Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1894)
- Date
- 1894-02-09
- Page
- Seite 71 (sequence 11)
- Language
- German
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71 „Duma", welche dahin lautete: „In der Hölle linken schon soviel nicht jüdische Wucherer, daß für jüdische fromme Ankömmlinge kein Platz zu finden sei, man möge ihn irgend anderswo unter bringen." „Was soll ich nun beginnen?" — jammerte Abraham—„soll ich gar eine Abtheilung für fromme jüdische Wucherer einrichten? Die Bewohner des Lichtes empfinden an solchen Nachbarn keine besondere Freude, und der Ewige wird von meiner Nachsicht gegen solche Heuchler auch nicht besonders erbaut sein —, ich kann mir wirklich keinen Rath geben." „Wenn ich Dir rathen darf," —flüsterte ihm ein Engel zu—, „so weise ihni einen Platz in der Armenabtheilung an, damit er seine Opfer stets vor Augen habe." „Meinetwegen," — erwiederte Abraham und wandte sich einer andern Seele zu. — „Und wer bist Du, mein Sohn?" „Ich bin ein jüdischer Schriftsteller," — anwortcte im Flüsterton die Seele. — „Ich habe auf Erden ein trauriges Dasein gefristet, Neider und Feinde haben das Leben mir verbittert, nun bin ich todt, und hoffe ich wenigstens hier Ruhe und Friede zu finden." „Ein jüdischer Schriftsteller!" — schüttelte der Patriarch mitleidig das Haupt —, „bis jetzt haben wir Leute dieser Zunft hier nicht ausgenommen, denn die Frommen wußten nichts Rühmliches über sie zu erzählen; sie sagten vielmehr: „Ihr hättet einen leichten Sinn und zerrtet alles Heilige in den Staub." Erst seit einigen Jahren haben wir beschlossen, auch Deinen Kollegen freundlich entgegen zu kommen, und ich kann Dir nur jagen, das; wir es nicht bereuen. So mancher aus Eurer Gesellschaft nimmt jetzt einen der ersten Plätze hier ein. Es liegt wahrscheinlich an der Zeit, der auch das himmlische Gericht Rechnung trägt. Wie es scheint, hat man wirkich Euch nur verleumdet, ja, ich will Dir offen gestehen, Deine Kollegen gefallen mir fast alle recht gut, ich freue mich, wenn ich Kollegen von Dir hier begrüßen kann, und ich will hoffen, daß die hier bereits Ansässigen sich Deiner nicht schämen werden. Sage mir nur, was hat Deine Feder ausgewirkt? „Ehrwürdiger Vater" — stöhnte die Schriftstellerseele —, „ausgewirkt hat meine Feder nichts, leider gar nichts. — Ich habe viel, sehr viel geschrieben, allein meine Worte sind immer auf dem Papier geblieben, haben keine Wirkung erzielt, — das Herz meines Volkes scheint aus Stein zu sein." „Nicht doch, mein Sohn, gehe nicht als Aubringer umher unter Deinem Volke," verwies Abraham die bebende Seele. „Wenn Deine Worte bei Deinen Stammcsgenoffen kein Gehör gefnnden, so ivird es wohl daran gelegen haben, daß Du in Deinen Forderungen zu anspruchsvoll gewesen warst. Ich will Dich nicht beschämen, allein berichtet wurde mir, daß Ihr alle Unmögliches Euren Glaubensgenossen zumuthet; doch wer und was waren die Objekte Deiner schriftstellerischen Thätigkeit?" „Ich habe," — erwiederte des Schriftstellers Schatten —, „unsere Reichen auf die Armuth ihrer Glaubensgenoffen aufmerksam gemacht; ich habe die Rabbiner kritisirt, daß sie nur der Wiffenschaft obliegen und für die Belehrung des Volkes nichts thnn; ich habe den jüdischen Lehrern und Lehrerinnen Vorwürfe darüber gemacht, daß sie Deine Sprache, treuer Vater, so sehr vernachlässigen; ich habe Israels Töchtern und Söhnen das Verwerfliche ihres Treibens, ihres Luxus, ihres Hochmuths, ihres Protzenthnms vorgeworfen, aber umsonst habe ich mir die Finger wund geschrieben, umsonst habe ich den Schlaf meinen Augen geraubt, umsonst — Niemand hörte auf mich, ja man hielt