Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1894)
- Date
- 1894-02-09
- Page
- Seite 70 (sequence 10)
- Language
- German
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erst glücklich mit Baronesse Dagmar vcrheirathet war, der klugen, fürsorglichen Mutter ihre jetzige scheinbare Falschheit. Der Zweck heiligt ja bekanntlich die Mittel. . . Sic wollte ja nur sein Glück, das Glück ihres einzigen Sohnes. Anders ivar natürlich auch in der Gesellschaft. Im Leibrock und mit dem großen weißen Chemisett sah er breiter und gesunder wie je aus. Er schien die seinen Weine des Etatsraths keineswegs verschmäht zu haben, nach seiner Farbe und seinem schwimmenden Blick zu urtheilen. Als er die Verlobnugsanzeige bekam, erinnerte er sich plötzlich seiner heftigen Ausfälle gegen die Rasse, welcher Rachel angehörte, und er wurde glühend rolh vor Beschämung und Aerger über seine, Malkonduite. Sein loser Mund hatte ihn in eine nette Situation gebracht. . . Holger würde ihm gewiß nie verzeihen und wahrscheinlich auch zu Rachel aus der Schule schwatzen. . . Verliebte, vertrauen sich ja immer Aües an .... und dann würde auch Rachel ihm feindlich gegenüber stehen. Er stürmte ins Hotel zu seinem Vetter, „Ich bi» ein großer Schafskopf gewesen," sagte er in Jemen lauten, gntmüthigen Art mit Thränen in den blauen, kindlichen Augen, „aber Du machst nun einen Strich über alles Blech, welches ich neulich Abends zusammengeschwatzt habe, hörst Dn! Ich wünsche Dir Glück, mein alter Junge, — ich wünsche Dir von Herzen Glück!"' Holger war etwas verlegen, als er die Hand seines Vetters drückte. Etwas Groll war doch noch bei ihm zurückgeblieben. Meinte Anders auch wirklich, was er sagte? Eine so eingewurzelte Antipathie läßt sich nicht so an einem Tage ausrotten. Jetzt aber standen sie im Salon des Etatsrathes zusammen und sprachen wie die besten Freunde mit einander. Holger war ihm nicht mehr böse, er war zu glücklich, um Gefühle des Unwillens zu nähren. „Sie ist eine Perle, sage ich Dir, Holger, eine wahre Perle... Sie sprach so licbenstvürdig mit mir .. ., natürlich war mit von Dir die Rede. — Ich erzählte ihr aus Deiner Schulzeit und von Deinen losen Streichen. — Weißt Du noch, wie Du einmal den Klassenlchrer prügeln wolltest — haha." „Du hast wohl ein Glas zu viel getrunken," sagte Holger gulmüthig. „Unsinn! — Ich bin nur in Stimmung, das ist die Sache. Ich nenne sie jetzt Sulamith ..., meine schöne Sulamith." „Deine?" „Sic ist der süße Wcinstock im Weingarten von Engadi. Ich werde sie malen, der Teufel hole mich, lvenn >ch es nicht thue. Du hast ivohl nichts dagegen? Dann soll sie sich kleide» wie heute in schwere, mattgoldige Seide, mit einer Spitzenwolke um die marmorweißen Schultern und großen, gelben Thecrosen vor der Brust . .., und daun soll sic ein goldenes Diadem im Haar haben, welches sie heule leider nicht trägt — und ein goldenes Szepter. . ." Er hielt verwirrt mitten in seinem Vortrag innc. Rachel trat aus einer Gruppe von Damen und näherte sich den beiden Freunden. Eine leichte, jugendsrischc Röthe bedeckte ihre feinen Wangen. . . Der Schleier der Melancholie, der früher über ihr gelegen, war spurlos verschwunden. V. Rosengaard liegt iii einer schönen Gegend des nordöstlichen See? land in der Nähe des Sundes. Wenn man bei gutem Wetter einen Hügel in der Nähe des Hofes besteigt, sieht man den Sund als einen schmalen, blauen Streifen in der Ferne schimmern. Eine schöne Allee von alten