Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1894)
- Date
- 1894-02-09
- Page
- Seite 65 (sequence 5)
- Language
- German
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65 Ans Ostpreußen. Von Moritz Scherbe!. je wenig die konfessionelle Parität gewahrt wird, wenn es sich um eine Vergünstigung der religiösen Bekenntnisse handelt, geht aus folgender Mittheilung hervor, welche wir der „Gumbinncr Zeitung" entnehmen: „Kirchen sind bekanntlich steuerfrei. Dasselbe Recht der Steuerfreiheit beanspruchte auch die Königsberger Synagogen-Gemeinde. Der Bezirksausschuß wies indessen die Klage zurück, da die Steuerbefreiung nur den gottesdienstlichen Gebäuden der vom Staate ausdrücklich anfgenomineiikn Kirchengescllschaften znstehe. Gegen diese Entscheidung legte die Synagogengemeinde Revision ein. Das Oberverwaltungsgericht entschied jedoch auf Abweisung der Klage und Bestätigung der Vorentscheidung." So der Bericht. Wie wenig man sich auch herausnchmen möchte, an diesem Urtheil Kritik zu üben, so dürfte es doch unbenommen bleiben, sein Befremden über das angegebene Motiv kund zu geben, um so mehr dies, als cs ans Kreisen hervorgegangen, in welchen, soweit die dort herrschende politische Richtung erkennen läßt, das liberale Moment vorherrschend ist, und in der Stadt der „reinen Vernunft" wie ein Sonderling erscheinen muß. Wir bekenne» offen, daß wir nicht wiffen, von wo ab der Staat die Angehörigen des jüdischen Bekenntnisses als Kirchengescllschast zu perhorrcsziren anfängt. Wir gehören nicht zu den Rechtsgelchrten, aber wir meinen, daß, wenn die konfessionelle Gleichberechtigung aller Staatsbürger von der Verfassung gewährleistet ist, ein ganz besonderer Weg eingeschlagen werde» muß, um dieselbe in Fällen, wie einer uns vor liegt, illusorisch zu machen. Das Gespenst des Ritualmordes hat auch seinen Weg nach Rußland gefrmden. Es hat den hermetischen Verschluß, wodurch das Zarenreich von der Außenwelt abgesperrt ist, durchbrochen und in einem kleinen russischen Städtchen jenseits der Grenze seinen Einzug gehalten. Man berichtet von dort: „Kurz vor dem vorjährigen Passahseste verschwand eine in der Nähe von Neustadt wohnende Littauerin, von der bis heute noch keine Spur zu finden gewesen ist. Da die Frau von dem Tage, an welchem sie zu Hanse vermißt wurde, in Neustadt gesehen worden ist und die jüdischen Festtage bevorstanden, so verbreitete sich das unsinnige Gerücht, die Juden hätten an der Frau einen Ritnalmord begangen, was zur Folge hatte, daß am nächsten Wochenniarkt in Neustadt ein großer Straßentumult stattfand, wobei die Inden mißhandelt und deren Eigenthum zerstört wurde. Um dem Tumult ein Ende zu machen, mußte Militär herbeigeholt »verden. Dieser Vorfall beschäftigte jüngst die Strafkammer in Tauroggen, wo 60 Bauern zu 8 und 9 Monaten Gefängniß verurteilt wurden." Wir haben schon Gelegenheit gehabt, Neustadt, den Schauplatz dieses Dramas, in Augenschein zu nehmen, und wer diese Lelitchen dort sieht, wird im ersten Augenblick schon erkenne», daß sie kaum bis zum Glauben an einen Ritualmord sich verloren hätten, wenn ihnen nicht die Anregung hierzu von Westen her quer durch Deutschland zugegangen und nach Rußland importirt worden wäre. Auch ein Beitrag zu der Geschichte des Handelsvertrages mit Rußland. Das Grenzkomitee, das sich mit den ans Rußland ansgewiesenen Juden zu beschäftigen hatte, hat jetzt seine Thätigkeit insoweit reduzirt, daß cs den wieder in ihre Heimath Zurückkehrcndc» bei dem Ueberschreiten der Grenze behilflich ist, indem cs die dabei entstehenden Unkosten deckt. Hier hat man Gelegenheit zu erfahren, wie wenig der Aufenthalt in Amerika den Hoffnungen der dorthin Gegangenen entsprach. Es werden uns Schilderungen von dem dort waltenden Elende gemacht, die kaum mit der Feder wiederzngeben