Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1894)
- Date
- 1894-02-16
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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76 des Patriotismus protestirt der Verein gegen diese ebenso schädlichen wie betrübenden Agitationen, welche an Stelle der Gleichberechtigung die Aechtung einer ganzen Klasse nützlicher Staatsbürger, anstatt friedlichen Zusammenwirkens aller Bevölkerungsschichten Mißtrauen, Haß und Feindseligkeit zwischen denselben herbeizuführen sucht, und indem der Verein, so viel an ihm ist, solchen Bestrebungen sich wiedersetzt, weiß er sich in Uebereinstimmung mit dem erhabenen Gedanken, der in dem Wahlspruche unseres allergnädigsten Kaisers niedergelegt ist: „Mit vereinten Kräften"." Eine Deputation, bestehend aus den Herren Baron Suttner, v. Mingazzi, Graf Hoyos, Baron Leitenberger und Hofrath Nothnagel, übernahm es, die Resolution den Ministerpräsidenten und dem Minister des Innern, sowie dem für Kultus und Unterricht zu überreichen. Die Herren wurden überall sehr freundlich empfangen und erhielten speziell vom Ministerpräsidenten Fürsten Windischgrätz die bereits von Ihnen gebrachte Erklärung. Diese Erklärung begegnet fast überall der Austastung, daß sie nichts bedeutet, oder vielmehr doch etwas, nämlich eine höflich Abfertigung mit einigen billigen Redensarten, wie sie auch schon der Aera Taaffe geläufig waren. Das haben mit ihrer feinen Spürnase auch schon die Herren Antisemiten herausgebracht, und schadenfroh — man sieht förmlich beim Lesen das breite Lächeln des antisemitischen Journalisten — schreibt das „Deutsche Volksblatt": „Gegen diese Erklärung haben wir gar nichts einzuwenden. Daß die Regierung den Juden „erforderlichenfalls" den gesetzlichen Schutz wird angedeihen lassen, ist ganz selbstverständlich; in diesem Versprechen liegt aber die Anerkennung der Thatsache, daß sich bisher ein solcher besonderer Schutz als nicht „erforderlich" herausgestellt hat. Was an den Antisemiten liegt, wird auch in Zukunft geschehen, um ein derartiges Einschreiten der Regierung nicht nothwendig zu machen, denn die antisemitische Partei wird sich durch nichts von dem gesetzlichen Boden, auf dem sie steht, abdrängen lassen." Die Freude der Antisemiten ist begreiflich und läßt Vieles begreifen, — vor Allem die Thatsache, daß cs nicht bester geworden ist. Die liberale Tagespreffe gesteht dies auch unumwunden ein und sieht sich zu den schärfste» Auslassungen genöthigt. Die beiden angesehensten Blätter, „Deutsche Zeitung" und „Neue freie Preste", kritisiren ohne Scheu die lendenlahme Erklärung des Ministerpräsidenten. Die letztgenannte Zeitung thut es in der Nnmmer vom 2. d. M. in einem Leitartikel, der gelesen zu werden verdient. „Die Antwort", schreibt sie unter Anderem, „welche Fürst Windischgrätz der Deputation crtheilte, ist von der Art, vaß sich nur vermuthen läßt, der Herr Ministerpräsident habe die in der Resolution enthaltene Bitte — absichtlich oder unabsichtlich — überhört. Denn während die unterbreitete Resolution nachdrücklich auf die öffentlichen Herabwürdigungen, ans die Bedrohungen am Leben und am Eigenthum, auf die wirthschaftliche Boykottirung hinweist, denen die jüdischen Staatsbürger in Folge der antisemitischen Agitation ausgesetzt sind, und somit deutlich um Schutz gegen diese den bürgerlichen Rechtskreis berührenden Widergesetzlichkeiten bittet, antwortete der Ministerpräsident, die Regierung werde wie allen Kirchen und Religions-Gesellschaften auch der mosaischen erforderlichenfalls den gesetzlichen Schutz angedeihen lasten, als ob es sich blos um die Konfession und nicht auch um die Ehre, Eigenthum und persönliche Sicherheit handeln würde." Der Artikel wendet sich dann