Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1894)
- Date
- 1894-02-09
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228047--50590-3273405- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
58. Jahrgang. Nr. 6. Berlin, 9. Februar 1894. HSeitcrge zuv „Allgemeinen Zeitung öes IuöenkHrrms". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. §2 Berlin, 6. Februar. In der am Sonntag stattgehabten Sitzung der Repräsentanten wurde zunächst die Verwaltungskommissionen neu gebildet, welche zum überwiegendsten Theile durch Wiederwahl neu bestätigt wurden. Nur einige Vakanzen erforderten eine Neubesetzung. Es wurden daher aus der Mitte der Gemeinde gewählt: in den Schulvorstand Professor Geiger, in den Vorstand des Krankenhauses die Herren Hugo Deutsch und S. Solmitz und in das Kuratorium des Reichenheim'schen Waisenhauses Herr Julius Rosenhain. Da die Listen über die staatliche Besteuerung der Gemeindemitglieder frühestens erst im Mai eingehen werden, wird laut Vorlage des Vorstandes beschlossen, im neuen Etatsjahre die Beiträge in der bisher gezahlten Höhe vorläufig einzuziehen und später die Verrechnung mit den Steuerzahlern nach dem richtigen Steuersatz stattfinden zu lassen. Der Rechnungsabschluß betreffend die gottesdienstlichen Veranstaltungen an den hohen Festtagen in den gemietheten Lokalen hat nach dem Bericht des Referenten Herrn Leichtentritt gegen den Voranschlag einen Minderverbrauch von etwa 4000 Mk. ergeben. Der Rechnungsabschluß wird genehmigt. Alsdann beginnt die Berathung über den von einer gemischten Kommission ausgearbeiteten Entwurf eines revidirten Gemeindestatnts. Von prinzipieller Bedeutung ist erst die Umänderung des §11, der das Wahlrecht der Gemeindemitglieder behandelt. Bei der Berathung entspinnt sich eine lebhaftere Debatte. Der neue Entwurf will das Wahlrecht denjenigen gewähren, welche der Gemeinde ein Jahr angehört und ihren Beitrag gezahlt haben. Der Referent Dr. Tiktin folgert aus dem Regierungsgesetz vom 28. Juli 1847, daß drei Jahre erforderlich sind, wenngleich bisher eine mildere Praxis beobachtet wurde. Herr Leichtentritt spricht für den Antrag der Kommission. Herr Martin Simon tritt ebenfalls für die Zugehörigkeit von einem Jahre ein und räth, abzuwarten, ob die Vorgesetzten Behörden die betreffende Bestimmung des Gesetzes von 1847 so streng wie der Referent auslegen werden. Schließlich stimmt die Versammlung der Kommissionsvorlage: 1 Jahr Zugehörigkeit mit 13 gegen 5 Stimmen zu. Hinter § 13 beantragt der Referent Dr. Tiktin die Einschiebung eines Paragraphen, nach welchem durch Gemeindebeschluß Personen, welche sich besondere Verdienste um das Judenthum bezw. die Gemeinde erworben haben, eine Art Ehrenmitgliedschaft soll zuerkannt werden dürfen. Mit besonderer Entschiedenheit spricht sich Herr Louis Sachs gegen den Antrag aus, dem auch die Herren Justizrath Meyer, Leonh. Sachs und Dr. Jastrowitz keine Sympathie entgegenbringen Nur Herr Heilmann spricht für den Antrag, der mit großer Mehrheit jedoch abgelehnt wird. Bei § 16 — Wahl der Repräsentanten — wird die Berathung abgebrochen, und es folgt eine geheime Sitzung. Voraussichtlich werden zwei Lesungen für die Statutenberathung stattsinden, und werden wir nach deren Abschluß die wesentlichen Abänderungen in einem besonderen Aufsatz behandeln. A Berlin, 5. Februar. Im Saale der „Gesellschaft der Freunde" hatte sich am 27. v. Mts. ein illnstres Publikum eingefunden. Wollte es doch unserem allverehrten Professor Steinthal nach überstandener schwerer Krankheit seine Liebe und Hochachtung durch regen Besuch bezeugen. Leider wurde man jedoch durch die Mittheilung eines Herrn von dem Fernbleiben des Vortragenden benachrichtigt, und so mußte das Publikum mit dem Ablesen des angekündigten Vortrages „Ueber die jüdischen Melodien" fürlieb nehmen. Auf denselben näher einzugehen, ist wohl nicht nöthig, da der Vortrag in diesem Blatt demnächst erscheinen wird. Erwähnt sei nur, daß nicht wenig zum Gelingen des Ganzen die gesanglich vollendeten, mit schöner Tenorstimme wiedergegebenen Piecen von Herrn Kantor Stabynski beigetragen haben. Herr Stabynski brachte im Vortrage durch seinen Gesang die Eigenartigkeit des synagogalen Musikstiles erst recht zur Anschauung. Mit den Sabbath¬ und Feiertagsklängen zogen weihevolle Bilder altjüdischen Lebens an uns vorüber, und an dem rauschenden Beifall des Publikums, galt er auch hauptsächlich dem Herrn Prof. Steinthal, hat auch Herr Stabynski seinen Antheil. Möge ihm dies ein Ansvorn sein für weitere Leistungen auf dem Gebiete synagogalen Gesanges. 