sind. Wenn der Vater in der Noth, in welcher er sich befindet, seine hungernden Kinder beruhigen will, so geschieht cs mit dem Hinweis ans Rußland, indem er sagt: wenn Ihr nur erst wieder dort sein werdet, werdet Ihr Euch wieder satt essen können. Jüngst war ein Mann hier, der zu den freiwilligen Auswanderern gehörte. Er hatte vor einigen Jahren Rußland mit einem Baarvcrmögen von 5000 Rubel vcrlaffen und geht jetzt dorthin zurück, ohne einen Pfennig in seinem Besitze zu haben. In seiner Begleitung befinden sich seine Frau und drei Kinder. Er hat cs „drüben" in allmäliger Weise versucht, sich eine Existenz zu schaffen; allein Alles mißlang ihm. Wir sind der Meinung, daß man dem armen Theil unserer in Rußland wohnenden Glaubensgenossen nicht anders und am besten dadurch helfen könnte, daß nian sie pekuniär unterstützt und sie durch Verleihung von kleinen Kapitalien in den Stand setzt, sich durch Handelsgeschäfte zu ernähren. Das ist nun einmal ihr Fach. Man würde dabei praktischer handeln, als daß man die horrenden Summen für Hin- und Rückreise hergicbt, und außerdem noch den Wünschen dieser Leute cntgegeiikomme»; denn sie lieben Rußland, wie stiefniülterlich sie auch dort behandelt werden, noch immer als ihre Heimath, wobei noch der Umstand hinzukommt, daß sie daselbst ihrer Gewohnheit gemäß leben können. Man kann sich ja schließlich an Alles gewöhnen. WaS wir von den kleinen Gemeinden diesseits der Grenze zu berichten haben, dürfte kaum als erfreulich zu bezeichnen sein. Die religiösen Zustände sind derart, daß derjenige, der in einer geregelten und geordneten Gemeinde lebt, sich schwerlich davon einen Begriff machen kann. Es existiren tvohl die nöthigen, religiösen Institutionen und Beamte, aber in der Weise wie Erster« benutzt und Letztere behandelt werden, liegt ein Stück Unkultllr, das kaum in unsere modernen Begriffe von Sitte und Anstand hineinzubringen wäre. Eins ist dabei nur noch rühmend anzuerkennen, nämlich die rührende Einigkeit, womit die Extreme ans religiösem Gebiete nebeneinander hergehen. Da kann man sie schauen, die Juden, die es für eine Gewissenssache betrachten, am Sabbath beim Ausgehen das Taschentuch in einen Gürtel zu verwandeln, wie sie im friedlichen Verkehr stehen mit denjenigen ihrer Glaubensgenossen, die ihr Judenthnm schon so weit abgestreift, daß sie nicht einmal am Versöhnnngstage nach der Synagoge kommen und über das Gebot der Beschneidung mit unerhörter Verachtung sich hinwegsetzen. Auch das würde noch nicht schlimm sein, denn es bleibt am Ende Jedem unbenommen, wie er sich zu seiner Religion stellen will, die, eine geduldige Mutter, ihre Kinder eben nimmt, wie sie zu haben sind. Anders indeß gestaltet sich die Sache bei Vorkommnissen, die zum Cliillul liascliem führen. Man läßt nämlich, wiewohl ein tüchtiger gewissenhafter Religionslehrer in der Gemeinde vorhanden ist, seine Kinder an dem christlichen Religionsunterricht theilnehmen. Von dem zeitigen Beamten ans das Ungehörige^dieses Falles aufmerksam gemacht, hatte einer dieser jüdischen Väter die merkwürdige, weit über die gewöhnliche Fürsorge für die Zukunft seiner Kinder hinausgehende Rechtfertigung: „Man kann ja eben nicht wiffen, ob eine meiner Töchter nicht einen Christen heiralhen wird, weshalb cs schon gut ist, daß sie dem christlichen Religionsunterricht beiwohnt." Man müßte diese praktische Voraussicht bewundern, wenn man sich nicht zu gleicher Zeit angewidert fühlte von dem religiösen Leichtsinn, der dem Mann einen solchen Ausspruch in den Mund legen konnte. Außerdem verdient wohl eine solche Aeußcrung als ein Zeichen der Zeit hingestellt zu werden, welchem gegenüber es in der That schwer fällt, eine Satyre zu schreiben. Der Lokalschulinspektor jedoch, der davon unterrichtet wurde, daß jüdische Kinder dem