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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-02-09 · Heft 6 (9.2.1894) · p. Seite 66

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 6 (9.2.1894)
Date
1894-02-09
Page
Seite 66 (sequence 6)
Language
German
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66 christlichen Religionsunterricht beiwohnen, fand dies indeß nicht so harmlos, sondern betrachtete die Anwesenheit der jüdischen Kinder beim christlichen Religionsunterricht als störendes, vielleicht auch gar unheiliges Moment, schrie Zeter über die Möglichkeit solcher Vor-; kominnisse und trifft bereits Vorkehrungen, dieselbe für die Zukunft unmöglich zu machen. Das können wir wohl einen ChilM haschem nennen, der seines Gleichen sucht. Jüngst hat sich in Eydtkuhnen eine seltsame Szene abgespielt. Kam da vor einigen Monaten ein junger Mann mit Namen Friedländer an und ließ sich am Orte als Produktenhändler nieder. Er gab sich bei dem dortigen Knltusbcamten in Pension und machte kleine Anleihen bei diesem und sonstigen Bekannten und Freunden, die er sich : in kurzer Zeit erworben hatte. Es ist ein hübscher Mann mit gewandtem Benehmen und guten Manieren, weshalb es auch nicht ausblciben konnte, daß Amor sich einstcüte und sich mit ihm zu! schaffen machte. Es verliebte sich ein junges Mädchen aus dem ‘ naheliegenden russischen Städtchen Wirballen in ihn, und er selbstverständlich auch in sie. Und warum sollten sie sich auch nicht!l heirathen? Es wurde Hochzeit gemacht und das junge Paar schwelgte in den Seligkeiten der Flitterwochen. Da stellte sich aber eines! schönen Tages in der Wohnung derselben eine robuste Frau ein, die sich, ohne sonst viel Worte zu machen, dem erschreckten jungen Ehemann als seine ihm wohlbekannte Schwiegerinutter von früher her vorstcllte, indem sie ihm in Erinnerung bringt, daß ihre Tochter, die er vor drei Jahren geheirathet, drüben in Polen sitze und mit ihren zwei Kindern noch immer seiner Heimkehr von der Reise harre, die er im vorigen Jahre unternommen. < Die junge Ehefrau erstarrt vor Schrecken. Allein der ihr eben jüngst erst angetraute Gatte versucht mit aller Energie die Schwiegermuttcrschaft der zugereisten Frau von sich zu halten, leugnet, jemals schon verheirathet gewesen zu sein, und stellt mit heftigen Worten die ihm zugesprochene Frau und Kinder in Abrede. Jene blieb indeß bei ihrer Behauptung stehen. Es kam zum heftigen. Wortgefechte, bis schließlich die resolute Schwiegermutter ihre zarte Rechte erhebt und Herrn Friedländer eine Ohrfeige versetzt, die sicherlich all die Süßigkeiten in sich barg, welche jemals liebenswürdige Schwiegermütter an ihre Schwiegersöhne verabreicht haben. Darauf von Seiten des „geschlagenen Mannes" eine herzliche Erwiederung, worauf ein weiterer Austausch von Beweisen gegenseitiger Zärtlichkeit erfolgt. Was nun weiter geschah, ist mit kurzen Worten gesagt. Herr Friedlünder verduftete am nächsten Morgen mit Hiuierlassung einer Menge Schulden. Er verschwand, und hatte auch alle Ursache dazu, denn er befürchtete den Besuch einer zweiten Schwiegermutter. Und i» der That erschien eine Zeit später eine andere Frau, die gleiche Rechte an den Don Juan aufwies. Auch von ihr hatte Friedländer eine Tochter geheirathet und war dann bei Nacht und Nebel mit Hinterlasinng derselben durchgegangen. Unsere Leser werden vielleicht fragen: wie kann das geschehen, wie ist das möglich? Nun, ich bitte, wollen Sie vielleicht nicht einmal die deutsch-russische Grenze besuchen? Wohl, dann werden Sie sich überzeugen, daß hier Alles möglich ist. Der Appell, der jüngst in diesem Blatte an die Lehrer der kleinen Gemeinden zur Gründung von Litteratur-Vereinen ergangens wird hierzulande schwerlich von irgend einem Erfolg gekrönt sei». Nut der feste Optimismus von Seiten des Herrn Traubenberg