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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-02-09 · Heft 6 (9.2.1894) · p. Seite 69

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 6 (9.2.1894)
Date
1894-02-09
Page
Seite 69 (sequence 9)
Language
German
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69 Vorrechte gelegt und sich in der Gesellschaft von Bauern ebenso wohl gefühlt hatte, als in derjenigen voll Seinesgleichen. Auch seine Schwester, die verschrobene Andrea, hatte sich unter ihrem Stailde verheirathet und diesen gewöhnlichen Rechtsamvalt Thambs — den Nater von Andreas Thambs — genommen. Außerdem hatte Fräulein Joachim eine Vergangenheit, was der naive Holger nicht zil wissen schien. Sie lvar schon einmal verlobt gewesen, und er, nicht sie, hatte die Verlobung aufgehoben, lvas das Beschämendste lvar. Eine aufgehobene Verlobung war in den Augen der Kaminerherrin ein Flecken auf dem Namen eines jungen Mädchens. Es ist derselbe Fall mit Frauen wie mit einigen exotischen Pflanzen, sie welken nach der Berührung oder sind jedenfalls nicht so frisch und rein wie vorher. Sie war jedoch klug genug, Holger gegenüber ihre Krbitteriliig zu verbergen. Sie kanute ihn und wußte, daß er nur durch Güte zu leiten war, und daß das Gegentheil seine» Troß hervorricf. Außerdem war es jetzt zu spät für sie, zu opponircn, denn es stand nicht mehr in ihrer Macht, eine Thatsache umzustoßen. Sie waren nun einmal öffentlich verlobt — ihr Sohn schien bis über die Ohren in das kleine Judenmädchen verliebt zu sein, und außerdem fürchtete sie Alles, was nach Skandal schmeckte. Im Stillen aber entwarf sie ihre Pläne, ihn von Rachel loszureißen. Niemand konnte wissen, was die Zukunft brachte — eine Verlobung war ja noch keine Heirath. — Als Holger nach kurzem Ailfenthalt auf Rosengaard nach Kopenhagen zurückkehrte, begleitete sie ihn, um ihre künftige Schwiegertochter zu begrüßen. Der Etatsrath gab Holgers Mutter zu Ehren eine große Mittagsgesellschast, zu welcher die Elite seiner Bekanntschaft cingeladen war, und auf der sich, außer seiner Familie, keine Angehörige seines Glaubens befanden. Speisen und Weine waren ausgesucht fein. Bei jedem Couvert lag ein Bouquet von gelben Theerofen und Veilchen — ein großer Luxus zur Winterszeit — und auf dem Platz der Kaminerherrin ein kleiner Fächer aus denselben Blumen. Die Kammerherrin mußte sich gestehen, daß sie wirklich charmirt wäre. Die Einrichtung und der Umgangskceis des Hauses Herstiegen ihre kühnsten Erwartungen. Sie war noch nie in einem reichen jüdischen Hause gewesen und war nicht darauf vorbereitet, diese Eleganz, diesen Geschmack und diese vornehmen Gäste zu finden. Außerdem fand sie in der Kammerherriu von Bülow, einer geborenen Komtesse Holck, eine Jugendbekannte, mit der sie viele alte Erinnerungen ausfrischen konnte. Rachel fühlte einen leichten Schauder, als die Kanimerherrin bei der Begrüßung mit zugespitzten Lippen ihre Wange berührte. Sie hatte sofort die Empfindung, daß diese kleine, kalte, hochmüthige Frau ihr stets fremd, wenn nicht gar feindlich gegenüberstehe» würde. Die Brücke der Sympathie, welche ihre Herzen verbinden sollte, war sofort abgebrochen. Die Kammerherrin von Brock war von Mittelgröße, sah indessen höher und schlanker aus, als sie war. nicht allein wegen ihrer Magerkeit, sondern weil sie ihre elegante Figur stets sehr gerade und den Kopf hoch trug. Sie hatte feine, regelmäßige, etwas verwischte Züge und so schönes, volles, hellblondes Haar, daß jedes junge Mädchen sie darum hätte beneiden können. Außer dieser Haarsülle, welche ihr ganzer Stolz war, hatte sie ein paar wasferblaue, klare, ausdruckslose Augen, welche gemaltem Porzellan glichen. Die verblichene Röthe ihrer Wangen erinnerte in ihrer angefrorcnen Unveränderlichkeit an die Farbe der