Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-02-09 · Heft 6 (9.2.1894) · p. Seite 62

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 6 (9.2.1894)
Date
1894-02-09
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228047--50579-3273394
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Are Woche. f Berlin, 7. Februar. er Tod Hot in dieser Woche furchtbare Ernte gehalten im Lager Israels. Wir beklagen den Verlust hervorragender Männer auf allen Gebieten öffentlicher Thätigkeit. Das Hinschciden L. Lewandow ski's haben wir bereits an leitender Stelle besprochen. Am selben Tage wurde der Geheime Kommerzienrath Louis Ephraim Meyer in Hannover im 72. Lebensjahre ans der Fülle seines unablässigen Schaffens und gesegneten Wirkens abbcrnfcn. Er war einer unserer Besten und Edelsten. Ein glanbenstrcuer Jude, ein deutscher Mann, für alles Große und Schöne begeistert, ein nnerniüdlicher Wohlthäter der Arme»; „nehmt Alles nur in Allem, wir werden seines Gleichen nimmer iviedersehen." Wenige Tage vorher, am 29. v. M., starb in Frankfurt a. M., tvohin er sich in den Ruhestand begeben hat, der ehemalige Rabbiner der jüdischen Gemeinde zu Wiesbaden, Samuel Süßkind, einer der ältesten Vertreter der Reform im Judenthum, ein wackerer, thatkräftiger Mann, ein treuer Freund unseres Blattes. Am 31. Januar starb in Zürich im 87. Lebensjahr Professor Dr. Moritz Abraham Stern, ehedem Professor der Mathematik in Göttingen, ein treuer Freund Abraham Geiger's, in besten Lebcnsgeschichte er eine hervorragende Rolle spielt, ebenfalls einer der eifrigsten Vorkämpfer der Reform im Judenthmn in den dreißiger und vierziger Jahren. Kurz darauf verschied in Köthen nach langem und schwerem Leiden der bekannte und namentlich in Berlin viel beliebte Prediger Dr. Julius Landsberger, der mehr als ein halbes Jahrhundert im Dienste der Schlile und Synagoge hier unermüdlich gewirkt hat. Eine lange Verlustliste. Wir iverden das Leben dieser Männer im Einzelnen noch zu besprechen haben, aber schon heute frage» wir schmerzlich bewegt: Wo ist der Ersatz für alle diese Verluste? * Auch die erste Kammer in Baden ist dieser Tage, cntsprcche-nd dem motivirten Konunissionsbericht, über die antisemitische Petition betreffs staatlicher Prüfung der jüdischen Geheimgcsetze zur Tagesordnung übergegangen. Der Bericht enthält aber doch Ansichten, die, als von einer politischen Körperschaft ausgehend, mitgetheilt zu werden verdienen: Die Kommission glaubt sich nicht verhehlen zu dürfen, „daß thatsächlich unser deutsch-christliches Volk in weiten Kreisen stch beunruhigt fühle durch gemeinschädliche Erscheinungen, welche mit mehr oder iveniger Recht dem Judenthum zur Last gelegt würden", und sie kann sich auch nicht überzeugen, „daß diese Verstimmung gegen das Judenthum in die Seele unseres Volkes künstlich hineingetragen sei, vielmehr scheine ihr darin eine ursprüngliche, gleichsam instinktive und elementare Bewegung wahrnehmbar, die allerdings durch die Agitation des Antisemitismus hcrausgelockt, genährt, verschärft, politischen und sozialen Parteizwecken nutzbar gemacht werde". Hofrath Dr. Rümel wendet sich gegen die Schlußausführungen des Berichts, der jetzt bestehende Antisemitismus sei in erster Linie auf die Agitation zurückzuführen; die in dem Bericht niedergelegien Wünsche, daß aus dem Judenthum selbst heraus gegen eine unleugbar bedenkliche Geltendmachung seiner Eigenart Proteste geltend gemacht würden", könne er nicht gutheißen, da darin eine gewisse Anerkennung des Antisemitismus liege. Landgerichtspräsident Kamm kann nicht bestreiten, daß im Volke über die Stellung der Juden im Staate eine Mißstimmung bestehe, die auf den Börsenschwindel und den Wucher zurückzuführen sei, zwei Erscheinungen im wirthschaftlichcn modernen Lebe», die vornehmlich auf die Juden zurückgeführt würden. Gerade der tiefsten Schichten der Bevölkerung hätte sich die antisemitische Bewegung bemächtigt, der man mit Energie entgegentreten müsse. Deshalb sei es Aufgabe bei Christen wie Juden, dem Unrecht, wo es sich zeige, entgegenzutreten. Auch dürften die Juden, ohne ihre Religion