22 Berlin, 4 Februar. Wir freuen uns, mittheilen zu können, daß dem Herrn Dr. Moritz Steinschneider das Prädikat „Professor" beigelegt worden ist Es ist dies eine Auszeichnung der jüdischen Litteratur in einem ihrer hervorragendsten Träger, die wir mit aufrichtiger Genugthuung registriren. S2 Berlin, 7..Februar. Unter außerordentlich starker Betheiligung fand heute das Leichenbegängnis des Musikdirektors Prof. Lewandowski statt. Um 11 Uhr begann die Trauerfeier im Sterbehause mit einem Choral und einer wahrhaft ergreifenden Rede des Herrn Prediger Dr. Apolant. Dann setzte sich der Zug in Bewegung nach dem Friedhof in Weißensee. Auch dort wurde die Feier mit einem Choral eröffnet. Dann hielt Herr Rabbiner Dr. Maybaum die eigentliche Gedenkrede, die die Verdienste des theuren Todten nach allen Seiten hin würdigte und einen tiefen Eindruck hervorbrachte. Hierauf sprachen noch Herr Rektor Dr. Holzman im Namen der Gemeindeschulen und der Lehrerbildungsanstalt, sowie Herr Prediger Dr. M. Levin in warm empfundenen Worten Namens der jüdischen Gemeinde 31t Nürnberg. Feierliche Trauerchöre leiteten die Reden ein und beschlossen die Feier, nachdem Herr Kantor Rosenthal das LI mole raehamim mit sonorer Stimme recitirt hatte. Die Feier war eine des Verstorbenen wahrhaft würdige Möge sein Andenken als ein gesegnetes unter uns fortleben! A Berlin, 6. Februar. Zum Besten des Vereins zur Unterstützung jüdischer Gelehrter in Berlin finden auch in diesem Winter, wie alljährlich, öffentliche Vorlesungen statt in der Aula des Fried rich- Neal-Gymnasiums, und zwar die folgenden: Am 10. Februar Professor Dr. I. Hirschberg: „Japan". Am 17. Februar Dr H. Aron: „Fortschritte auf dem Gebiete der Elektrizität". Am 24. Februar Professor Dr. M. Philipp son: „Spanien in der Jetztzeit". Am 3. März Privatdozent Dr. H. Preuß: „Friedrich Julius Stahl". Am 10. März Professor Dr. S. Mendel: „Die Naturgeschichte des Verbrechers". Wir empfehlen den Besuch dieser Vorlesungen angelegentlichst. * Berlin, 3. Februar. Der Geheime Sanitätsrath Dr. Abraham Baer war wegen seines Gutachtens über den Geisteszustand des Dr. Morris de Jonge vielfach verdächtigt worden. Dies hat Dr. Baer veranlaßt, die Disziplinar-Untersuchung gegen sich zu beantragen. Daraufhin ist ihrn nach der „Berl. klin. Wochenschr." jetzt der Bescheid zu Theil geworden!, daß er nach einem Gutachten der wissenschaftlichen Deputation durchaus sachgemäß und korrekt verfahren sei und daß danach zur Einleitung einer D.sziplinar-Untersuchung kein Grund vorliege. fl/> Berlin, 4. Februar. Vor einigen Wochen brachte der „Hannöversche Courier" die Mittheilung, daß ein jüdischer Kleiderhändler aus dem Südosten von Berlin für sein Geschäft, das den Namen „Kleider-Baron" führt, Reklamezettel vertheilt habe, deren Inhalt jedes religiöse Gefühl verletze. So sehr es uns widerstrebt, das von dem genannten Blatt mitgetheilte angebliche Reklamegedicht hier zu reproduziren, so können wir uns dieser unangenehmen Nothwendigkeit doch nicht entziehen. Das von dem „Kleider-Baron" vertheilte „Gedicht" soll also folgenden Wortlaut gehabt haben: „Das Christkind kam aus Maria Schooß Hier auf die Welt ganz nackend und bloß; Hätte der heilige Joseph auch damals schon Gekannt den berühmten „Kleider- Baron", Er hätte ihn gewiß - was kann da sein — Dann eingekleidet höchst nobel und sein in 5000 hochelegante Winterpaletots" u. s. w. Diese Mittheilung des Hannoverschen Blattes ging in die „Kölnische Zeitung" über und wurde dann von der gesammten antisemitischen Presse übernommen und in der herkömmlichen Weise fruktifizirt. Die „Kreuzzeitung" gab der Notiz folgende Bemerkung mit auf den Weg: „Was sagen hierzu die Judenblätter? Werden sie jetzt auch in Entrüstungs-