mich, gelinde gesagt, für überspannt, — für einen Demagogen. —" „Wenn ich auch nicht in allen Punkten mit Dir übereiustimme, — versetzte Abraham — so verkenne ich doch nicht Dein edles Streben; allein man sieht zuweilen einen Splitter in des Nächsten und nicht den Balken in den eigenen Augen; die Erfahrungen haben mich gelehrt, daß nicht immer die Handlungen des Menschen seinen Worten entsprechen: erzähle mir etwas über Dein Privatleben." „Was soll ich Dir," — wimmerte die Seele —, „aus meinem Leben erzählen? Geschäfte habe ich nicht betrieben, meine Feder war meine Nahrungsqnelle, und wehe dem Schriftsteller, der nur auf seine Feder angewiesen ist! Ich habe meine Stammesgenoffen geliebt, obwohl sie mich gehaßt und nicht selten beschämt und verachtet haben. Mit de» religiösen, an Gott erinnernden Vorschriften habe ich es allerdings nicht allzu genau genoimnen, ja, ich leugne nicht, daß ich auf dem religiösen Gebiet dem Fortschritt gehuldigt habe, aber meine Feder stand im DienstedesJudenthums.imDienste meines unglücklichen Volkes." „Genug, genug," — unterbrach ihn der Patriarch. „Es ist sowohl für Dich wie für mich besser, das; Du mir Deine Ansichten über Religion und Dein Verhältnis; zu Gott im irdischen Leben nicht haarklein schilderst. Ich begnüge mich mit Deinem Bekenntuiß. das; Du unglücklich, ein armer Teufel warst, und daß Deine Feder Dir Feinde verschafft hat. Folge dem Engel hier, er wird Dir eine» Dir gebührenden Platz auzeigen: In der sechsten Abtheilung, im neunten Zimmer, in der dritten Reihe." „Deni freidenkenden Schriftsteller giebst Du einen feineren Platz als dem frommen Rabbiner," wendete Sara vorwurfsvoll ein, nachdem die Seele abzeführt wurde. „Ja, meine liebe Sara," — erwiederte Abraham zärtlich —, „der Rabbiner oblag dem Thorastndium, weil er nichts Anderes verstanden hatte, auch war seine Liebe zur Thora nicht bedingungslos, während der Schriftsteller selbstlos, wahr und tre» sein Volk geliebt und ein Opfer seiner rücksichtslosen, offenen Zurechtweisung war. Er hat nach Anerkennung, nach Ruhm und Ehre nicht gestrebt, er hat alle Freuden des Lebens verachtet und nur den einen Wunsch gehabt, seinen Brüdern zu nützen und zu dienen. Und nun sage selbst, ob ich anders handeln durfte, handeln konnte." Ein anderer Schatten näherte sich langsame» Schrittes dem Patriarchen. „Wer bist Du, mein Sohn?" — frag ihn Abraham huldvoll. „Ich bin ein Arzt," — lautete die Antwort etwas unsicher. „Um Gottes Willen, wie kommst Du hierher? Weißt Du denn nicht, daß der Beste unter den Aerzten in die Hölle gehört?" *) „Ich weiß, ich weiß es," — antwortete die Seele mit einem unterdrückten Lächeln —, „ich habe mich selbst über den Engel, der mich hierher geführt, nicht wenig gewundert. Doch ich kann es mir nicht anders erklären, als das; ich durch meinen jäh erfolgte» Tod in den Augen des transportirenden Engels Gnade gefunden habe." „Was war das für ein jäher Tod? Warst Du selbst so unvorsichtig, Dich von Aerzten behandeln zu lassen, die Deinen Tod verursacht haben?" „O nein. Nicht Aerzte haben mich in dieses Reich befördert, sondern Kranke, arme, blutarme Kranke. Ich will es Dir kurz erzählen: Eine arme Wittwe und deren Sohn, der ihr Ernährerihre einzige Stütze war, verfielen einer sehr bösen Krankheit, welche jenseits Typhus genannt wird. Die schon ohnehin traurige Lage dieser Unglücklichen, und nun noch gar von einer solchen gefährlichen Krankheit befallen, erregte mein Mitleid, und obwohl sie mich zu honoriren nicht im Stande waren, so besuchte ich. sie doch mehrere Male im Tage; ja, die Krisisnacht verbrachte ich sogar an ihrem l) Ein talmudischer Ausspruch.