Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1894)
- Date
- 1894-02-16
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
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75 gewesen, sondern habe nur aushilfsweise für dieselbe gearbeitet. Schriftsteller Wolfgang Kirchbach bestätigt' die rassenantisemitische Richtung Dr. Limans. Hauptmann a. D. Santen erwiederte auf die Frage des Vorsitzenden, ob ein Judensprößling als Mitglied der Reformpartei geduldet werden könne: Das sei eine Prinzipienfrage, die von den meisten seiner Parteifreunde verneint wurde. Rechtsanwalt Bräuer legte einen von Dr. Lima« Unterzeichneten Leitartikel der „Dresdener Nachrichten" vor, worin diese sich gegen die Judentaufe ausspricht und den Standpunkt des Raffen-Antisemitismus verficht. Die Verkündigung des Urtheiis wurde vertagt. In seinem Plaidoyer suchte der Vertheidiger Limans namentlich dessen Bewußtsein von seiner semitischen Abstammung zu bestreiten, während der Vertreter des Dr. Lohan die entgegengesetzte Meinung zum Ausdruck brachte. Indessen ist diese Frage eben so wenig von allgemeiner Bedeutung, wie die weiter in dem Prozeß verhandelte, ob Dr. Liman mit einer Audienz beim König von Sachsen renommirt habe, die niemals stattgefunden. Dadurch wurde weiter nichtbewiesen, als was jeder Einsichtige ohne dies weiß, daß es nämlich unter den Antisemiten Renommisten und gute Geschäftsleute giebt, die es mit der Wahrheit und mit ihrem Worte nicht genau nehmen. Wohl aber fällt es bei der Beurtheilung der rassen-antisemitischen Bewegung ins Gewicht, daß eine von Juden abstammende Persönlichkeit in ihr lange Zeit eine große Rolle spielen konnte, ein Mann über dessen Abkunft die Antisemiten selbst nicht im Zweifel waren. Das beweist ain besten die innere Unwahrheit des ganzen Raffenantisemitismus. Im Zeichen der Koalition. Wien, 12. Februar. )an kann es ebenso oft im privaten als öffentlichen Leben beobachten, daß gerade dort, wo das Elend haust, das Blümchen Optimismus am besten gedeiht. Darauf wird wohl — von allerdings nicht zu leugnenden Stammesanlagen abgeseheu — zurückzuführen sein, daß gerade die Juden über alle Schicksalsschläge hinweg sich die Hoffnungsseligkeit zu retten wissen. Einen neuerlichen Beweis dafür haben wir jüngst hier in Oesterreich erlebt, als das sogenannte Versöhnungsministerium Taaffe, deflen Ende man sich gar nicht mehr vorzustellen wagte, vor einigen Monaten hinweggefegt wurde und das Koalitionsministerinm Windischgrätz an seine Stelle trat. Die gestürzte Regierung hatte ohne und gegen die liberalen Elemente regiert und war daher durchaus konservativ gewesen, durfte im Grunde auch nicht beleidigt sein, wenn man sie einfach reaktionär schalt. Klerisei und Feudaladel waren die beiden mächtigen Pfeiler, auf welche sie sich stützte. Dabei kamen natürlich die Juden nicht gut weg. Die Regierung konnte sie wohl nicht offen brüskiren — denn am Ende braucht mau ja doch einzelne jüdische Finanzleute, und ein Verfaffungsstaat war man ja übrigens auch —, aber die geheimen Herzenswünsche von Geistlichkeit und Adel durften denn doch nicht unbeachtet bleiben. Diese rückschrittlichen Faktoren sahen nämlich mit innerem Behagen der antisemitischen Hetze zu. Jeder Tort, der den Juden angethan wurde, machte ihnen Freude, weil sie dadurch auch die Liberalen geschädigt glaubten. Sie wähnten, die Früchte der antisemitischen Aussaat seiner Zeit ernten zu können. Und darum mußte gegenüber den Juden Verfassung und Gesetz lax gehandhabt werden; darum mußte der Staatsanwalt jedesmal ein Auge zudrücken, wenn durch Aufreizung der Massen gegen die Juden, durch Beleidigung der jüdischen Religion und des jüdischen Volksstammes, ja sogar durch Exzeffe und Plünderungen das