Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1894)
- Date
- 1894-02-09
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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-MMMW DMMWW MWMWW^WWM^WWWHWWW börse gehört und es wundere ihn das nicht, da den Börseanern da^ Exzediren im Blute liege. Abgeordneter Dr. Lueger: Wenn Professor Sneß sagte, er (Redner) betrachte die ganze Sache aus dem Guckloch des Judenhasses, so müsse man antworten, daß die Liberalen Alles durch das Guckloch der Judenliebe oder vielmehr der Judenfurcht ansehen. Abgeordneter Schneider: Insbesondere die Regierung. Abgeordneter Dr. Lueger: Von der Regierung will ich gar nicht sprechen Wer abhängig ist, hat keine freie Meinung, und es ist Thatsache, daß die österreichische Regierung vollständig von den Juden abhängig ist. Redner sagte dann, an der Frucht- und Mehlbörse befinden sich reißende Thiere, ein Löw', ein Bär, ein Panther und ein Tiger. Diese vier Thiere warnen den Bauer, ja nicht auf die Frucht- und Mehlbörse zu gehen, denn wenn er dort hinginge, würde er von den reißenden Thieren in der Frucht- und Mehlbörse erbarmungslos zerrissen. Wer einmal auf die Börse geht, ist verloren, und wenn er der beste Mensch wäre. Er erhält andere Rechtsbegriffe als jene, welche sich im Volke geltend machen. Wenn gesagt wird, daß sogar der Fürstprimas von Ungarn einen Vertreter zum Saatenmartt geschickt hat, so nimmt mich das nicht Wunder. Ich weiß, daß beinahe der ganze ungarische Adel, sowie der niederösterreichische, polnische und böhmische ohne Unterschied von den Juden abhängt." Holland. g Amsterdam, 3. Februar Am 27. Januar hatte der bekannte Maler Josef Israels im Haag sein 70. Lebensjahr vollendet. Großartige Vorbereitungen waren seitens seiner Kollegen und seiner Verehrer getroffen worden, um eine der hohen Bedeutung des Jubilars entsprechende Feier zu veranstalten, als der wenige Tage vor seinem Geburtsfest erfolgte plötzliche Tod seiner Gattin dem Festjubel Schweigen auferlegte. Dennoch aber wurden ihm an diesem Tage Huldigungen dargebracht, wie sie hier zu Lande wohl schwerlich jemals ein Künstler empfangen hat. Einer Einladung des Künstlervereins aus dem Haag folgend hatten auch auswärtige Künstler und Bewunderer dem Jubilar ihre Glückwünsche gesandt; von den deutschen mögen hier nur Menzel, Gabriel Max, Defregger und Uhde genannt werden, während sich auch Männer wie Zola, Rubinstein und Verdi der Reihe der Gra'tulirenden anschlossen. Israels ist am 27. Januar 1824 in Groningen geboren, studirte zuerst an der Akademie in Amsterdam, dann 1846 bis 1847 in Paris, ließ sich dann in Amsterdam nieder und siedelte 1874 nach der Residenzstadt Haag über. Zuerst trat er als Historienmaler auf, und sein Erstlingswerk „Aaron mit seinen Söhnen Eleasar und Jthamar im Allerheiligsten", wie verschiedene Darstellungen aus der niederländischen Geschichte fanden eine günstige Aufnahme. Aber bald wandte er sich einem ganz anderen Gebiete zu, er fand im Leben und Treiben der Fischerbevölkerung der holländischen Küste den unerschöpflichen Stoff, dessen Darstellung den Inhalt seiner künstlerischen Thätigkeit erfüllte. Seine bekanntesten Gemälde sind: „Erste Liebe", „Die kleine Strickerin", „Häusliches Leid", „Die Wiege", „Der Schiffbrüchige" (die beiden letzteren wurden 1862 in London ausgestellt und begründeten den Ruf des Künstlers im Ausland), „Der Tag vor dem Scheiden", „Vom Dunkel zum Licht", „Das genesende Kind", „Zukunft", „Mutters Hilfe", „Die Nähschule", „Ein holländisches Hausmütterchen", „Gebet vor dem Mittagessen", „Hauswärts", „Die Kuchenbäckerin", „Das Blümchen", „Netzflickende Frauen", „Die Armen des Dorfes", „Die Schustersfamilie", „Die Spieler", „Allein auf der Welt". Am ergreifendsten sind seine Darstellungen, wenn er uns in die Fischerhütten führt, in denen Krankheit oder Tod eingekehrt sind, oder wenn er Szenen malt, bei denen Kinder eine Rolle spielen. Man weiß, daß es Israels ist, der die jüngere holländische Schule im Ausland zu Ehre und Geltung gebracht hat, die, was Meisterschaft im Kolorit betrifft, auf sehr hoher, wenn nicht unübertroffener Stufe steht. Wie sehr Israels es verstanden hat, in der Seele dieser Schichten der unteren Volksllasse zu lesen, und wie vollkommen und ungezwungen er den häufig unschönen Realismus mit einer packenden poetischen und idealen Auffassung zu durchdringen wußte, beweisen vor Allem die ungemein zahlreichen Vervielfältigungen seiner Schöpfungen durch Stahlstiche oder Radirungen, die ihren Weg in