Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1894)
- Date
- 1894-02-09
- Page
- Seite 68 (sequence 8)
- Language
- German
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68 Punkt die Vorstellung der Heiligkeit knüpfte, welche ihn zu einem geweihten Ort machte, so daß in ihm und seiner Umgebung vier Monate des Jahres hindurch nicht gekämpft werden durfte, dieser Umstand machte ihn in der That besonders geeignet zu einem Mittelpunkte für die beständig nordsüdlich ziehenden Karawanen, und die Kaufleute, welche sich dort niederließen, hatten das größte Interesse, diesen Zustand aufrecht;u erhalten und ihn in den weitesten Kreisen der Bewohner Arabiens geehrt und geachtet zu machen, diese dadurch herauzuziehen nnd an die Beachtung der für sie so wichtigen Bestimmungen zu gewöhnen. Wahrscheinlich waren alle jene Vorstellungen aus dem Einheitsglauben hervorgegangen, und die Gottheit, welche in Mekka verehrt wurde, identisch mit dem allgemein semitischen el, il, elouli, ila.li, dessen Bund mit Abraham eine der Hauptstützen der jüdischen Ueberlieferung bildet, und der auch hier mit Ibrahim verkettet erscheint, welcher ja seinen Tempel auf Befehl Gottes gebaut haben sollte, und dessen Religion auch noch zu Muhammed's Zeiten in gewissen Kreisen als die ursprüngliche, echte abgesehen wurde. Ging die Verehrung des Mekkaheiligthums von der des einigen Gottes aus, so nahmen die Mekkaner Geschäftsleute cs doch mit dieser Einheit Gottes im Interesse des Handels nicht allzu genau, denn die Leute, welche zu der mit den Festlichkeiten verbundenen Messe nach Mekka kamen, waren mit Ausnahme der Juden keineswegs Einheitsbekenner, hatten vielmehr ihre Stammgötzen, an denen sie mit Zähigkeit hingen, und deren Verehrung aufzugeben sie durchaus nicht gesonnen waren, vielmehr hatten sie den Wunsch, dieselben mit dem Heiligthum in Mekka in Berührung zu bringen und sie dadurch gewissermaßen in ihren göttlichen Eigenschaften bestätigt zu sehen. So stellten sie denn mit Bewilligung der Mekkaner Steinbilder ihrer Götzen in und bei dem Heiligthum von Mekka auf, und es entstand allmählich ein vollständiger Mehrgötterdienst. Es wird selbst berichtet, daß sich unter den Figuren des Heiligthums auch eine der Maria mit dem Jesuskinde befunden habe. Die Erscheinungen, welche dem Kampfe Muhammed's gegen dieses wüste Treiben vorhergehen, sind zuerst von dem mehr geistreichen als gelehrten Sprenger in seinem „Leben und Lehre Muhammed's" beleuchtet worden. Noch ist Manches dunkel, aber die Hauptsachen können wohl als sicher betrachtet werden: in der Abwendung von dem Treiben ihrer Zeitgenossen, deren Begriffe von göttlichen Dingen, schon früher dürftig genug, um diese Zeit gänzlich verflacht waren, neigten sich die Einen dem Christenthum zu, das allerdings in jenen Gegenden höchst merkwürdige Formen angenommen hatte. Andere fanden ihre Befriedigung in einem abstrakten Deismus. Wahrscheinlich lernten lebhaftere Geister, welche zugleich von einem liefern religiösen Bedürfnisse erfüllt waren, bei den Handelsreisen, die sie nach dem südlichen Jemen und durch Nordwestarabien nach Syrien mit ihren zahlreichen jüdischen und christlichen Bewohnern deren religiöse Anschauungen kennen upd ließen sich von ihnen beeinflussen. Ob Muhammed vor oder nach der Heirath, die er im 25. Lebensjahre schloß, wirklich die großen Reisen gemacht hat, von welchen wiederholt aber nicht unverdächtig berichtet wird, ist nicht über allen Zweifel erhaben. Sicherer begründet ist, daß er in Mekka selbst Anregungen erhielt, welche ihn zum Nachdenken über religiöse Dinge brachten. Juden hielten sich in Mekka gewiß zeitweise zu