konnte diesem den gemachten Vorschlag in die Feder diktirt, und die gänzliche Verkennung der in diesen Kreisen obwaltenden Verhältnisse ihm eine Idee eingegeben haben, die sich dem Eingeweihten als völlig unrealisirbar zeigt. Man muß in erster Reihe die Qualifikation der zum Amte Berufenen in Betracht ziehe». Was wird hier nicht Alles Lehrer genannt! Mit der Berechtigung zum Schächter versehen und im Besitze einer guten Stimme, nebenbei auch dem „guten Willen", die Kinder in der Religion zu unterrichten, zeigt sich uns der größte Theil der Beamten in den kleinen Gemeinden, und man ist mit ihm zufrieden, muß mit ihm zufrieden sein. Von wo soll wohl hier das Organisationstalent Herkommen? Aber selbst da, wo der Beamte das Zeug dazu besäße, selbst wenn er im Stande wäre, einen geschichtlichen Vortrag zu halten, würde er sich doch kaum schwerlich das nöthige Auditorium zusammenschaffcn können. Man vergesse nicht, daß auch in den großen Gemeinden Hunderte taub und gleichgiltig bleiben gegenüber den diesbezüglichen Aufforderungen, die an sie ergehen, denn sonst müßte Berlin nicht einen, sondern 10 Litteraturvereine haben. Zieht man aber in den kleinen die Lauen und Gleichgiltigen ab, so bleibt eine große Null übrig, mit welcher auch wohl Herr Traubenberg wenig anzufangen wissen würde. Nur die großen und mittleren Gemeinden können Litteratur-Vereine gründen. In Ostpreußen giebt es 40 Gemeinden, allein ich greife schon hoch, wenn ich annehme, daß höchstens in sechs derselben ein solches Werk zu schaffen möglich wäre. Muhammed und die Juden. Ein Vortrag, gehalten im Verein für jüdische Geschichte und Littcratur zu Berlin von Professor Dr. M. Hartmann. Mg^m Jahre 1864 erschien in holländischer Sprache, sehr bald auch in JJP deutscher und französischer Uebersetzung ein Buch, das unter den Forschern ans dem Gebiete der ältesten jüdischen und arabischen Geschichte einige Aufregung hervorrief; es hieß: „Die Israeliten zu Mekka". Der Verfasser, der durch seine Arbeiten über die arabische Herrschaft in Spanien in weiteren Kreisen bekannte Dozh, hatte einige Sätze aufgestellt, die, waren sie richtig, eine Anzahl bis dahin unerklärter Thatsachen aufhellten, freilich auch durch ihre Kühnheit befremdeten. Die Bewohner Mekkas, der Vaterstadt des arabischen Propheten, sollten Luden gewesen sein, überzogen mit einer dünnen, höchst modernen Schicht Araberthum. Mit Recht gewiß betrachtete Dozh den Stamm Luraisob, aus welchem der Prophet hervorgegangen, als einen verbältnißmäßig neuen Bestandtheil der Mekkanischen Bevölkerung. Bedenklich sind aber die drei Hauptsätze seines Systems: 1. Das Mekkanische Heiligthum ist zur Zeit Davids von dem Stnmmc Simeon gestiftet; 2. Das Mekkanische Fest ist von diesem Stamme eingesetzt; die Feierlichkeiten dabei erklären sich aus der jüdischen Geschichte, wie auch viele darauf bezügliche Worte hebräischen Ursprungs sind; 3. der Name Mekka bezeichnet ursprünglich nicht eine Stadt; Mekka zei nämlich das hebräische makkah, Schlag, Schlacht, und das Makoraba, wie Mekka bei Ptolemäus genannt wird, sei makkali rabbah, das große Schlachten mit Bezug auf 1. Chron. 4, 41, wo erzählt wird, ein Theil des Stammes Simeon sei auf seinem Zuge in ein Land mit fetten und guten Weiden gekommen und habe die Einwohner dort geschlagen, sowie ein Ire re in, einen geweihten, heiligen Ort gemacht. Das ist geistreich, aber es scheint doch zu gewagt, aus diesem Zusammentreffen zweier Wörter einen so weittragenden Schluß zu ziehen. In den Hauptsachen haben die Aufstellungen Dozys bei den Gelehrten allgemeinere Annahme nicht gefunden. Immerhin fallen bei den großen Kenntnissen und dem Scharfsinn des Mannes manche wichtigen Bemerkungen ab, namentlich für die Vorgeschichte des Islams in Arabien und für die Ge-

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