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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-02-16 · Heft 7 (16.2.1894) · p. Seite 81

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 7 (16.2.1894)
Date
1894-02-16
Page
Seite 81 (sequence 9)
Language
German
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81 e.. — i-^-- niKuwnim WWlM H 1 FEUILLETON 1 I 8 i— 1.. ■ - ■ —— E iimimnuMiiigy; IllMWMlW ...» Nie Jüdin. Erzählung von John Pan Isen. # (Fortsetzung.) olger fuhr in Begleitung seiner Mutter selbst nach dem Bahnhofe, um seine Braut in dem neuen mit grauer Seide bezogenen Landauer abzuholen. Auf dem Kutschbocke saßen Kutscher und Bedienter in Galalivree, die einen großartigen Eindruck auf Tante Rebekka machten, welche gleich allsrechnete, wieviel wohl die Knöpfe der Livree kosteten, wenn sie wirklich von echten! Silber wären. Die gute Tante Rebekka war nämlich eine ausgeprägte Finanziere. Natürlich bemerkte sie sofort die goldene Krone auf dem Wagenschlage, welche ihre Achtung vor der Familie von Brock noch bedeutend erhöhte. Holger hob mit seinen starken Armen seine Braut aus dem Eisenbahncoupe, stolz und glücklich wie der Knabe im Märchen, der die Prinzessin und das halbe Königreich gewonnen hat. Thränen traten in Rachels Augen beim Anblick dieser überwältigenden Freude, während gleichzeitig ihr Herz von einer unbestimmten Angst bedrückt wurde, einer dieser düsteren Ahnung, welche wir zuweilen im größten Glück haben. Er drückte ihr in glückseliger Verwirrung einen kleinen Strauß Frühlingsblumen in die Hand. „Es sind die Erstlinge unseres Gartens," flüsterte er. „Sie sind unscheinbar, aber Du wirst sie nicht verschmähen, weil sie aus unserm Garten kommen und ich sie selbst gepflückt habe." Die Kammerherrin umarmte sie ceremouiell und gab ihr einen spitzen Theaterkuß. Tante Rebekka, die mit einem ebenso gnädigen Händedruck abgespeist wurde, betrat nach diesem Empfange nicht ohne Mißtrauen das alte adelige Herrenhaus. Eine kleine, ältliche Dame mit wachsbleichem Gesicht und verschüchtertem Wesen stand in einem altmodischen, schwarzseidenen Kleide vor der Thür und verneigte sich bescheiden, als Rachel mit den Uebrigen den Wagen verließ. Es war Fräulein von Pahle», die Gesellschaftsdame der Kammerherrin, weiche sie zu diesem Platz erwählt hatte, weil sie arm und adelig war, den Salon nobel dekorirte und zugleich als Folie für die jugendliche Eleganz der Kammerherrin diente. Das Mittagsessen verlies ziemlich still. Die reservirte Haltung der Kammerherrin genirte nicht allein das Brautpaar, sondern hielt auch Tante Rebekkas scharfe, lebhafte Zunge im Zaum. Die Gesellschaftsdame sprach kein Wort. Sie beschränkte sich in der Gegenwart Fremder darauf, nur zu antworten, wenn sie direkt angeredet wurde. Sie hatte überhaupt ein so geistesabwesendes Wesen, als beschäftigten sich ihre Gedanken mit Aufgaben, welche der Wirklichkeit fern lagen. Rachel empfand es als eine Erleichterung, als man sich von der Mittagstafel erhob, um Kaffee zu trinken, der ans der grünumrankten Veranda servirt würde. Vor ihnen lag der große Garten mit den berühmten Rosenbeetcn, welche jetzt erst grüne Blätter trugen, rechts war die Orangerie und am Ende des Blumengartens begann der große Park, der mit einem reizenden See abschloß, dessen Hintergrund ein nachsdänischen Verhältniffen ungewöhnlich hoher, bewaldeter Hügel bildete, der sich düster von dem blauen Himmel