Handelszwecken nicht weniger auf als hier und da Jünger der in x Nordarabien verstreuten christlichen Sektirer und Anachoreten, und / Christen aus dem Aethiopenlande wurden in ganz Arabien als / Sklaven hin- und hergeschoben. Es ist hier nicht der Ort, die innere Entwickelung Muhammed's zu verfolgen und die Kämpfe darzustellen, welche er mit dem eigenen Ich und den theils aus Lauheit, theils aus materiellem Interesse konservativen Mitbewohnern seiner Vaterstadt zu bestehen hatte. Der Hauptpunkt der neuen Lehre war die Einheit Gottes, und es war natürlich, daß ihr Verkünder sich nach Zeugnissen für dieselbe umsehen mußte. Das Christcnthum war wenig geeignet, solche zu liefern, mit denen der Prophet bei seinen Landsleuten hätte wirken können. Abgesehen davon, daß in den christlichen Gemeinden selbst an die Stelle des Einheitsglaubens sehr bald eine Lehre getreten war. welche in mißverständlicher Auffassung der Schriften des Neuen Testaments, zum Theil sich stützend auf nachweisbar spätere Einschiebsel, den Einen Gott in drei Personen zerlegt hatte, so daß diese Lehre sich kaum noch von einer Vielgötterei unterschied, war auch der Kernpunkt der christlichen Religion, das Leiden und Untergehen eines edlen Menschen für die höchsten Ideen, nicht geeignet, von ihm verwandt zu werden. Es ist mit Recht bemerkt worden, daß das Gekreuzigt- und Verbrauntwerden dem oberflächlichen Denken seines harten Volkes immer nur für ein Zeichen der Schwäche gegolten hat. Besser mußten ihm die Sagen passen, nach welchen es denen, die sich gegen heilige Männer versündigt, immer gar schlecht ergangen ist; und eine Anzahl solcher Erzählungen waren ihm wohl schon von früherem Verkehr init Inden lind den mit Juden in engeren Beziehungen lebenden Arabern bekannt. So machte er sich denn an jüdische Besucher Mekkas, um das Nähere über diese Vorgänge zu erfahren, und von nun an treten in den Koranen — Koran heißt ja weiter nichts als Lesung und bezeichnete ursprünglich nur die einzelnen Offenbarungen — an die Stelle der allmählich bis zum Ueberdruß wiederholten Variationen auf den Beweis der Allmacht Gottes aus den Wundern der Natur Erzählungen aus der biblischen Geschichte des Alten Testaments, insbesondere von den Strafen, welche allezeit die Leugner der Wahrheit und Feinde der alten Propheten ereilt; freilich nicht in der Gestalt, wie sie die Schrift selbst bietet, sondern mit den mancherlei Erweiterlingen und Arabesken, welche die Haggada,! die Talmudische Sage vielfach anmuthig und sinnreich, oft auch grotesk und maßlos wuchernd um den Stamm der ursprünglichen Ueberlieferung hat ranken lassen. Der Erfolg war ein schwacher; die Situation wurde nur kritischer, und wer weiß, welche Wendung das Schicksal des merkwürdigen Mannes genommen hätte, wenn ihm nicht im letzten Augenblick unerwartete Aussicht auf Hilfe geworden wäre. (Fortsetzung folgt) m —i IIMIUUMil. — - I j-- niTmUlllnflüüXi 1 11 FEUILLETON g sj 31 m mm "ütii'Ai' — I i—i M 111 “UllliniillsSS 1-a Die Jüdin. Erzählung von John P a u l s e n. (Fortsetzung.) fie Kammerherrin, eine geborene von B., von uraltem Geschlecht, aus welchem Krieger und Diplomaten rühmlich in Dänemarks Geschichte verzeichnet waren, sollte jetzt «ans i'a<;on in eine gewöhnliche Judenverwandtschaft gedrängt werden — in eine Familie aus der Raffe, deren Mitglieder zu allen Zeiten und bei allen Völkeen, und nach ihrer bornirten Meinung mit Recht, als Parias betrachtet wurden. — Sie hatten ja den Erlöser gekreuzigt. — Bei Holger mußte wirklich eine Schraube los sein! — Aber diese demokratischen Neigungen hatte er von seinem Vater, der niemals Werth auf seine Standes-