zu verletzen, sich mehr als bisher mit den Christen amalgamiren. Geh. Hofrath Dr. Meyer betont, daß in gewissen Theilen Deutschlands, vor Allem in Hessen, wo der Bauernstand vielfach durch jüdischen Wucher verarmt und verschuldet sei, die antisemitische Bewegung im Volke bestanden habe und nicht hineingetragen worden sei, während in anderen Theilen Deutschlands, so in Sachsen, der Antisemitismus künstlich angefacht worden sei. Gewiß solle man gegen die wirthschaftlichen Schäden einschreiten, wie dies ja auch durch die Gesetzgebung und durch freie Vereinsthätigkeit geschehe, doch halte er es nicht geboten, den Juden alle diese Mißstände in die Schuhe zu schieben, umsoweniger, als die durch den Großkapitalismus zu Tage tretenden Mißstände, die besonders den Kleingewerbtreibenden zum Nachtheil gereichten, vielfach auf Elemente zurückzuführen seien, die nicht jüdischer, sondern antisemitischer Natur seien. Wenn die Kommission auch nicht eine Befürwortung des Antisemitisnius gewollt habe, so könne der Bericht doch nach Außen diesen Anschein erwecken. Oberlandesgerichtspräsident Schneider weist darauf hin, daß sowohl die Civil- und Strafgesetzgebung als auch die Sozialgesetzgebung bemüht sei, gegen die wirthschaftlichen Mißstände anzukämpsen Aber einseitig gegen die Juden vorzugehen, oder, wie es der Kommisstonsbericht thue, den Juden Rathschläge zu ertheilen, halte er nach keiner Seite hin gerechtfertigt. Ungereimt und den Thatsachen widersprechend müsse es genannt werden, wenn man den Juden gar Anwendung altjüdischer sogenannter Geheimgesetze imputire. Freiherr Ferdinand v. Bodmann-Lorettohof betont, daß die Ausbrüche gegen das Judenthum meistens zeitlich zusammenträfen mit wirthschaftlichen Depressionen, um so gefährlicher sei diese Bewegung, die, was nicht zu leugnen wäre, in vielen Kreisen des Volkes fest wurzle. Nach einem Schlußwort des Prälaten Doll wird der Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung einstimmig angenommen. In den nächsten Tagen wird das Gespenst dieser Geheimgesetze auch in der betreffenden Kommission des deutschen Reichstages spicken. Hoffentlich findet cs da sein ehrliches Begräbniß. Wie weit der antiscinitische Haß und nationale Verblendung gehen können, das zeigt uns so recht deutlich und charakteristisch ein Artikel der „Täglichen Rundschau" über die Frage: „Gehört das Alte Testament in den christlichen Religionsunterricht der Jugend?" Die Frage selbst wie die Antwort sind uns ganz gleichgiltig; intereffant ist für uns nur die Motivirung des verneinenden Standpunktes, den der Verfasser in dieser Beziehung einnimmt. Er bezieht sich nämlich ans einen evangelischen Theologen, der merkwürdiger Weise diese Frage ebenfalls verneint, und sagt von diesem: „Er beklagt, was wir als einen höchst gesunden Ausbruch deutscher Empfindung betrachten, wenn Kinder aus biblischen Geschichten, die ihnen mit allen Formen der Verehrungswürdigkeit geboten werden, dennoch das fremde Volkslhum herauswittern und'gegen Joseph und Jakob „Haß und Verachtung" fühlen. Wir beklaffen das natürlich nicht, wir beklagen nur. daß man diese Empfindung einschnürt, daß man das Dentschgewissen mit anerzogener Verehrung vor den Polypen jüdischer Gewiffenlosigkeit knebelt, statt den natürlichen Haß dagegen zu stärken. Aber auch wir sagen: Wenn schon vom streng christlichen Standpunkte das Alte Testament als ein Träger heilloser Gewiffensverwirrung erscheint, als was soll es uns erscheinen, die wir doch klar erkennen, daß das Schwert unseres Zornes gegen unfern schlimmsten Feind, das Judenthum, in der Schule schon stunipf und rostig geiuacht wird, und daß diese Verwirrung der natürlichen Empfindungen sich in das spätere Alter fortsetzt, wo wir unter Unrständen an das Alte Testament längst nicht mehr glauben, aber zu allem selbstbewußten Widerstand gegen das Judenthum doch unfähig geworden sind!" Wir haben diesen Ausbrüchen extrem nationaler Verbissenheit nichts hinzuzufügen. Derartige Tiraden kann man heute nicht mehr ernstlich bekämpfen: man kann sie nur noch niedriger hängen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.