alle Klassen der Gesellschaft gefunden haben. Nach der bisherigen Thätigkeit und Schaffensfreudig- feit des Meisters darf mau hoffen, daß die Kunst seinem Pinsel noch; manche herrliche Schöpfung zu verdanken haben wird. Schweiz. SS Zürich, 31. Januar. Hier starb im 87. Lebensjahre Moritz Abraham Stern, Professor der Mathematik, früher in Göttingen, Vater des hiesigen Professors Dr. Alfred Stern. Derselbe stand von 1829 bis 1884 in Diensten der Göttinger Universität 1807 zu Frankfurt am Main geboren, promovirte Stern 1829 in GÄtingen mit der Schrift „Observationes in fractiones contirmas“ zum Doktor. Im nämlichen Jahre habilitirte er sich als Privatdozenr in der Göttinger philosophischen Fakultät. 1849 erhielt er eine außerordentliche Professur, zehn Jahre später einen ordentlichen Lehrstuhl für Mathematik. 1884 begab sich Stern seines vorgerückten Alters wegen seiner Lehrthätigkeit und nahm seinen Wohnsitz in Zürich, wo sein Sohn Alfred Stern als Professor der Geschichte am Polytechnikum wirkt. Stern hat eine sehr umfangreiche litterarische Thätigkeit entfaltet. Uon Nah und Fern. --- Der Reichstagsabgeordnete Ahlwardt wird am 3. März d. I. aus der ihm im Judenflintenprozeß auferlegten fünfmonatlichen Haft, die er gegenwärtig im Strafgefängniß Plötzensee verbüßt, entlassen. Die Antisemiten Berlins werden ihn selbstverständlich feierlich aus dem Gefängniß abholen und am Abend wird Ahlwardt in einer Volksversammlung sprechen. — Die von Erwin Bauer in Leipzig herausgegebene antisemitische „Neue deutsche Zeitung" hat mit dem gestrigen Tage zu erscheinen aufgehört. — Die antisemitische Ehrenhalle vergrößert sich immer mehr. Die Blätter der Partei stellen jetzt selbst das Vorleben zwei ihrer eifrigsten Führer" fest. Darnach ist der Schriftsteller Rudolf Plack nicht weniger als fünfmal wegen Unterschlagung und Urkundenfälschung mit Gefängniß, in einem Falle sogar mit sechs Monaten und einjährigem Ehrverlust bestraft worden; ebenso ist auch der Schriftsteller Ludwig Schweinhagen, genannt Schwennhagen, zweimal, einmal' wegen Diebstahls mit einem Tage Gefängniß bestraft. — In der am 24. in Norden stattgefundenen Hauptversammlung des Bundes der Landwirthe ist die Aufnahme von Juden zur Sprache gebracht und erledigt worden. Der Vorsitzende, Gutsbesitzer Georgs, gab die Erklärung ab, daß in geeigneter Weise der Austritt der Juden veranlaßt sei. Diese Erklärung wurde „mit großem Beifall" ausgenommen. — Rabbiner Dr. Rosenthal-Rogasen hat im Litteraturverein zu Wongrowitz einen Vortrag über „Hagada und Geschichtsschreibung" gehalten. — In Obo rnik soll dem Vernehmen nach ein Litteraturverein demnächst gegründet werden. — In Schildberg ist am 22. v. Mts. nach mehrmonatlichen Leiden der Rabbiner Salomon Schreiber an Herzschwäche im 72 Lebensjahre gestorben. — Dem Schriftsteller Johann August Oppenheim in Weimar, der bisher den Schriftstellernamen Hans Olden führte, ist, wie die „Weim. Ztg. amtlich meldet, „höchster Entschließung zufolge" gestattet worden, diesen jetzt als Familien-Namen zu führen. — Dem verdienstvollen jüdischen Gelehrten Dr. A. Baer in Biebrich ist anläßlich seines fünfzigjährigen Amtsjubiläums der Kronenorden IV. Klasse verliehen worden. — Dem Kommissionsrath Julius El kan in Dessau sind die Ritterinsignien 2. Klasse des herzoglich anhaltischen Hausordens Albrechts des Bären verliehen worden. — In Pilsen gerieth in einem Kaffeehause nachts der Lieutenant Jkalovitsch mit dem Lederfabrikanten Kohn und dem Bräuer Lewit in Streit. Der Lieutenant verletzte Lewit mit dem Säbel. Lewit warf hierauf einen Sessel gegen den Lieutenant. Dieser eilte den beiden Flüchtenden nach und stieß Kohn den Säbel tief in den Rücken. Der Verwundete brach bewußtlos zusammen. — Baron Hirsch hat seine Krakauer Stiftung, nach welcher monatlich 5000 Gulden zur Vertheilung gelangen, wieder in Thätigkeit gesetzt. Statt Professor Rosenblatt sitzt Dr. Cohn in der Verwaltung. — Der Berichterstatter des „Daily Chronicle" in Odessa theilt mit, daß die russische Regierung in Kurzem der Karaim- Sekte der Juden gleiche Rechte verleihen will, wie die Christen besitzen. Die Karaim wohnen an der Küste der Krim und in den Gouvernements Cherson und Podolien. Der Berichterstatter behauptet, daß die russische Regierung stets einen Unterschied gemacht hat zwischen den Karaim und den gewöhnlichen Tallnud-Juden. Auch bisher haben sie viel mehr Rechte besessen als die letztere'. Druck mit) Verlag von Rudolf Äosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.