abhob. Holger pflegte diesen Theil seines Eigenthums „Mein kleines Norwegen" zu nennen. „Wie wunderschön ist es hier!" sagte Rachel, indem sie ihm, von der Kammerherrin unbemerkt die Hand unterm Tische drückte. „Glaubst Du, daß Du Dich hier wohl fühlen wirst?" fragte er, sie liebevoll aublickend. Sie antwortete ihm uur durch ein zärtliches Lächeln. Da sie von der Reise ermüdet war, zog sie sich früh zurück, um sich zur Ruhe zu begeben. Sie hatte ein großes, hübsch eingerichtetes Wohnzimmer bekommen, neben welchem sich ihr Schlafzimmer befand. Das Zimmer ihrer Tante befand sich neben dem ihrigen, so, daß sie ungenirt mit einander verkehren konnten. Rachels Zimmer war eingenthümlich eingerichtet. Neben schwerfälligen Prachtstücken aus alten Zeiten standen zierliche moderne Möbel. Ein Schrank im Reuaiffancestil mit eingelegter Perlmutterarbeit und ein alter venetianischcr Spiegel mit geschliffenen Glasrosetten erregten Rachels volle Bewunderung. Von den Wänden blickten einige alte, finstere Familienportraits auf sie herab, und unter diesen fiel ihr besonders eine alte Dame mit einer kolossalen gepuderten Frisur und einer Tulpe in der Hand auf. „Wahrscheinlich eine von Holzers Urahnen", dachte Rachel, indem sie das Bild genau ansah, um eine Aehnlichkeit zu entdecken. Während Rachel, in Gedanken versunken, das Bild aublickte, öffnete sich leise die Seitenthür und eine kleine weißgekleidete Gestalt erschien plötzlich auf der Schwelle. Es war Tante Rebekka im Nachtkleide. „St, das bin ich ja nur, Rachel —" „Ader weshalb schleichst Du so leise hier herein und warum flüsterst Du?" fragte Rachel erschrocken. „Wovor fürchtest Du Dich? Ich dachte, Du schliefst schon längst —" „Es kommt mir hier so sonderbar vor . . ., ich wette darauf, daß es spukt! ... In meinem Zimmer ist ein alter geschnitzter Schrank, der wie ein Mensch seufzt. Gott mag wissen, welche Geheimnisse darin verborgen sind". . . Plötzlich erblickte sie die Dame mit der Tulpe. „Hu, welch ein Gespenst. In meiner Stube ist auch ein ähnliches Frauenzimmer, die mir Augen macht, als wollte sie mich fressen!... Ich habe ein Tuch über das Bild gehängt, ich hätte kein Auge schließen können, hätte ich die ganze Nacht das Frauenzimmer sehen müssen.... „Unsinn, Tante ..., >vie kannst Du irr Deinem Alter noch so unvernünftig sein." Tante Rebekka hatte sich den ganzen Tag Zwang auferlegen müssen und hatte jetzt das Bedürfniß, ihre Zunge das Versäumte nachholen zu lassen. „Ich habe hier schon allerlei Beobachtungen gemacht, kannst Du mir glauben —, mir strerit man keinen Sand in die Augen. Hast Du beachtet, daß die Kammerherrin Fräulein von Pohlen als einen höheren Dienstboten behandelte, lind sie ist doch auch eine vornehme alte Dame von hohem Adel. Wenn das aristokratisch sein soll, so danke ich. Der Kammerherrin traue ich nicht über den Weg —, vor der müssen wir uns in Acht nehmen. Ich habe mir auch schon ein kleines Gewerbe in der Küche gemacht und mit der Wirthschafterin gesprochen —" „Liebste Tante, mache um Gotteswillen keine Thorheiten —" „Ich thue es nur, um hier alle Verhältniffe kennen zu lernen. — Ich handle ja blos in Deinem Jntereffe, liebes Kind! ... Als Deine arme selige Mutter auf dem Sterbebette lag, sagte sie zu mir: „Rebekka, sagte sie. meine liebe gute Rebekka —" Rachel konnte das Gähnen nicht unterdrücken; sie kannte diese Geschichte auswendig.

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