Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1894)
- Date
- 1894-02-16
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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r, *~>7<>w<' ü*- '.^ra; '.-^f«" ■> %• --,rr «FONiw^-wni Leone Fortis die Hand. Der Erste, dem sie vou diesem ihrem Entschluffe Mittheilung machte, war ihr Freund Luzzatto. Sie lebte fortan dem häuslichen Glück und der Wiffenschaft. Im Jahre 1886 starb ihr der Gatte, dem zu Ehren sie „Alla memoria de Leone Fortis“ erscheinen ließ. Die letzten Jahre ihres Lebens verlebte sie theils in Padua, theils in Asolo, wo sie am Morgen des 30. Dezember, nahezu zweiundsiebzig Jahre alt, entschlummerte, verehrt und geliebt von Allen, die sie kannten, wegen der Vorzüge ihres Geistes und Herzens. Ihre christlichen Freundinnen, drei italienische Dichterinnen, widmeten ihr in der „Gazzetta di Venezia“ am 31. Dezember einen erschütternden Nachruf. Bei ihrem Leichenbegängnisse, das in Asolo am 1. Januar stattfand, ließ sich die italienische Regierung durch Comm. Antonelli vertreten. Cav. Barea gab de» Gefühlen der Trauer der Bewohner Asolos Ausdruck, Dr. Bianchetti nahm im Namen der Stadt von ihr Abschied. Sodann wurde ihr Leichnam nach Venedig in die israelitische Leichenkammer geführt. Tags darauf fand unter großer Betheiligung der Bevölkerung, in Gegenwart der Vertreter der Stadt, der jüdischen Gemeinde, des Ateneo und vieler ihrer Verehrer aus Asolo, Mailand, Padua, Treviso und anderen Städten die Bestattung statt. Comm. Paulo Fambri hielt im Namen des Ateneo eine vorzügliche Rede, in der ihre poetischen Leistungen, ihre Verdienste um die Stadt Venedig und ihre hohen weiblichen Tugenden pries. Sie starb kinderlos. Ihre irdische Hülle ruht auf dem israelitischen Friedhofe des Lido. Uenans „Geschichte des Kolkes Israel". Paris, 8. Februar. Astern ist hier der fünfte Band von Renans „Geschichte des Volkes Israel" erschienen. Cr beendet ein Werk, das der verstorbene französische Gelehrte im Jahre 1887 begonnen und noch vor seinem Tode vollendet hatte. Der vierhundert Seiten starke Band zerfällt in zwei Theile; die erste Hälfte schildert das Ende der jüdischen Autonomie, die zweite Hälfte Israel unter römischer Herrschaft, Herodes, die Zerstreuung der Juden, die Schule von Alexandria, und den Kreis Jesu. Sachkundige Männer haben den bereits früher vorliegenden Theilen des Renanschen Werkes auch in diesem Blatte gerecht zu werden versucht. Im Folgenden sollen nur einige Auszüge aus dem letzten Kapitel des genannten Werkes gegeben werden, in denen Renan das Facit seiner Untersuchungen zieht. Man mag von Renan halten, was man will, die Ergebniffe seiner langjährigen religionsphilosophischeu Untersuchungen verdienen die Beachtung aller Gebildeten, und wahrlich, wir Juden können mit seinem Urtheil, auch selbst wenn wir demselben nicht zustimmen, doch meist zufrieden sein. Renan schreibt u. A.: „Das Christenthum ist der Abschluß, oder um mich eines anthropomorphischen Allsdrucks zu bedienen, das „Ziel" oder der „Endzweck" des Judaismus. Nach Entstehung des Christenthums Pflanzt sich der Judaismus noch fort, aber wie ein vertrockneter Stamm im Vergleich zu einem einzigen fruchtbaren Zweig. Forthin hat ihn das Leben verlaffen, seine Geschichte, so intereffant sie auch immer sein mag, hat, vom allgemeinen Gesichtspunkte aus betrachtet, fürderhin nur eine untergeordnete Bedeutung. In dieser Behauptung liegt nichts, was selbst die überzeugteste israelitische Seele verletzen könnte. Es ist eben durch das Christenthum, dlirch das der Judaismus in Wahrheit die Welt erobert hat. Das Christenthum ist das Meister- 77 werk des Judaismus, sein Ruhm, die Zusammenfassung seiner Entwickelung. Durch das Christenthlnn beendigen die beiden