Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1894)
- Date
- 1894-02-16
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
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80 Mann als dich." Darauf verließen sie den Gesandten Gottes, um in ihr Gebiet zurückzukehren voller Glauben und Bekenntnißtreue.— Der Kern dieser naiven Erzählung wird als historisch angesehen werden können; es ist sehr wahrscheinlich, daß auch die Juden'von Medina auf einen Messias, einen neuen Propheten warteten, von dem das Heil kommen sollte, und mit dessen baldiger Ankunft sie oft genug den unbequemen Nachbarn gedroht haben mögen, während andererseits auch die friedlichen Beziehungen, in denen manche der heidnischen Araber mit den Juden Medinas lebten, dazu beitrugen, den Ersteren eine Kenntniß der jüdischen Vorstellungen zu verschaffen. Muhammed griff den offenbar auf jüdischen Einflüffen beruhenden Vorstellungskreis auf, um seine Sendung an ihn anzulehnen und durch die mit seiner Hilfe gewonnenen Anhänger in der Stadt für sich Propaganda machen zu laffen, in welcher. allerdings vorerst noch die Hauptmenge Götzendiener waren, aber doch auch das Element der Einheitsbekenner bereits vertreten war, insofern ja die Juden unzweifelhaft solche waren, und er von ihnen, wenn auch vielleicht nicht sofortigen Anschluß, so doch nicht eine feindselige Haltung erwarten zu dürfen glaubte; ja, es ist nicht unwahrscheinlich, daß er sich gerade von den Juden einen nicht unerheblichen Beistand versprach. Die Proselytenmacherei in Medina ging ziemlich gut von statten, und in den Wochen, die unmittelbar dem Wallfahrtsfeste des Jahres 622 folgten, bei welchem Muhammed durch die größere Zahl gläubiger Besucher aus Medina den Eindruck gewonnen hatte, es sei dort Sicherheit für ihn und seine Mekkaner Getreuen, stahlen sich diese Letzteren heimlich aus der Stadt auf seine Veranlaffung, und im Laufe des Sommers 622 gelangte bei Weitem die größte Zahl der Muslims, die sich in Mekka nicht mehr sicher fühlten, unbelästigt nach Medina, wo sie in den Häusern ihrer Glaubensgenossen mit offenen Armen ausgenommen wurden. Der Prophet selbst kam erst später nach; er langte am 20. September 622 wohlbehalten' in Medina an. Das ist die berühmte Flucht des Propheten, 'die Hidsclira, im Jahre 622, nach welcher noch heute von allen Muhammedanern gerechnet wird. Die Verhältnisse in Medina machten dem Propheten möglichste Annäherung an die Juden wünschenswerth. Freilich mußte er im Umgänge mit ihnen bald die Illusion aufgeben, als sei es möglich, sämmtliche Bekenner der Einheit Gottes davon zu überzeugen, daß seine Lehre in allem Wesentlichen mit den früheren Offenbarungen übereiustimme. Aber die Juden bildeten eine Macht, welche aufmerksame Berücksichtigung forderte, wenn Mnhammed daran ging, sich und den Seinen festen Boden unter den Füßen zu schaffen. So finden wir ihn denn alsbald an der Arbeit, die vorhandenen Gegensätze auszugleichen, die Vereinigung aller Bewohner von Medina unter seiner Leitung anzubahnen. Zur Erreichung dieses Zieles sollte vor Allem eine Urkunde dienen, welche Muhammed wahrscheinlich nicht sehr lange nach seiner Uebersiedelung nach Medina erließ, und deren Erhaltung durch einen der ältesten Biographen des Propheten wir als einen besonders günstigen Umstand preisen muffen, da es ein für die Geschichte des muslimischen Staatsrechts unschätzbares Dokument ist. Es ist eine Verfassungsurkunde, die Muhammed unter der Beistimmung der Einwohner von Medina oder doch des Haupttheiles derselben aufgesetzt hatte. Hauptsatz ist: Alle Muslims bilden eine Gemeinde im Gegensatz zu allen übrigen Menschen. Der Wichtigkeit der Sache gemäß werden in diesem ziemlich ausführlichen Schriftstück auch die Verhältniffe der Juden