Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1894)
- Date
- 1894-02-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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58. Jahrgang. Nr. 6. Allgemeine Berlin, 9. Februar 1894. ettung des Auöenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements - Preis: Durch Buchhandel, I Postoder direkt von der Expeditione Berlin I unter Streifband bezogen vierteljährl.SM. Nedacteur: Gustav Karpeles«. Begründet von Nabbirrer Dr. LudWjg Plhilippson-Bonn. Verlags-Crpedltion: iöerlin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion imb Expedition sind au die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums". Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: L. Lrwandewski. — Die Woche. — Das Schächlverbot in Sachsen. Bon Rechtsanwalt I. Auerbach II. — Litteraturvereine und gottesdienstliche Fragen. Bon Dr. Ludwig A. Nosenthal. Aus Ostpreußen. Bon Moritz Scherbel. — Muhammed imd die Juden. Bon Prof. Dr. M. Hartman«.—Feuilleton: DieJüdin. Erzählung vonJohnPaulsen.lForts.) — An der Pforte des Paradieses. Bon Albert Katz. (Forts.) —Litterarische Mittheilungcn. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Aus Weslpreußeu, Breslau, Ratibor. Hannover, Hörde. Wien, Amsterdam. Zürich. — Bon Nah und Fern. — Miseellen. — Geschäftliche Notizen. | L. Fewmidoivski. Berlin, 6. Februar. ü^^amnaz.eaeii ]>’neginotli, dem Meister in den Tonweisen gilt heute 'A-A unser Klageruf, der Klageruf der Gemeinde um den Mann, der all ihre religiösen Empfindungen künstlerischen Ausdruck verliehen hat. Er war der letzte Meister des tönenden Liedes in unserer Mitte, und darum stehen wir mit um so tieferer Trauer an den zerrisfenen Satten seines verklungenen Spiels. Geschloffen ist der Mund, der die Herrlichkeit des Ewigen in weihevollen Tönen verkündet hat; die Stimme, welche mehr als ein halbes Jahrhundert Israels Vergangenheit und seine Zukunft in unvergleichlichen Liedern gepriesen hat, ist nun verstummt für immer. Von dem Sängerkönig Israels erzählt die Sage des Midrasch, daß eine Harfe über seiner Lagerstätte hing, und wenn der Hauch Gottes über ihre Saiten dahinfuhr, da fingen sie von selbst an zu spielen. Eine solche Davids-Harfe geleitete auch den Dahingeschiedenen durch sein ganzes Leben, und so oft der Geist des Ewigen über ihre Saiten dahinfuhr, klang aus ihnen in vollen Akkorden ein gottbegeistert Lied hervor. Mitten in aller Erdennacht, in Glück und Unglück, in Leid und Freud, in Wohl und Wehe, in Wonnen und Schmerzen blieb auch er stets seinem Gotte treu, konnte auch er, dem königlichen Sänger gleich, ausrufen: „Wenn Kummer und Bedrängniß mich betroffen, so habe ich den Namen Gottes angernfen." Und wenn des Lebens rauhe Stürme wild über die Saiten seiner Harfe dahinrasten, so hat auch er in frommer Ergebung Gottes ewige Huld erfleht. „Und wenn er den Kelch des Heils erhoben, so hat er wiederum den Namen Gottes angerufen." So ist sein ganzes Leben ein Gesang gewesen, von der Jugend bis zum Grabe. Und selbst noch, als die kalte Hand des Todes in die Saiten dieser Harfe gegriffen, tönen diese noch immer fort, zur Ehre seines Lebens. Nur für unser irdisches Ohr hat sie ausgeklungen, aber noch das geistige Ohr später Zeiten wird sie hören, wird seiner Lieder gedenken und seinen Namen ehren und sein Andenken segnen. Wer vermag es, in der Stunde der Trauer den Umfang und die Grenzen des künstlerischen Schaffens zu bestimmen, durch welches Lewandowski sich zum Reformator des Synagogengesanges erhoben; Iver vermag es, unter dem unmittelbaren Eindruck der Todesbotschaft Alles das zu schildern, was aus seinen Liedern herausgeklungen! Aber dieses Eine vermag schon heute Jeder zu sagen, der sein Leben gekannt: Sein Lied klang zur Ehre Gottes. Sein künstlerisches Schaffen war nur dem Judenthum geweiht. Ueber alle Festzeiten des israelitischen Lebens hat er den Reichthum seiner Gesänge ausgebreitet, und für alle Trauertrage seines Volkes hatte er Lieder des Trostes und der Erhebung. Er hat den Gottesdienst der deutschen Synagoge nengeschaffen, er hat ihm Weihe lind Andacht, Inhalt uild Stimmung verliehen, er hat die alten Gesänge im Geiste unserer Zeit erneuert, er hat den historischen Melodien neuen Schwung, dem Worte Kraft, dem Liede Adel eingehaucht. Zwei Generationen lauschten bereits seinem Sang in allen Theilen der bewohnten Erde, seinem Liede, das tief in die Seele dringt und dem Auge Thränen des Schmerzes und der Freude entlockt. Diesem Liede lauschten der Knabe und das Mädchen am Tage, da sie eingeführt wurden in den Bund der Väter, der Jüngling und die Jungfrau in des Lebens feierlichster Stunde, der Mann und das Weib in allen erhabenen Momenten im Reigen der Fest- und Trauertage Israels, die führen das bekränzte Jahr. Mit vollem Recht konnte einem solchen Manne Leopold Zunz zurufen: „Durch Sie wlirden alte Gedanken zu neuen Empfindlingen und aus den Vorräthen des Wortes bereitete Ihre Melodie eine wohlschmeckende Nahrung." So sind aus seiner Gottesharfe Glück und Leid, die Hoffiningeu, Ideale und Träume, die Schmerzen, Enttäuschungen und Kümmernisse Israels, seine glorreiche Vergangenheit, seine traurige Gegenwart und seine gottgeweissagte Zukunft in mächtig ergreifenden Akkorden hervorgeklungen. Mit besonderer Wehmuth gedenken wir heute des einen Liedes, das den Gottesdienst des Neujahrstages zu weihen bestimmt war, und das sich an des Propheten Wort anschloß: „Ich gedenke dir die Holdseligkeit deiner Jugend, die Liebe deiner Brautzeit, wie du mir nachzogst durch die Wüste, durch das Land, das saatenlose!" So wird auch Israel, des theureu Todten der Liebe seiner Jugend, der Treue seines Lebens gedenken. Noch ferne Geschlechter werden sich an der Weihe und Innigkeit seiner religiösen Lieder zu frommen Gefühlen erheben und seinen Namen segnen, wie wir ihn heute segnen: Lamnazeaeh b’neginotbai den Meister in den Tonweisen Israels!