im Judaismus enthaltenen Elemente ihren hundertjährigen Kampf. Die Propheten, die seit der Rückkehr aus der Gefangenschaft durch die Thora besiegt waren, triumphiren schließlich dennoch; die Pharisäer werden durch die Messianisten geschlagen, die „Halacha" durch die „Agada" und die apokalyptischen Träume. Jesus, der letzte der Propheten, setzt dem Werk Israels die Krone auf. Die Zukunftsträume, das Gotteskönigreich, die endlosen Hoffnungen werden unter dem Schritt dieses göttlichen Zauberers erstehen und für Jahrhunderte die Nahrung der Menschheit bilden. Diese Entstehungsbewegung des Christenthunis — niedrig in seineil Anfängen, später von einer ungeheuren Bedeutung, — dreht sich um den Namen Jesu. Ich habe versucht, so weit es möglich ist, den dreifachen Vorhang, der diese zuerst wirkliche, dann gänzlich fabelhaft gewordene Figur verhüllt, fortzuziehen. Jesus hat gelebt. Er war Jude. Das Legendengewebe hat alles klebrige verdeckt. Wenn wir nach dem Beispiel der Evangelisten zu einem System zusammenhängender Erzählung, die theilweise wahr ist, unsere Zuflucht genommen haben, so haben wir ohne Unterlaß die Randbemerkung hinzugefügt: Equidem plura transcribo quam credo." Nachdem Renan den Reiz geschildert hat, den Jesus auf seine enge Umgebung ausgeübt haben muß, fährt er fort: „Die gesummte geheime Gluth des jüdischen Gewissens vereinigte sich zu einer höchsten Anstrenguilg und brachte dieses Eruptionsfieber hervor, das Außerordentlichste in der gesummten Geschichte der Menschheit, von dem ab ein neues Leben zu datiren scheint. Das war die Krise, die eine zweite Genesis begleitete, eine tiefe Inokulation einer zum vollen Leben heilsamen und nothwendigen Lymphe. Der Generationsakt, die Impfung sind immer vom Fieber begleitet. Während dieser Zeit muß man das arbeitende Lebeil mit einem geheimnißvollen Tuch bedecken. Alles dies spielte sich ab zu einer Zeit, die anscheinend oberflächlich und ganz in eitlen Beschäftigungen befangen erscheint. Judäa und die griechisch-römische Welt waren lvie zwei neben einander unter verschiedenen Einflüffen rollende Weltkugeln. Bis zum Jahre 1848 grub der Sozialismus seine Stollen unter dem Erdboden, dessen Oberfläche von einer Erschütterung verrieth und sich in der Sonne wärmte, ohne auch nur etwas von den Arbeiten zu wissen, die sich in seinen Eingeweide» vollzogen. Die Geschichte der Menschheit ist keineswegs immer synchronistisch in ihren verschiedenen Theilen. Zittere, Menschheit! Jetzt vielleicht bildet sich die Religion der Zukunft, und sie bildet sich ohne uns. Oh, der alte, weise „Kimri", der unter die Erde blickte! Da bereitet sich Alles vor, dorthin müßten wir schauen! Die nächste Zukunft ist dunkel. Es ist nicht gewiß, daß sie dem Licht gesichert ist. Die Leichtgläubigkeit hat tiefe Wurzeln. Der Sozialismus kann in Gemeinschaft mit dem Katholizismus ein neues Mittelalter herbeiführen mit seinen Barbaren, Kirchen, Verdunkelungen der Freiheit und der Individualität, der Civilisation mit einem Wort gesagt. Aber die spätere Zukunft ist gewiß. Endgiltig wird die Zukunft nicht an das Uebernatürliche glauben, denn das Uebcrnatürliche ist nicht wahr, und Alles, was nicht währ ist, ist zum Sterben verurtheilt. Nichts dauert, als die Wahrheit. Diese arme Wahrheit erscheint sehr verlassen, verehrt wie sie wird von nur einer kaum wahrnehmbareil Minderheit. Seid ruhig; sie wird dennoch triumphiren! Alles, was ihr dient, fügt sich an, bewahrt sie auf, wie ein schwaches, aber schon gebildetes Kapital: nichts geht von ihrem kleinen Schatz verloren. Alles, was unwahr ist, zerfällt dagegen. Das Falsche ist kein Grundstein, wogegen das kleine Gebäude der Wahrheit aus Stahl ist und immer höher in das Licht steigt. Weder der Judaismus noch das Christenthnm