Linden führt bis vor das Herrenhaus, ein großes, gewöhnliches Gebäude von rothen Mauersteinen! ohne Spur von Stil, aber im Innern sehr komfortable eingerichtet. Rechts liegt die Wohnung des Verwalters, welche das Aussehen einer soliden, modernen Villa hat, und hinter derselben befinden sich dei Wohngebäude der Dienstleute und Gutsangehörigen. Dem Herrenhause gegenüber steht ein neues, großes Wirthschaftsgebäude mit blauem Schieferdach. In der Ferne beherrscht dieses Gebäude das Terrain, da es sein blaues Dach hoch über die grünen Baumkronen erhebt, und Reisende, welche auf der Landstraße daher kommen, halten gewöhnlich dieses Gebäude für das Herrenhaus. Rosengaard ist vonfruchtbaren Ländereien uingeben, welche am Horizont von einer schmalen Hügelkette begrenzt werden. Acker, Wiesen und Buchengärten wechseln in bunter Reihenfolge ab und bilden einen bunten Teppich, auf dem als Dekoration Bauernhäuser und Dorfkirchen zwischen grünen Banmgruppen hervorschimmern. In den letzten Tagen des Mai kam Rachel in Rosengaard an, begleitet von ihrer alten Tante, Fräulein Rebekka Levy, allgemein Tante Rebekka genannt. Der Etatsrath konnte sich nicht von seinem Geschäft trennen, und Rachels Schwester Judith war bei einer befreundeten Familie in Norwegen auf Besuch. Judith war schwächlich und nervös und sollte später das Sanatorium in Gausdal auf längere Zeit besuchen. (Fortsetzung folgt.) An der Pforte des Paradieses. Von Albert Katz. (Fortsetzung.) (£)Vy7^nt> Abraham wandte sich an einen zu seiner Verfügung stehende» Engel und beauftragte ihn, dem Engel „Duma"*) i2A3> mitzulheilen, daß eine Seele, welche in die Hölle gehöre, irrthümlich in die Vorhalle des Paradieses Einlaß gefunden habe und daß er sie schnell holen solle. . Sara war erstaunt, ihren Gatten so zornig zu sehen. Als sie vernommen hatte, nm was es sich handelte, begriff sie die gerechte Erregung ihres Gatten, aber das zu Mitleid geneigte Frauenherz, wij, überhaupt ihre angeborene Gutmüthigkeit, zwangen sie, ihn zu besänftigen. „Nicht doch, mein Gemahl," sprach sie, mit ihrer noch immer zarten Hand seine Wangen streichelnd, — „der armen Seele gleich mit Berdammniß drohen! Wissen wir doch gar wohl, daß selten auf Erden ein gerechter Mensch anzutreffen ist, und wollten wir mit den armen Seelen streng ins Gericht gehen, so könnten wir das Paradies wohl schließen. — Wenn Dll mit dieser Seele in dem einen Punkt nicht zufrieden bist, so ist es Deine Pflicht, sie nach ihren andern Handlnngen zu fragen; vielleicht überwiegen ihre andern guten Werke diesen gräßlichen Fehler, der fieallerdings schwer belastet." Und sich zu der zitternden Seele wendend — sprach sie: „Hast Dn denn während Deines ganzen Erdenwallens nie eine ncnncnswerthc gute That ausgeübt? Strenge Dein Gedächtniß doch einmal an nud nenne uns ein von Dir ausgeübtes edles Werk." „Ich war ein Freund der Gelehrten," seufzte die Seele erleichtert ans — „ich habe meine Töchter an gelehrte Männer verhcirathet, für meine Söhne Frauen aus gelehrten Kreisen gewählt, habe religiösen Freudenfesten beigcwohnt, Kranke besucht, Tobten das letzte Geleit gegeben, Trauernde getröstet, Frieden gestiftet —" „Siehst Du, mein Gemahl, — rief Sara freudestrahlend —, „die arme Seele hatte doch noch Gefühl und Gemüth, und auch so manche Mizwa freudig ausgeübt." „Ja,"—murmelte der Patriarch—, „lauter solche Mizwoth, die kein Geld kosten. —" Inzwischen überbrachte ein Engel die Antwort des l) Engel der Gruft.