Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1894)
- Date
- 1894-02-16
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
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- 78 - werden ewig sein. Wenn die Menschheit wieder abergläubisch wird, so wird es nicht dieser Aberglaube sein. Der Judaismus und das Christenthuni verschwinden. Das jüdische Werk wird sein Ende erreichen; das griechische Werk, das heißt die Wissenschaft, die vernunftgemäße Civilisation, experimentell ohne Charlatanerie, ohne Offenbarungen, auf den Verstand und die Freiheit begründet, wird sich im Gegentheil ohne Ende fortsetzen, und wenn unser Erdball seine Pflicht nicht mehr erfüllen sollte, so werden sich andere Welten finden, um das Programm jeglichen Lebens: Licht, Vernunft, Wahrheit bis zu Ende zu erfüllen. Die Spuren Israels werden ewig sein. Israel hat dem Schrei der Völker, dem Klagen der Armen, der hartnäckigen Forderung aller nach Gerechtigkeit Dürstenden zuerst den Ausdruck verliehen. Israel hat die Gerechtigkeit so sehr geliebt, daß es die Welt zum Untergang verurtheilt hat, als es fand, daß sie nicht gerecht sei. Wie die Anarchisten unserer Tage denen, die da sagen: die Welt hat so, wie sie ist, nothwendige Ungerechtigkeiten, so entgegnet Israel: Wohlan, so ist sie schlecht gemacht; sie muß zertrümmert werden! Israel füllt so in der griechischen Civilisation eine Lücke aus, wo der Sklave in so bejammernswerther Weise von Gott verlassen ist. Griechenland hat kein Buch Henoch, keine wüthende Diatribe gegen die Welt, so wie sie ist und wie sie sein muß. Judaismus und Christenthum stellen im Alterthum dar, was in modernen Zeiten der Sozialismus ist. Der Sozialismus wird nicht endgiltig triumphiren, die Freiheit mit ihren Folgen bleibt das Gesetz der Welt; aber die Freiheit des Einzelnen wird sich nur mit starken Konzessionen auf Kosten Aller erkaufen laffen; die sozialen Fragen werden nicht mehr unterdrückt werden, sie werden immer mehr den Vortritt vor politischen und nationalen Fragen ergreifen. Israel wird nur besiegt werden, wenn die Welt noch einmal dem Eroberer zum Opfer fällt, der aufs Neue Knechtschaft, Zwangsarbeit, Feudalität begründet. Das ist nicht wahrscheinlich. Nach jahrhundertlangen Kämpfen zwischen nationalen Rivalitäten wird sich die Menschheit friedlich organisiren. Die Gesammtsumme des Uebels wird sehr vermindert werden; bis auf sehr wenige Ausnahmen wird jedes Wesen zufrieden sein, zu existiren. Mit unvermeidlichen Vorbehalten wird das jüdische Programm in Erfüllung gehen: ohne ausgleichenden Himmel wird es eine wirkliche, auf der Erde existirende Gerechtigkeit geben!" Mit dieser Prophezeiung schließt Renan das Werk, in dem er das Facit seiner Welt- und Lebensanschauung gezogen hat. Pädagogische Plaudereien. Von Dr. B. Kuttner in Frankfurt a. M. i. Laßt uns unseren Rindern leben! fie schweren Schäden, an denen unsere Zeit krankt, sind längst kein Geheimniß mehr. Nur wer gedankenlos und blind einhergeht, kann von ihnen noch nichts gemerkt haben oder gar ihren Vertheidiger spielen wollen. Nun hat ja jede Zeit ihre Schäden gehabt, wie wir aus den jeweiligen Propheten und Schriftstellern ersehen; aber es scheint, daß die Verderbniß nie so weite Kreise ergriffen, und daß sie nie so tiefe Wurzeln gefaßt hat, als eben in unseren Tagen. Allerdings haben die ungeheuren Fortschritte in Kultur und Wiffenschaft hierzu reichlich beigetragen, womit ich mich übrigens durchaus nicht als deren Feind hinstellen möchte; aber wenn man diesen Einfluß der unschätzbaren Errungenschaften des menschlichen Scharfsinns abzieht, bleibt immer noch genug übrig, was nicht zu beschönigen