gegen das „Vaterland", „welches durch eine kurze Zeit sich den Anschein gegeben hatte, als hätte es die antisemitischen Flegeljahre überwunden, aus diesem Anlaffe wieder auf seine alte Liebe zurückkommt", und die Resolution des Abwehrvereins als „ungebührliche Mahnungen" an die Regierung bezeichnet. Mit dem Ausdrucke der! Befürchtung, „daß der Koalition kein langes Leben beschieden sein wird, wmn wirklich die konservative Partei solche Anschauungen ins öffentliche Leben einzuführen gedenkt, wird sie von ihrem Organ in Verschleiß gebracht werden." Sei dem, wie immer, das Eine steht fest, daß wir österreichischen Juden eine neue Enttäuschung erlebt haben und, bange in die Zukunft blickend, uns wieder und weiter fragen müsien: „Quousque tandem?“ Viennensis. Eugenia Pavia-Gentiloino-Fortis. Bon Dr. M. Kayserling. talien hat eine seiner bedeutendsten Dichterinnen verloren. Eugenia Pavia-Gentilomo-Fortis, eine Zierde des Judenthums, beschloß am vorletzten Tage des Jahres 1893 in Asolo ihr der Wissenschaft, der Kunst und der Wohlthätigkeit gewidmetes Leben. Sie war die Tochter Salomon Pavias, eines reichen Juweliers in Mailand, wo sie den 4. Januar 1822 geboren wurde. Schon früh zeigte sie einen ungewöhnlichen Geist, der durch die von Männern, wie Egidio de Magri und Giuseppe Sacchi, geleitete Erziehung sich auf das Trefflichste entfaltete. Ihren Vater, der zum sardinischen Hofjuwelier ernannt wurde, begleitete sie öfters auf seinen Geschäftsreisen in Italien und der französischen Schweiz. Während eines Aufenthaltes in Venedig lernte sie G. Gentilomo kennen, mit dem sie sich 1839 im Alter von siebzehn Jahren ehelich verband, der ihr aber nach einer kaum fünfjährigen Ehe im März 1844 durch den Tod entriflen wurde. Eugenia, Schülerin utib Freundin des Venetianers Luigi Carrer, eines der beliebtesten neuern Dichter Italiens, der auf ihre poetische Entwickelung wesentlichen Einfluß übte, entschloß sich nach dem Tode ihres Gatten, eine in den glücklichen Jahren ihrer Ehe begonnene größere Dichtung zu vollenden und der Oeffentlichkeit zu übergeben. Dieses mit einer Vorrede des Rabbiners Abraham Lattes in Venedig versehene unter dem Titel „Nicaule" erschienene poetische Produkt behandelt den Besuch der Königin von Saba bei Salomon und gehört zu den lieblichsten Dichtungen der modernen italienischen Schule. Mit „Nicaule" zugleich erschienen mehrere biblische Idyllen, als: „Rebekka", „Der Tod Jakob's", mehrere Psalmen Davids in Sistinen und Uebersetzungcn hebräischer Gesänge aus dem elften und zwölften Jahrhundert; diese schickte sie, bevor sie sie dem Drucke übergab, zur Kritik an Samuel David Luzzatto in Padua, auf dessen Urtheil sie großen Werth legte und mit dem sie vom Oktober 1846 bis August 1857 in lebhafter Korrespondenz ftanb1); die „herrliche Frau wurde seine beste Freundin", und dankbar nahm sie jede kritische Bemerkung von ihm an. Luzzatto konnte dir Tiefe ihrer Ideen, die Eleganz ihrer Verse nicht genug bewundern, aber nicht allein der Freund, viele italienische Dichter und Gelehrte, wie Grösst, Paravia, Montonari, der Uebersetzer Schillers, feierten in Wort und Schrift die geistreiche Eugenia, deren Salon in Venedig der Sammelplatz der Gelehrten und Künstler war. Das „Ateneo di Venezia“ ernannte sie im Jahre 1856 zum korrespondirenden Mitgliede; sie war die erste Dichterin, der diese Ehre erwiesen wurde. Im folgenden. Jahre erschien, den Manen Carrers gewidmet, unter dem Titel „Nuovi Poesie“ eine neue Sammlung ihrer Dichtungen. In demselben Jahre legte sie den Wittwenschleier ab und reichte dem als Dramatiker und juridischen Schriftsteller bekannten Advokaten Cavaliere i) M. v. Epistolario italiano francese latino di Samuel David Luzzatto (Padova 1890).