Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1894)
- Date
- 1894-02-09
- Page
- Seite 67 (sequence 7)
- Language
- German
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67 schichte der Juden in diesem Lande vor Muhammed. Freilich hier kann weder auf diese noch auf die Zeit nach dem Propheten näher eingegangen werden; ich muß mich beschränken auf die Beziehungen Muhammeds selbst zu den Juden, die an sich schon einen überreichen Stoff bieten. Die Darstellung dieser Beziehungen wird sich zu beschäftigen haben einerseits mit dem äußeren Verhalten des Propheten, andererseits mit dem, was in seinen Aeußerungcn, zu denen natürlich hier auch die ihm angeblich von Allah selbst durch den Engel Gabriel gesandte Offenbarung gehört, sich als sein Urtheil über die jüdische Religion und als das von ihm aus derselben Entnommene darstellt. Wie die Juden sich Muhammed gegenüber stellten, würde etwa einen dritten Theil bilden können, wenn von einer solchen Stellungnahine im Ernste die Rede wäre: sie waren aber einfach der leidende Thetl. Die Wirksamkeit des Propheten beginnt erst mit seinem vierzigsten Lebensjahre, also ungefähr im Jahre 611. Wie war damals die allgemeine Weltlage? Die gesammte Kulturwelt theilte sich in zwei große Reiche, das oströmische und das persische. Der Herrscher des ersteren, der Kaiser Heraclius in Konstantinopel, der im Jahre 610 zur Regierung gekommen war, erhob den Anspruch, der Beherrscher Europas, Afrikas und Vorderasieus zu sein. Der Sassanidenfürst, der sehahanschah, der in Medäi'n oder Ktesiphon seine Residenz hatte, fühlte sich als Herrscher Über Alles, was östlich vom Tigris lag, machte Übrigens oft genug Versuche, die östlichsten Theile des oströmischen Reiches an sich zu reißen. Die Herrschaft des Kaisers von Byzanz war in Arabien, ja schon in dem nördlich daran stoßendeil Transjordanlande, eine sehr platonische. Mit Arabien hatte Rom immer schlechte Erfahrungen gemacht; dieses Land mit seinen unheimlichen Wüsten hatte ja im dritten Jahrhundert eine römische Armee verschlungen, und der Griecheukaiser konnte froh sein, wenn er seine Herrschaft jenseits des Jordan in dem alten Bostra aufrecht erhalten konnte. Schon die in den letzten Jahren durch die Besiedelungsprojekte für weitere jüdische Kreise von Interesse gewordene Bella war ein höchst zweifelhafter oströmischer Besitz: hier herrschten fast unumschränkt die Ghassaniden, die zwar nominell die Herrschaft Ostroms anerkannten, in Wirklichkeit die unabhängigen Fürsten der syrischen Wüste waren. Diese Ghaffanidcn machten nicht selten Streifziige tief in das nordwestliche Arabien hinein, wo nur einzelne Gemeinwesen bestanden, die nicht in einer geordneten Regierung einen Schutz hatten; so der berüchtigte Streifzug des Ghaffaniden Harith oder Arethas (um 550), der dem Juden Samaual d. i. Samuel in 'der Burg Ablak bei Taima so großes Leid zufügte, zugleich aber seinen Namen unsterblich machte; denn dieser brave Mann lebt als der „Worthalte-Samuel" seit damals in Lied und Sage der Araber, weil er lieber seinen Sohn vor den eigenen Augen hinschlachten sah, als daß er das ihm anvertraute kostbare Gut des Dichters Jmrulkais herausgegeben hätte. Aus dieser Erzählung ergiebt sich, daß es in Nordwestarabien Juden gab. In der That: zwar kann als sicher angenommen werden, oag in Mittelarabien in den größeren Plätzen — dazu gehören vor Allem Mekka und das ca. 100 Kilometer ostsüdöstlich davon gelegene Täif — jüdische Gemeinden nicht existirten; dagegen sind im nördlichen Arabien eine ganze Anzahl solcher nachweisbar, unter denen unstreitig die bedeutendste die war, welche in Jathrib, dem heutigen Medina, oder richtiger El-Medi»e, ihren Sitz hatte. Diese Stadt, ca. 360 Kilometer nördlich von Mekka, war ein bedeutender Platz, und unter ihren Bewohnern waren — das ergiebt sich leicht für Jeden, der die Quellen aufmerksam liest