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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-02-09 · Heft 6 (9.2.1894) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 6 (9.2.1894)
Date
1894-02-09
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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aus Gelneinden, in denen es an einem Religionslehrer fehlte und die deshalb hierorts nntergebracht und unterhalten werden mußten, hat sie regelmäßige Jahresstipendien gewährt, von einer Höhe, wie fie sonst besondere Stiftungen gewöhnt, vor einigen Monaten sogar ein solches, wohl in der Vorahnung ihres Todes, auf 6 Jahre im Voraus, damit das aufgenommene 8jährige Kind bis zum Ablaufe des schulpflichtigen Alters jüdischen Religionsunterricht hier erhalten könnte. Manche dieser durch ihre reiche Förderung ans körperlicher und geistiger Verkümmerung herausgerissenen Knaben sind später an dem hiesigen Seminar zu Lehrern ausgebildet worden, und das war für ihr frommes jüdisches Herz eine ganz besondere Freude. Doch ihre Wohlthätigkeit war nicht durch ihre Heimathprovinz begrenzt. Eine fleißige Leserin der jüdischen Blätter, fand sie in den verschiedensten Gegenden Gelegenheit, ihren Edelsinn zu bethätigen. In den verschiedenen Spenderlisten wird der Name Georgine Jacobsohn dem Leser gewiß besonders häufig begegnet sein, und es war wieder ein Zeichen ihrer Frömmigkeit, daß sie dabei auch besonders Arme des heiligen Landes bedacht hat. Doch die höchste Sehnsucht ihres Herzens, man könnte sagen, das Ideal ihres Lebens war es, daß ihr Vermögen auch .nach ihrem Tode zu diesen edlen Zwecken verwandt werde, wie während ihres Lebens. Sie hatte das besondere Glück, hierfür bei ihrem vor nahezu zwei Jahrzehnten verstorbenen Gatten das vollste Verständniß zu finden. Des Kindersegens entbehrend, waren beide Gatten darin einig, ihr Vermögen hauptsächlich zu wohlthätigen und gemeinnützigen Zwecken zu bestimmen, und wurden die Grundzüge zu dem von der überlebenden Gattin gemachten Testamente bereits in Uebereinstimmung mit ihr von deren Gatten festgestellt. Nach diesem jüngst gerichtlich geöffneten Testament erhalten die Verwandten einen kleinen Theil der Hinterlassenschaft, der weitaus größte Theil ist für wohlthätige Anstalten bestimmt, denen zum Theil die Verpflichtung auferlegt ist, das Trauerjahr wie den Todestag, der beiden Gatten durch Kaddisch und Schiurlernen zu begehen Es erhalten die Synagogengemeinde zu Stolzenau, der Wohlthätigkeitsverein (Chewra Kadischa) zu Hannover, das Waisenhaus zu Paderborn <das hiesige israelitische Simon'fche Waisenhaus darf stiftungsmäßig keine Schenkung annehmen) je 3000 Mark, der Landrabbiner zu Hannover zur Verwendung für den Verein zur Unterstützung der Schüler der Bildungsanstalt, die Samuel E. Meyer-Stiftung und einige namhaft gemachte palästinensische Anstalten 6300 Mark, die Unterrichtsanstalt des Herrn Dr. Neustadt in Breslau 1500 Mark, die christliche Gemeinde in Steyerberg 400 Mark.. Die Summe dieser Legate und der Vermächtnisse für Verwandte beläuft sich auf ca 60,000 Mark. Der dann verbleibende Nest des augenblicklich noch nicht festgestellten, nach ungefährer Schätzung aber etwa 100,000 Mark betragenden Vermögens fällt der Synagogengemeinde Hannover uvtw dem Namen „Heine Jaeobsohn- und Frau Georgine geb. Cohn-Stiftung" zu, mit der Bestimmung, daß die Hälfte dem jüdischen Krankenhause und je ein Viertel dem Seminar und der Unterstützungskasse für jüdische Lehrer zugewiesen wird. So hat denn die Verklärte, deren großherziges Leben und Wirken im Trauerhause und auf dem Friedhofe? der zahlreichen tiefbewegten Trauerversammlung vom Landrabbiner Dr. Gronemann und darauf vom Lehrer Spanier in Stolzenau vorgeführt wurde, an sich und ihrem Gatten das Schriftwort zur Wahrheit gemacht: „Ich habe dir in meinem Hause und in meinen Mauern ein Denkmal und einen Namen errichtet, besser als Söhne und Töchter; einen ewigen Namen, der. nicht, j aufhören wird." §.- Hörde, 4. Februar. Im hiesigen Verein für jüdische Geschichte- und Litteratur hielt Herr Seminardirektor Dr. Kroner aus Hannover einen Vortrag: „Ein jüdischer Philosoph aus alter Zeit." Der Vvrtrag zeichnete sich durch den fesselnden Inhalt, wie durch lichtvolle Ausführung aus. Nur ein Meister der Sprache, wie Hei r Dr. Kroner, kann über das Buch „Koheleth" eine solche interessante Ausführung geben, die die Zuhörer unausgesetzt fesselt Wohlverdienter, anhaltender Beifall lohnte die gedankenreiche, formvollendete oratorische Leistung des Redners. Der Vorsitzende, Herr Lehrer Stern, dankte in bewegten Worten dem Herrn Redner, der aus Liebe zur sSache die weite Reise unternommen hatte. Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 3. Februar. Am 21. d. fand im Hause des Freiherrn Friedrich v. Leitenberger eine außerordentliche Vollversammlung des Vorstandes des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus statt, welcher außer dem Hausherrn Baron Leitenberger die? beiden Ehrenpräsidenten des Vereines, Hofrath Professor Nothnagel und Graf Rudolf Hoyos, die Ehrenmitglieder: Reichsrathsabgeordneter Peter Freiherr v. Pirquet, Herrenhausmitglied Vinzenz Ritter von Miller zu Aich- Holz, Herrenhausmitglied Nikolaus Dumba, Herrenhausmitglied Ludwig Lobmeyr, Reichsrathsabgeordneter Eduard Ritter v. Gniewosz-Olexow und Karl Ritter v. Olschbaur, ferner die Vorstandsmitglieder: Arthur Gnndacear Freiherr v. Suttner, General Eduard de Mingazzi di Modigliano, die Reichsrathsabgeordneten Professor Eduard Sueß, Dr. Ferdinand Kronawetter, Karl Wrabetz, die Gerneinderäthe Dr. Karl Zimmermann, Frants Djörup, Leopold Seiler, ferner Herr Ludwig Hetsey, sowie die Schriftsteller Vinzenz Chiavacci, Balduin Groller und Ernst Viktor Zenker beiwohnten. Ihre Abwesenheit entschuldigt hatten die Herrenhausmitglieder Dr. Moritz Ritter v. Eigner und Alois Freiherr v. Czedik, die Reichsrathsabgeordneten Dr. Guido Freiherr v. Sommarnga, Hofrath Professor Wilhelm Exner, ferner FML. Moritz Freiherr von Ebner-Eschenbach, Bartholomäus R. v. Carneri, Ferdinand v. Saar, Dr. Moritz Weitlof und Dr. Karl Ritter v. Kißling. Ehrenpräsident Baron Leitenberger machte die Anwesenden mit dem außerordentlichen Zweck dieser Versammlung bekannt. Angesichts des stattgefundenen tiefgreifenden Wandels in den innerpolitischen Verhältnissen sowohl als im Hinblick auf die bis zur Siedehitze gestiegenen antisemitischen Umtriebe halte er den Moment für gekommen, daß der Verein - an die Regierung herantrete und sie uni die Unterstützung seiner Ziele und Strebungen ersuche. In Übereinstimmung mit dem engeren Vorstande des Vereines lege er deshalb eine in diesem Sinne gehaltene Resolution zur Annahme vor und beantrage, dieselbe im Deputationswege , der Regierung zu überreichen. Die Resolution besagte u. A. wie folgt: „Der Verein ist von dem zuversichtlichen Vertrauen erfüllt, daß die hohe Regierung auf das Entschiedenste diejenigen Elemente in die gesetzlichen Schranken zurückweisen werde, welche den zwischen christlichen und jüdischen Staatsbürgern bestehenden Frieden zu stören suchen. Der Verein sieht sich umsomehr veranlaßt, dies Vertrauen auszusprcchen, weil die auf Erregung von Feindseligkeiten gegen unsere jüdischen Mitbürger gerichteten Bestrebungen einen Umfang erreicht haben, der sie als eine der bedenklichsten, dem Frieden und der allgemeinen Wohlfahrt abträglichsten und auch zur. Herbeiführung anderer sozialer- Gefahren geeigneten ^Erscheinungen kennzeichnet. Aus Gründen der Humanität, der Gerechtigkeit - und des Patriotismus protestirt der Verein gegen diese ebenso schädliche!: wie betrübenden Agitationen." Diese Resolution wurde unter lebhaftem, anhaltendem Beifall einstimmig genehmigt und von den Herren Baron Suttner, v. Mingazzi, Graf Hoyos, Baron Leitenberger und Hofrath Nothnagel dem Minister-Präsidenten Fürsten Windischgrätz und den Ministern Marquis Baequehem, Ritter v. Madeyski und Graf t Schönborn überreicht. Der Ministerpräsident empfing die Deputation ' in entgegenkommendster Weise und gab über die Resolution folgende Er-! klärung ab: „Die Regierung hält sich klar vor Augen, daß jeder gesetzlich anerkannten Kirche und Religionsgesellschaft ohne Unterschied das volle Ausmaß der staatsgrundgesetzlich ihr gewährleisteten Rechte gebührt, daß somit auch die berufenen staatlichen Organe die Pflicht haben, allen solchen Kirchen- und Religionsgesellschaften — daher auch der mosaischen, deren Mitglieder Ihr Verein geschützt wissen will — erforderlichenfalls den gesetzlichen Schutz angedeihen zu lassen." Auch von den übrigen Ministern wurde die Deputation auf das Liebenswürdigste und Wohlwollendste empfangen. Dieselben betonten übereinstimmend, die Regierung sei sich ihrer Pflichten gegenüber allen Staatsangehörigen bewußt und werde auf strenge Wahrung der Gesetze achten. Sämmtliche Minister ertheilten die Zusicherung, die Resolution einem eingehenden Studimn zu unterziehen. — Und Abhilfe wäre wahrlich schon sehr an der I Zeit, wenn man das sinnlose Wüthen dieser Partei ins Auge faßt. j Nachdem sie unter Anführung des Dr. Lueger eine Versammlung des deutsch-fortschrittlichen Reformvereins in Tulln durch ihr lärmendes | Dazwischentreten unmöglich gemacht halten, setzten sie ihre Thätigkeit im | Landtage fort, wo der Abgeordnete Gregorig zuerst den alljährlich in Wien stattfindenden Saatenmarkt abgeschafft haben wollte, und die Geschäftsleute, die denselben besuchen, in der unfläthigsten Weise beschimpfte — um dann die Donau-Regulirungs-Kommissiorr des Betruges zu zeihen und — zu allerletzt den Statthalter Grafen Kielmannsegg beleidigte, indem er demselben vorwarf, eine Unwahrheit gesagt zu haben. Dann gingen sie über die Frachtbörse her: Abgeordneter Ritter von Troll sagte, er habe haarsträubende Dinge über die Vorgänge an der Frucht-

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