Strafgesetzbuch verletzt wurde, was täglich vorkam. Alle Proteste gegen diese eigenartige Duldsamkeit, in und außerhalb des Reichsrathes erhoben, halfen nichts. Die Regierung des Grafen Taaffe zog sofort die unschuldvollste Miene auf —, die reine gekränkte Unschuld! Alle diese beklagenswerthen Zustände sollten nun — so hoffte man allgemein in jüdischen Kreisen — mit der neuen Regierung aufhören. Diese Hoffnung stützte sich mit einigem Recht auf den Umstand, daß nun auch die Liberalen an der Regierung Theil nahmen. Das neue Ministerium war nämlich der Koalition dreier großer Parteien, der liberalen Deutschen, der Konservativen und der Polen entsproffen. Diese drei allerdings in ihren Zielen recht grell verschiedene Parteien, hatten sich als gemäßigte, zur Abwehr aller radikalen Bestrebungen, also der sozialdemokrutischen, jungtschechischen und, wie man auch annehmen durfte, der antisemitischen vereinigt. Freilich hätte man ahnen müffen — und thatsächlich erhoben sich einzelne warnende Stimmen —, daß gerade in Bezug auf die Niederhaltung des Antisemitismus nicht viel zu erwarten sei, da die zwei übrigen Glieder der Koalition nicht den schönen Augen der Liberalen zu Liebe von alten Passionen lassen würden. Klerikale und Feudalherren besitzen nun einmal die Leidenschaft, den Juden in allerchristlichster und allerritterlichster Weise so zuweilen einen Rippenstoß zu versetzen, oder wenn es gerade nicht besonders fromm und chevaleresk aussehen könnte, dies durch Andere besorgen zu laffen. In dieser Leidenschaft übertreffen sie nun noch die Polen, die es freilich in der Kunst, dabei so thun, als ob sie nichts gethan hätten, am weitesten gebracht haben. Kurz, ein klein wenig Pessimismus hätte den Juden sagen können, daß ihre Hoffnungen verfrüht seien, sobald ein „Vaterland" und eine „Gazeta narodowa“ ebenso Anspruch darauf machen können, Organe von Regierungsparteien zu sein, als die „Neue freie Presse". Die Ernüchterung hat sich denn auch bald eingestellt. Die neue Regierung ist nun schon fast drei Monate am Ruder — und die antisemitische Agitation wird von Tag zu Tag maßloser, schamloser, ohne daß sie mehr Schranken fände, als früher zur Zeit der vielgelästerten, nun selig entschlafenen Taaffeschen Regierung. Dies hat nun den von sehr wohlmeinenden Männern geleiteten Wiener „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" zu dem Entschluffe geführt, die Regierung, von der man so viel erwartet hatte, an ihre Pflicht zu mahnen. Bei einer außerordentlichen Volksversammlung am 21. v. M. welcher Baron Leitenberger präsidirte und der hervorragende Mitglieder der Wiener Gesellschaft, Professoren und Schriftsteller, Abgeordnete und Pairs, Gemeinderäthe u. s. w. beiwohnten, wurde nach mehrstündiger Debatte eine Resolution einstimmig angenommen, welche die Regierung zur Unterstützung der Ziele des Vereins auffordert. Die Resolution, die ein wenig zu lang ist, um hier im Ganzen mitgetheilt werden zu können, schildert mit nachdrücklichen Worten das durch die antisemitische Agitation angerichtete Unheil, spricht 'dann die Hoffnung aus, daß die Regierung die hetzerischen Elemente in die gesetzlichen Schranken zurückweisen werde und schließt mit den Worten: „Der Verein sieht sich umsomehr veranlaßt, dies Vertrauen auszusprechen, weil die auf Erregung von Feindseligkeiten gegen unsere jüdischen Mitbürger gerichteten Bestrebungen, obgleich sie nur mit Verletzung der bestehenden Gesetze sich geltend machen können, einen Umfang erreicht haben, der sie als eine der bedenklichsten, dem Frieden und der allgemeinen Wohlfahrt abträglichsten und auch zur Herbeiführung anderer sozialer Gefahren geeigneten Erscheinungen kennzeichnet. Aus Gründen der Humanität, der Gerechtigkeit und