ist und das Mißfallen unserer Väter erregen würde. Ja, unsere Väter und Mütter waren meist andere Leute, als die Eltern in unseren Tagen, und gerade heraus gesagt: der Erziehung, die ein großer Theil des heutigen Geschlechtes empfangen hat, ist es zumeist zuzuschreiben, wenn uns die Zeiten so wenig gefallen können; und nur durch eine vernünftige Erziehung ist es möglich, wieder beffere Zeiten im Hause und im Staate herbeizuführen. Wie aber bei all unserem Thun das Gelingen in erster Reihe von dem ehrlichen Willen abhängt, so auch in der Erziehung. Es muß hier vor allen Dingen dos Wort des Propheten Maleachi (3, 24) zur Wahrheit werden: Es muß das Herz der Väter wieder den Kindern, und das Herz der Kinder wieder ihren Vätern zugewendet werden. Dazu brauchen wir freilich nicht die Ankunft des Propheten Elias abzuwarten, sondern wir können und müffen selbst Hand anlegen; entschließen wir uns nur vorerst dazu, unseren Kindern zu gehören, dann werden unsere Kinder auch wieder uns gehören, nicht nur leiblich, sondern auch geistig; dann werden sie uns Liebe und Ehrfurcht erweisen, und eben dadurch werden sie bester und edler werden. Ich meine also, vor allen Dingen müffen die Eltern wieder die Erziehung ihrer Kinder selbst in die Hand nehmen. Sie können bei der Beschaffenheit unseres geschäftlichen Lebens und bei der Vielseitigkeit des heute erforderlichen Wissens nicht gerade die Lehrer ihrer Kinder sein, aber ihre Erzieher sollen und müffen sie sein. Dem Israeliten ist das schon durch seine Religion zur Pflicht gemacht; vgl. z. B. 1. B. Mos. 18, 19; 5. B. Mos. 4,10; 6, 6; 31,13. Aber wie erfüllen die Eltern heute vielfach diese Pflicht? Der Vater geht seinem Geschäfte nach; die Mutter hat Ausgänge und Einkäufe zu besorgen, Besuche zli machen und zu empfangen, Einladungen anznnehmen und selbst zu erlassen, Konzert, Theater oder Vorträge zu besuchen u. s. w., u. s. w., so daß sie kaum Zeit hat, ein gutes Buch zu lesen, geschweige denn sich der Erziehung ihrer Kinder zu widmen. Das ist aber auch gar nicht nöthig! Für die kleinen Kinder hält man eine Bonne, die größeren schickt man in die Schule und hält ihnen nebenbei Erzieher oder Erzieherinnen. Bei Tische sieht man sich dann (vielleicht auch nicht), Abends sagt man sich „gute Nacht", und so stört eins das andere nicht in seinem Vergnügen. Das bekannte Geschichtchen von dem Kinde, das seinen Vater nur Sonntags zu sehen bekam und deshalb seine Mutter fragte, wer denn der fremde Herr sei, der immer am Sonntage bei ihnen zu Mittag speise, enthält eine traurige Beleuchtung unseres Familienlebens. Sind die Kinder herangewachsen, so sind sie körperlich vielleicht sehr wohl gediehen, haben auch wohl das Nöthige gelernt, aber das Beste fehlt ihnen. Woher sollte das auch gekommen sein? Die Bonne, die womöglich aus dem Auslande bezogen ist, damit das Kind zugleich die fremde Sprache lerne, ist eine Person, deren Bildung ans keinen Fall die eines deutschen Kindermädchens überragt; außerdem ist sie zu sehr auf ihre Ruhe und Bequemlichkeit bedacht, als daß sie auf die sittliche Entwickelung des Kindes achten könnte. Sind doch auch die Eltern schon zufrieden, wenn dieses nur körperlich gedeiht! Die Erzieherin (Gouvernante) oder der Hauslehrer sind zufrieden, wenn sie den Zöglingen das nöthige Wiffen eingedrillt, oder die Schularbeiten mit ihnen erledigt haben und im Uebrigen leidlich mit ihnen ausgckommen sind — und das ist oft genug keine Kleinigkeit; auch noch erziehlich auf sie zu wirken, sind sie jedenfalls nicht im Stande. Uebrigens müßte ihnen hierzu ein größeres Ansehen eingeräumt, vor Allem aber ein Hand 4n Hand gehen mit den