Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1894)
- Date
- 1894-02-09
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
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V TW"' ST y V**- ‘**&K»^V£SR%&k wwspcw» - 64 - erinnern, daß auch selbst der Gottesglaube derselben Quelle entstammt und sehr lange Zeit hindurch auch nur Eigenthum einer weit geringeren Minderheit war. Hätte diese Minderheit sich von den jeweiligen Machthabern vorschreiben lasten, welche von den ihr überkommenen Satzungen sittliche oder unsittliche seien, so wäre das Judenthum und seine Knlturmission schon längst von der Erde verschwunden. Antiochus Epiphanes von Syrien verlangte unter Todesandrohung von den Juden an Stelle der von ihm und der Majorität als Götzendienst angesehenen Verehrung des einzigen unsichtbaren Gottes die Anbetung des im Tempel zu Jerusalem aufgestellten Bildnisses des Olympischen Zeus. Die Juden blieben aber bis zum heutigen Tage starrsinnig ihrem Glauben treu, und der Olympische Zeus ist nirgends mehr L» sehen! Verdienste um die Thierwelt würde sich jede Regierung durch das Studium und die Anwendung der mosaischen Thierschutzmaßregeln machen. Sie würde insbesondere zu einem Verbot gelangen, daß fernerhin lediglich des Vergnügens halber Thiere zu Tode gehetzt oder angeschossen den qualvollsten Leiden ausgesetzt werden, wie dies so häufig bei Wettrennen und auf der Jagd geschieht, und zwar ohne Anwendung irgend ivelcher Betäubungsmittel. Fittrraturvereme und gottesdienstliche Fragen. Von Dr. Ludwig A. Rosenthal, Rabbiner zu Rogasen. Wi dem Aussatz „Unser Gottesdienst" *), hat Herr Dr. Kuttner, dem ich trotz meiner schnurgeraden entgegengesetzten Auffassung die redliche Absicht, Gutes anzuregen, nicht absprechen will, folgenden Vorschlag gcniacht: „Namentlich in den Gemeinden, wo bereits Litteraturvereine bestehen, sollten den Gottesdienst betreffende Fragen auf die Tagesordnung gesetzt werde»; das ist jedenfalls zeitgemäßer nnd unendlich viel richtiger, als mancher Vortrag über Dinge und Personen, die uns heute sehr wenig interessiren und oft genug für die vielen Fragen, die wir früher oder später lösen müssen, ohne irgend welche Bedeutung sind. Doch über das Arbeitsfeld der Litteraturvcreine mag ein andermal gesprochen werden; hier soll die gegebene Anregung genügen." Dann wäre cs besser gewesen, sich erschöpfend zu äußern, als ein solches Wort hinzuwerfen. Herr Dr. Kuttner muß selbst im Augenblicke empfunden haben, daß es nicht leicht ist, die Tagesfragen des Gemeinde-Lebens und -Strcbens mit den Ziele» der Litteraturvereiue zu verbinden, nnd ich möchte dies Gefühl zum Bewußtsein bringen. Gesetzten Falls, cs hätte Jemand den entgegengesetzten Vorschlag gemacht, genannte Vereine sollten zur Erhaltung des altjüdischen herkömmlichen Gottesdienstes wirken, ich hätte das G leiche darauf erwiedert, so sehr mich letzteres Streben erwärmen würde: Im selben Augenblicke, wo diese und ähnliche Fragen den Vereinen zur Beeinflussung empfohlen tverden, greifen sie in das Gemeindeleben mit seinen Stürmen ein, die Leidenschaft nach der einen und nach der anderen Seite bemächtigt sich ihrer, sie stoßen gewisse Kreise von sich ab — und das ist vom Uebel. Es soll Jedem die Möglichkeit offenliegen, in einen solchen Verein eiuzutreten, ohne daß er auch nur vermuthen dürfte, er könnte in seiner Richtung verletzt oder geschwächt werden. Außerdem ist bekannt, daß ein Eingreifen in bestehende Gemeindeeinrichtungcn einen Gegendruck hervorruft, der von Seiten des Vereins einen Gegendruck wieder nöthig macht. Die Vorträge sowohl wie die Arbeitsabende würden dadurch Wochen und Monate lang in eine einseitige Richtung gelenkt werden, wodurch wichtigere Arbeiten in den Hintergrund gedrängt würden. Der einmal rege gewordene Eifer würde immer wieder die streitigen Ziele in den Vordergrund ziehen, und es würden aus „Vereinen für Litteratur und Geschichte" entweder „Resormvereine" oder „orthodoxe Vereinigungen" werden. So freundlich ich nun den letzteren gegenüberstände, für so wenig zuträglich würde ich jedoch ihr Wirken für Ziele des Wissens halten. Dazu sind besondere Vereine nöthig. Und wie verschieden würden Geschichte und Litteratur durch die gefärbten Gläser sich ausnehmen! Unter dem Zeichen der Gebetabschaffung würde nian geneigt sein, an der Fassung derselben zu mäkeln, und beim erhaltenden Streben müßte man sich die Augen für die Härten irgend eines Pajtan verbinden. Würden nicht unsere vorzeitlichen Führer bald auch blos darnach beurtheilt werden, ob sie der einen oder der anderen Richtung Vertheidigungs- oder Angriffs mittel bieten? Schon ohne dies ist es dem Nachgeborenen schwer, bei der Betrachtung der Geschichte aus der Befangenheit herauszntreten, und unsere Geschichte hat unter solcher Einseitigkeit besonders schwer gelitten. Schließlich würde man allerdings fragen, was bei so ängstlichem Zurückdrängcn der Gegensätze noch zur Behandlung übrigbliebe? Es wäre aber ein Armuthszeugniß für unser Schriftthum und unsere Geschichte, wenn diese Gegenstände ohne die Schärfe des Richtuugskampfes für nicht reichhaltig angesehen werden würden. Der Mangel unserer Zeit liegt lediglich darin, daß wir wohl geübt sind in allgemeinen Urtheilen, wenigstens (da „die Sprache für uns dichtet und denkt") im Aussprechen derselben, daß dagegen den weiteren Kreisen irgendwelche Kenntniß der Einzelheiten, des Bestimmten fehlt. Dies aus dem Schachte in geeigneter Weise hervorzuholen, zu verarbeiten — das dürfte der nächste vor uns liegende Zweck sein. Jeder Gedanke, der in dieser Weise aus der Verborgenheit ans Licht tritt, jede Einzelheit, die schließlich als selbstverständlich in die Kopfe einzieht und sich darin festsetzt, ist (darin werden alle Kreise einig sein) ein Gewinn. Das entspricht dem Begriffe „Talmud-Thora", einer Hauptpflicht des Judenthums, doch in etwas; aber auch dies Etwas muß uns zu werthvoll sein, als daß tvir es auf's Spiel setzen und es durch Nebenzwecke (wenn diese an sich auch n o ch so bedeutend sind, bleiben sie in Verbindung mit den Vereinszielcn Nebenzwecke) gefährden sollten. Die Fernhaltung dieser Streitpunkte ermöglichte die Versammlung in Hannover die Gründung des allgemeinen Verbandes. Das grundsätzliche Herein ziehen derselben könnte das Bestehen sowohl der Sondervereine, wie des großen Verbandes gefährden. Es ist deshalb sine ira et stuckio eine Beschränkung auf die an sich schon schwer genug zu erreichenden Hauptziele (Verbreitung der Litteratur und Geschichte des Judenthums) durchaus wünschenswerth. Uebrigens bin ich einer weiteren Erörterung zur Begründung dieses Standpunktes nicht abgeneigt. i) Nr, 4, S, 89.