich für sie hingelegt hatte. Rachel legte sie fort, denn diese Art von Seelsorge war nicht nach ihrem Geschmack. Da es ziemlich schwül im Zimmer war, öffnete Rachel das Fenster und athmete mit Wohlbehagen die frische Luft, indem sie in den Garten hinaus sah, der in der dämmerigen Sommernacht vor ihr lag. Der Himmel war rein und blau, nur am Horizont stand eine röthliche Wolke. Tiefe Stille lag über der ganzen Natur und wirkte beruhigend auf Rachels von alten Erinnerungen und Zukunftsträumen tief bewegtes Herz. Von dem jungen Rasen, den Blumen und Obstbäumen wehte ein so süßer Duft zu ihr heraus, daß sie unwillkürlich tiefer athmete. Plötzlich wurde die tiefe Stille durch einen lang schmelzenden Ton unterbrochen, durch eine wunderbar klagende und jubelnde Musik, welche die Luft durchrauschte als Dolmetscher eines armen, verliebten Menschenherzens, welches seinen überströmenden Gefühlen keinen Ausdruck zu verleihen weiß. Die Nachtigall schlug ihre Triller im verschwiegenen Gebüsch. (Fortsetzung folgt.) An der Pforte des Paradieses. Von Albert Katz. (Fortsetzung.) ritt näher, mein Sohn," — winkte Abraham einem Anderen zu, — „wer bist Du?" „Ich bin ein Zionist, ein Nationaljude," — lautete die stolze Antwort. ,Aha!"—kam es aus dem Munde des Patriarchen, — „einer aus der allerneuesten Sekte. Ich muß jedoch zu meiner Schande gestehen, daß ich von dem Zionismus, von der nationalen Idee gar keine Ahnung habe. Ich bitte, erkläre mir Deine „nationale Weltanschauung" und erzähle mir etwas aus Deinem jenseitigen Leben." „Hochwürdiger Vater," — gab die Seele erstaunt zurück, — „Du erkundigst Dich bei mir über die nationale Idee? Warst Du denn nicht der erste Hebräer, der erste Nationaljude? Hast Du denn nicht Deinem Diener Elieser ans Herz gelegt, für Deinen Sohn keine Frau von den Töchtern Kanaans, sondern von denen Deines Stammes zu erwählen?" „Aber, mein Sohn," — versetzte der Patriarch, — „daran hat Israel doch immer sestgehalten. Ist denn jetzt auch hierin ein Wandel zu bemerken? Sind denn nur die Nationaljuden Gegner der Mischehe?" „Nein, nicht das meinte ich," — vertheidigte sich die Zionistenscele. — „Unser Hauptzweck ist, unsere Nation zu vereinigen, aufzurütteln und zu kräftigen, ihr Hoffnung auf eine glorreiche Zukunft einzuflößen, sie für ihre geistigen Schätze, für ihre Sprache, ihre Litteratur. ihre Geschichte zu begeistern; wir wollen im heiligen Lande aufs Neue festen Fuß soffen und der Welt zeigen, daß wir noch immer ein Volk sind, das alte, heilige Hebräervolk." „Ich freue mich," — rief Abraham, — „Kunde daüber von Dir zu erhalten. Jndeß kann ich Dir auch meinen Unmuth nicht verbergen. Diese Zwecke und Ziele haben doch Israel stets vorgeschwebt. Nun befremdet es mich, daß Ihr Euch als eine besondere Partei, als Zionisten bezeichnet. Warum zerreißt Ihr das Haus Israel in Stücke?" „Bewahre!" — entschuldigte sich des Nationaljuden Schatten, — „unser Wunsch geht dahin, die Stücke zu sammeln, zu vereinen. Nur gezwungener Weise nennen wir uns Nationaljuden. Unsere „Firma" ist nichts weiter als ein Protest — gegen die Bestrebungen der Affimilanten, die Israel in die Völker wollen aufgehen lassen." „Ich gestehe," — unterbrach ihn Abraham, — „daß ich Eure Gesinnungen wohl begreifen könnte. Was mir indeß an Euch nicht gefällt, das sind die Namen Zionisten, Nationaljuden, die Ihr Euch beigelegt habt. Mein Herz sagt mir, daß diese Namen nicht jüdischen Ursprungs sind. Wie ich glaube, genügt schon der Name Jude, um meine Kinder zu bezeichnen. Der Name ist nicht die Hauptsache, bitte, bezeichne mir lieber Deine Thaten." „Doch, doch," — wehrte sich die Seele, — „ist der Name die Hauptsache. Wir haben jüdische Deutsche, jüdische Franzosen, jüdische Engländer, Russen, Polen, aber von all' diesen hat das Judenthum wenig zu erwarten. Hebräisch verstehen sie nicht, die Kenntniß unserer Geschichte ist nur bei Wenigen anzutreffen und ihr Vaterland ist ihnen lieber als Palästina. Zwar sind die Orthodoxen unter ihnen Gegner der Assimilation, aber als Kinder des jüdischen Volkes fühlen auch sie sich nicht. Sie behaupten vielmehr allen Ernstes, sie wären kein Volk, sondern eine religiöse Gemeinschaft, Staatsbürger jüdischen Glaubens. Nun frage ich Dich, ehrwürdiger Patriarch, kann eine solche Gesinnungslosigkeit in Gottes Augen Wohlgefallen finden?" „In Gottes Augen," — versetzte der Patriarch ernst, — „findet Jeder Wohlgefallen, der alle Menschen liebt und in seinem Wohlthun, wie Gott selbst, gegen Alle Barmherzigkeit übt. Was die deutschen, französischen und englischen Juden anbelangt, so scheinst Du sie. nicht zu kennen. Ich sage Dir, daß Viele von ihnen hier die ersten Plätze einnehmen, obwohl sie weder Hebräisch verstanden, noch in ihrer Liebe zu Zion sich besonders allsgezeichnet haben. Sie waren treue Bürger ihres Vaterlandes und gute ehrliche Menschen, und das genügt mir. Doch genug davon; erzähle mir endlich, worin bestanden Deine nationalen Handlungen, wodurch suchtest Du die nationale Idee zu fördern?" „Ich war Mitglied eines Palästina-Vereins, habe gegen die Emigration nach Argentinien geeifert, habe meinen Wein aus den Kolonien im gelobten Lande bezogen, habe mir den Ethrog aus Palästina kommen lassen, anstatt Gratulationskarten zum Neujahrsfeste und bei sonstigen Gelegenheiten zu versenden, habe ich einen Thaler für die Kolonisation gespendet, habe —" „Das ist ja Alles sehr schön," — rinterbrach ihn der Patriarch, „doch sind wir doch Beide einig darin, daß der Hauptzweck des Nationaljudenthums darin besteht, der Welt Beweise zu liefern, daß Israel noch immer ein heilig Volk ist. Sage mir daher, durch welche Thaten und Werke hast Du die Heiligkeit Deines Volkes und die Reinheit Deines Stammes zu beweisen gesucht? Was war Dein Geschäft?" „Ich war ein Kaufmann," antwortete leise die Seele. „Herr der Welt!" seufzte der Patriarch. „Ist es nicht zum Verzweifeln, daß selbst die Beglücker meiner Kinder sich mir als „Schacherjuden" vorstellen?"