geregelt. Zwischen Gläubigen und Juden, heißt es, sind folgende Punkte vereinbart: Die Juden steuern mit den Gläubigen gleichmäßig zu den Kosten der gemeinsamen Kriege. — Die Juden, welche mit den Theilstämmen der Aus und Chazradsch verbündet sind, folgen in allen Rechten und Pflichten den betreffenden Stämmen; doch behalten sie ihren KuUutz für sich, wie die Muslims den ihren. Ausgenommen ist, wer durch Begehung eines Verbrechens sich dieser Rechte unwürdig macht. — Ferner sind die Juden gehalten, keinen Feldzug ohne die Bewilligung des Muhammed zu unternehmen, nur die Blutrache dürfen sie auf eigene Hand ausüben. — Ihre öffentlichen Ausgaben bestreiten die Juden, wie die Muslims, für sich; wenn aber ein Angriff von außen naht, so sind beide zu gegenseitiger Hilfeleistung und Beisteuer zu den Kriegskosten verpflichtet. — Medina ist gegen Jedermann gemeinsam zu vertheidigen. — Bei Zwistigkeiten zwischen Juden und Muslims soll die Sache Gott und Muhammed zur Entscheidung vorgelegt werden. — Die Juden dürfen kein Schutzverhältniß mit den heidnischen Kureischiten oder deren Bundesgenossen eingehen. — Wenn Krieg ist, sollen die Juden Frieden machen, sobald es die Muslims wünschen, und umgekehrt; ausgenommen sind hiervon die Kriege, welche für die Religion geführt werden. Hier sind die Juden fast gleichberechtigt mit den Gläubigen; auch andere Aeußerungen aus der ersten Zeit seines Aufenthalts in Medina weisen darauf hin, wie großen Werth Muhammed auf ein gutes Verhältniß zu ihnen legte, wie er sich in ihre Anschauungen, ihre Gebräuche einlebte. Ja, sogar in seinem Aeußern soll der Prophet ihnen nachgeahmt haben; so trug er z. B. damals die Haare nicht wie die Araber gescheitelt, sondern wie die Juden über die Stirn gekämmt, und als man ihn um die Ursache fragte, antwortete er, daß er in allen Dingen dem Beispiele der Schriftbesitzer folge, wenn er nicht spezielle Aufträge erhalte, von ihnen abzuweichen. Später hat er sich in seiner Frisur zu der arabischen Mode bequemt. — Viel wichtiger ist es, daß der Prophet in Sachen der Kibla, d. h. der Richtung des Betenden, als er nach Medina kam, den Juden folgte: so lange er in Mekka war, soll er gegen die Ka'ba gebetet haben, d. h. das Haus mit dem schwarzen Stein; nun nahm er den Juden zu Liebe den Tempel von Jerusalem als Kibla an. Sei es nun, daß er sich allmälig von diesen abwandte, sei es, daß seine Anhänger ihn überredete», am 16. Januar 624 nach Sonnenuntergang trat ein Mann in die Moschee und rief den zum Gottesdienst versammelten Gläubigen zu: Ich komme vom Propheten und bringe euch die Nachricht, daß Gott die Kibla abgeändert hat, wendet euer Angesicht gegen die Ka'ba von Mekka. — Alle gehorchten. Das machte böses Blut. Die Juden tadelten ihn wegen dieser Neuerung und hetzten auch die Gläubigen auf; er gab ihnen in K. II, 172 eine würdevolle Antwort, und auch jener andere wohl berühmteste Vers derselben Sure des Korans soll sich auf diese Vorwürfe beziehen: Gott gehört der Osten lind der Westen; wo ihr euch immer hinwendet, dort ist das Angesicht Gottes, denn Gott ist umfassend und wissend. (Den Anfang des Verses erkennt Jeder in dem „Gottes ist der Orient, Gottes ist der Occident" im westöstlichen Diwan Goethes). Besonders empfindlich mußte die Juden berühren, daß der Prophet die Aenderung der Kibla mit einer Erzählung motivirte, deren Held die hervorragendste Erscheinung ihrer Ueberlieferung, kein Geringerer als ihr Stammvater Abraham selbst war, und von welcher doch gar nichts in ihren heiligen Büchern zu lesen war. Muhammed hatte den Abraham oder Ibrahim schon in den Mekkanischen Offenbarungen erwähnt, und zwar als Vater von den beiden Brüdern Isaak und Jakob (I); von Jsmael und der Ka'ba ist da' noch nicht die Rede. (Fortsetzung folgt.) WWW,