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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-02-16 · Heft 7 (16.2.1894) · p. Seite 79

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 7 (16.2.1894)
Date
1894-02-16
Page
Seite 79 (sequence 7)
Language
German
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Eltern ermöglicht werden. Und auch dann könnten sie die Erziehung durch Vater und Mutter noch nicht ersetzen. Mögen auch diejenigen Eltern, die ihre Kinder leichten Herzens aus dem Hause geben, jedesmal bedenken, ob sie zwingende Gründe hierzu haben. Es ist tief begründet, wenn in unserer Bibel immer nur Vater und Mutter als die Erzieher ihrer Kinder gedacht sind. Wie steht es nun bei unserer heutigen Erziehung um die Liebe der Kinder zu den Eltern? Liebe will verdient sein; das Kind bringt nur die Anlage dazu mit. Und wohlgemerkt: Liebe beruht auf Achtung, und Achtung setzt irgend welche Ueberlegenheit voraus. Die Kinder müssen sehen, daß die Eltern achtungswerth sind, daß sie ihnen überlegen find; nicht in bestimmten Wissensfächern, aber in Erfahrung, in Erkenntniß, in Ueberlegung, in Selbstbeherrschung, in Geschicklichkeit, in allerlei Tugenden. Kommt noch dazu das Gefühl der Dankbarkeit, so werden die Kinder ihnen in Liebe und Ehrfurcht angehören und ihnen wie der menschlichen Gesellschaft zum Nutzen und zur Freude gedeihen. Aber wie ist es vielfach in Wirklichkeit? Der Vater kommt müde nach Hause, will Ruhe haben, oder ist in seine Kinder vernarrt, also in jedem dieser Fälle ein ungeeigneter Erzieher; Abends hat er die Zeitung oder ein Theaterbillet, oder er geht in den Verein, oder spielt Skat, oder die Kinder sind schon im Bette. Die Mutter ist aus anderen Gründen nicht zu haben, und so kennen die Kinder ihre Eltern meist nur äußerlich, nicht auch geistig; sie wissen, daß Papa Alles bezahlt, lernen zum Geburtstage pflichtschuldigst ein Gedichtchen, bringen zu Neujahr ihre Wünsche dar — das ist Alles. Sie haben gewohnheitsmäßig Jahre lang neben einander gelebt, aber ein tiefer begründetes Verhältniß, ein engeres, geistiges Band hat sie nicht verbunden. Wie die Eltern über Ehrlichkeit, über Wahrhaftigkeit, über Arbeit, Genügsamkeit, Religion u. A. denken, wie die Kinder darüber denken und denken sollen, das weiß keines von beiden; dazu haben sie nie Gelegenheit gefunden, da sie nie mit einander gearbeitet, ja viel zu wenig mit einander gelebt haben. So kann ein Kind früher oder später irgend etwas thun, was seinen Eltern unangenehm, ja schmerzlich ist, ohne es auch nur zu ahnen, welchen Kummer es ihnen verursacht; weiß es doch nicht einmal recht, wie sie darüber denken! Mehr noch wirkt aber das Beispiel. Allein wo sieht das Kind dieses? Es sieht nur ein Ringen'nach Geld, ein Haschen nach Vergnügen, aber kein ideales Streben! Sein Geist wird im günstigen Falle vollgestopft mit allerhand „praktischem" Wissen, aber Herz und Gemüth verkümmern. Nicht alle Eltern nehmen Erzieher oder Erzieherinnen ins Haus, um sich selbst zu entlasten; dies ist vielen ja schon wegen der damit verbundenen Kosten nicht möglich; sie müssen sich entweder mit einem zeitweise» Hauslehrer begnügen oder die Kinder ganz selbstständig arbeiten lassen, und dieses Letztere ist gewiß nicht das Schlimmste, wenn sie sich nur sonst um ihre Kinder bekümmern. Aber auch sie haben entweder keine Zeit oder keine Lust, oft aber auch kein Verständniß. Da sind denn die Kinder jedem beliebigen Einfluß preisgegeben, und auch ihnen wird das nicht zu Theil, was ihnen für das Leben noth thut. Auch sie sehen bei ihren Eltern nur das Jagen nach Geld und Genuß. Und wie viele Eltern, die in durchaus einfachen Verhältnissen leben und gewiß die Zeit haben, sich ihren Kindern zu widmen, finden immer etwas Anderes zu thun oder