Winteräpfel. Wenn sie lächelte, zog sie den linken Mundwinkel schief, ohne daß ihre Augen nütlachten... Ihr Lache» hatte keinen Schimmer von Herzlichkeit, sondern war nur eine stereotype Grimasse... Manche fanden die Kammerherrin hübsch — und auf ihre Art war sie auch eine hübsche Frau —, aber diese Schönheit war von unedler Art. Es lag keine Seele in diesen blühenden, wohlkonservirten, unnatürlich jugendlichen Zügen. Es war charakteristisch für die Kaminerherrin, daß sie von Frenidcn, welche sie nicht kannten, immer für ein älteres Fräulein, eine spitze anspruchsvolle Gouvernante gehalten wurde, so vollständig fehlte ihr das Gepräge der Fra» und Mutter. „Meine junge, schöne Mutter!" sagte Holger oft bewundernd zu ihr — dann lächelte sie ihm zu und zeigte dabei eine Zahnreihe, welche zu schön war, um echt zu sein. Rachels bleiche fremdartige Schönheit, welche ohne Farben plastisch wie diejenige einer Marmorfigur wirkte, verstand die Kanimerherrin nicht zu würdigen. Sie war ihr zu edel und zii verschieden von ihrem eigenen gemalten Puppengesicht, welches in ihrer Jugend Aufsehen erregt hatte. Sie fand indessen, daß Rachel ein nettes Mädchen wäre, etwas zu sicher in ihrem Auftreten und ihren Meinungen, wenn man den Maßstab des altmodischen Weiblichkeitsideals anlcgte, aber im klebrigen coinme il taut. Gegen ihren Willen mußte sie Rachels Toilette in der Mittagsgesellschaft bewundern — neben diese» Pariser Finessen in Stoff mib Farbe erschien ihr ihre eigene Robe ländlich und unmodern, obschon sie das schöne lila Seidenkleid mit echten Spitzen trug, welches in den Gesellschaften bei den Adeligen in ihrer Umgegend immer Furore zu machen pflegte. „Ist sie nicht reizend, Mutter?" fragte Holger begeistert, indem er seine Mutter nach Tisch in eine Fensternische zog. „Gewiß mein Kind. Sie macht Deinem Geschmack Ehre." Er wurde sehr beglückt durch diese anerkennenden Worte seiner Mutter. „Ich möchte so gern, daß Del sie lieb gewännst." Er sah Rachel entzückt an, die gerade mit einem jungen Kaunnerjunker sprach. „Ihr Beide seid ja Alles für mich." „Ich habe sie auch sehr gern, Holger" und dabei reichte sie ihre weiße parfümirte Hand ihrem Sohne, der sie mit galanter Ehrerbietung an die Lippen führte. Mit mütterlichem Stolz betrachtete sie sein hübsches, glnhcndcS Gcsicht, welches die frische, gesunde Farbe zeigte, welche den Landleuten eigen ist, die viel im Freien sind — und seine hohe, elegante und kräftige Figur. Was ihr egoistisches, zusammen^ schrumpstcs Herz an zärtlichen, edlen Gefühlen barg, hatte sie auf diesen Sohn, ihr einziges Kind, kouzentrirt. Sie liebte ihn, nur ihn allein, alle Anderen waren ihr gleichgiltig und bedeutungslos. Alle andercil Menschen waren nur Statisten auf der Bühne des Lebens, er allein war der Held, der junge, schöne, liebenswürdige Held, um den sich ihr ganzes Interesse drehte. Holger vergalt ihre Liebe in demselben Maße. Er liebte sie ohne Kritik, ans Gewohnheit, wie gute Menschen ihre Angehörigen lieben, ohne erst nach ihren Verdiensten zu fragen. Sie war seine Mutter — das war ihm genug. „Ich habe mir gedacht, Holger, daß wir zum Frühling Deine Braut nach Rosengaard einladen könnten," — Holgers Gesicht strahlte —, „damit wir einige Wochen gcmüthlich zusammen sein und uns erst ordentlich kennen lernen können." „Tausend Dank, liebste Mutter, das war auch gerade meine Idee. . . Du denkst doch immer an Alkes — Du bist zu gut! —" „Ich denke an Alles, was Dich freut und Dir dienlich ist, Holger," sagte sie freundlich lächelnd, während sie gleichzeitig daran dachte, wie sic die Verlobten trennen könnte. Es mußte so fein intrigirt werden, daß Rachel sich zurückzog. . . Es ivürde sich schon machen. — Holger dankte sicher noch einmal in Zukunft, wenn er

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