und zwischen den Zeilen zu lesen versteht — die Juden wirthschaftlich und kulturell verhältnißmäßig am höchsten stehend. Einige andere Orte schein«, ausschließlich von Juden bewohnt gewesen zu sein: so Chaibar, das ca. 170 Kilometer nordnordöstlich von Medina lag, und Fadak, das etwa halbwegs zwischen Medina und Jerusalem zu suchen ist. Wann die Juden Nordwestarabiens, von dem man geradezu sagen kann, daß das Land in ihren Händen war, dasselbe kolonisirt haben, und woher sie gekommen sind, weiß man nicht; am wahrscheinlichsten ist, daß Flüchtlinge aus den Kriegen zwischen Römern und Juden im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung in die arabische Wüste verschlagen worden sind. Viel weiter wird man kaum zurückgehen dürfen. Wir finden diese Juden fast in Allem, was das tägliche Leben in Krieg und Frieden, den Mangel jeder staatlichen Organisation, die Zersplitterung in Einzelstümme, die ganze. Denkart angeht, vollkommen arabisirt, doch haben sie ihre Religion nicht nur, sondern auch ein paar andere Besonderheiten festgehalten. Sie wohnen vielfach in befestigten Stadtquartieren, was, in Nordarabien wenigstens, sonst unerhört ist, betreiben neben dem Handel und der Dattelpalmeuzncht auch Industrie — gerade in Medina wohnten die jüdischen Beim Kainuka', die als Goldschmiede in ganz Arabien berühmt waren — und sprachen unter sich ein besonderes Judeuarabisch. Die beiden Hauptorte waren, wie bemerkt, Chaibar und Medina; aber nur im ersteren blieben sie unbehelligt. Nach Medina kamen infolge der südarabischen Wanderung die Venu Aus und die Benu Chazradscli *), drängten die Juden aus der eigentlichen Stadt und nöthigte» sie, draußen sich neue Quartiere zu bauen, dazu, nähmen sie ihnen die besten der Felder und Palmengärten ab, auf welchen die Existenz der in fruchtbarer Gegend liegenden Stadt damals beruhte, wie die Mekkas inmitten seiner kahlen Felsenmafsen auf dem Handel. Nicht lange aber waren die beiden Stämme im Besitze, als sie in Streit geriethen. Mit dem Jahre 583 begann eine Fehde, die fast ununterbrochen bis zur Ankunft Muhammed's in Medina fortdauerte. Diesmal wurden auch die Juden zum Theil in den Kampf hineingezogen, und es kämpfte eine Anzahl von ihnen in der Schlacht bei Bu'ath (etwa eine Stunde nordöstlich von Medina) im Jahre 615 auf beiden Seiten. Die Benu Aus siegten; doch blieben die Beim Chazradscli stark genug, sich in der Stadt zu halten. Doch was haben diese Vorgänge in Medina mit Muhammed, dem in Mekka Ausgewachsenen, zu thun? Nun, eben in Medina, wohin ja der Prophet im Jahre 622 floh, lernte er zum ersten Male eine größere jüdische Gemeinschaft kennen und wurde durch die Verhältniffe gezwungen, zu ihnen Stellung zu nehmen. Damit ist aber nicht gesagt, daß er nicht schon vorher sich nach Kräften mit den religiösen Vorstellungen und Gebräuchen der Juden Arabiens vertraut zu machen gesucht hätte. Die Veranlasiung dazu lag in den eigenthümlichen religiösen Verhältniffen, die sich in Mekka herausgebildet hatten. Schon seit grauer Vorzeit knüpften sich an die Verehrung des heiligen Hauses Gottes daselbst, der Ka'ba, Festgebräuche, welche dem Scheine nach Aeußerungen eines tiefen, religiösen Gefühls waren, in Wirklichkeit aber für die schlauen Mekkaner — schlau sind ja immer die Bewohner heiliger Städte — einen sehr materiellen Hintergrund hatten. Mekka liegt in der großen nordsüdlich streichenden Bodensenkung zwischen dem die arabische Küste des Rothen Meeres entlang laufenden Gebirgsrücken und einem niedrigeren, östlich parallellaufenden, beziehungsweise dem innerarabischen Hochlande. In dieser Bodensenkung läuft die natürliche Handelsstraße, welche das fruchtbare, an so vielen wichtigen Bodenprodukten reiche, glückliche Arabien mit dem nördlichen Syrien verbindet. Daß seit grauer Urzeit sich an diesen ') z hier und im Folgenden immer wie weiches s zu sprechen.