thun gar nichts, statt daß sie jede Gelegenheit suchen und benutzen sollten, auf ihre Kinder einzuwirken, sich zu überzeugen, wo es fehlt, und dann einzugreifen oder bereits bemerkbare Schäden gut zu machen! Was wollen sie denn 79ihren Kindern als bleibendes Gut hinterlassen und mit welchen Schutzmitteln versehen wollen sie sie in die Welt hinausschicken? Mancher Vater wird mir einwenden, daß sein Beruf ihm wirklich die Möglichkeit nehme, sich seinen Kindern zu widmen, und manche Mutter wird Gründe genug zu ihrer Entschuldigung anzugeben wissen. Aber selbst wenn alle diese Gründe recht gewissenhaft von ihnen geprüft und wirklich stichhaltig wären, so frage ich doch wieder: Wo bleiben die Sabbathe und Festtage mit ihren Vorabenden? Wo bleiben die christlichen Sonntage und Festtage, an denen doch gesetzlich die Arbeit ruhen muß? Doch genug der Anklagen. Ich wollte in dieser ersten Plauderei nur zeigen, wie nothwendig es ist, daß die Eltern die Erziehung ihrer Kinder wieder mehr in ihre eigene Hand nehmen; wie dies aber zu geschehen habe, darüber wollen wir das nächste Mal sprechen. Sollte ich dabei etwas übertrieben haben, so vergesse man nicht, daß der Moralist wie der Satiriker das Recht haben, zu übertreiben — damit inan besser sehe, was sie eigentlich wollen. Muhammed und die Juden. Ein Vortrag, gehalten im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur zu Berlin von Professor Dr. M. Hartmann. -ö (Fortsetzung.) Wallfahrtsfest des Jahres 620 war herangekommen. Unter den zahlreichen Theilnehmern an deu Wallfahrtsgebräuchen oder, wenn man will, Wallfahrtsvergnügungen waren auch Leute voit jenen Benu Chazradsch aus Medina, denselben, welche, wie schon erzählt, von den Benu Aus 'geschlagen worden, aber doch in der Stadt geblieben waren. Auf diese Leute, mit welchen Gott, wie die Ueberlieferung sagt, Heilsames vorhatte, stieß Muhammed, welcher sich unter die wogende Menge gemischt hatte, überall ausschauend, wo sich eine Gelegenheit bieten möchte, ein Gespräch anzuknüpfen. „Wer seid ihr?" sprach er sie an. — Sie: „Männer von den Chazradseh." — Er: „Von den Judengenossen?" — Sie: „Ja." — Er: „Möchtet ihr euch nicht setzen, daß ich mit euch reden kann?" — Sie: „Gewiß." — Da, so sagt die Ueberlieferung, setzten sie sich zu ihm, er aber predigte ihnen den wahren Gott und verkündigte ihnen de» Islam und trug ihnen den Koran vor. Nun gehört es zu dem, woran Gott wunderbarlich in Betreff des Islam gehandelt hat, daß Juden sich bei ihnen in ihrem Gebiete befanden, welche Schrift und Wissen besaßen, während sie selbst Heiden und Götzendiener waren. Die nun hatten sie in ihrem Gebiete oftmals vergewaltigt, die Juden aber hatten, wenn Streit zwischen ihnen war, immer zu ihnen gesagt: Bald wird ein Prophet erweckt, und seine Zeit ist schon nahe, dem werden wir folgen, und mit ihm werden wir euch schlagen, wie geschlagen worden sind vordem Ad und Iram (Namen sagenhafter Völker). Als nun der Gesandte Gottes mit jenen Leuten redete und ihnen den wahren Gott predigte, sprachen sie unter einander: „O ihr Männer, laßt euch sagen: Bei Gott, das ist der Prophet, auf den euch die Juden verwiesen haben. Mögen sie euch nun nicht bei ihm zuvorkommen!" So kamen sie dem, was er ihnen predigte, gläubig entgegen und nahmen den Islam, den er ihnen verkündigte, an und sprachen zu ihm: „Wir haben unsere Landsleute als die mit einander Verfcindetsten und Verhetztesten von allen Leuten verlassen, nun aber wird sie der wahre Gott vielleicht durch dich einigen, darum wollen wir ihnen deine Sache vorstellen und predigen und ihnen diesen Glauben verkündigen, welchen wir von dir angenommen haben; und wenn der wahre Gott sie einig zu dir bringt, so giebt es keinen gewaltigeren

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