Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1894)
- Date
- 1894-02-02
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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Berlin, 2. Februar 1894. 58 Jahrgang, «r. 5 Weikage zuv „Akkgemeinen Zeitung öes IuöentHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. L2 Berlin, 31. Januar. In das Kuratorium des Reichenheimschen Waisenhauses ist an Stelle des ausscheidenden Herrn Direktors M. Hermann Herr L. M. Bamberger gewählt und gestern feierlich eingeführt worden. * Berlin, 25. Januar. Der Ausschuß des deutsch-israelitischen Gemeindebundes erläßt folgende Aufforderung an die Gemeindevorstände betreffend die Ausführung eines Beschlusses des Gemeindetages vom März 1892: „Bei der Uebersiedelung eines Steuerpflichtigen aus dem Bezirk einer Synagogengemeinde in den einer andern herrscht keine Uebereinstimmung über den Zeitpunkt, an welchem die Steuerpflicht in der einen Gemeinde erlischt und in der andern beginnt Hierdurch kann es verkommen, daß der Betreffende für einen gewissen Zeitraum doppelt besteuert wird. Diese Sachlage war auf dem im vorigen Jahre abgehaltenen Gemeindetage von der Bundesgemeinde Magdeburg hervorgehoben worden, und die Versammlung hatte einstimmig den Unterzeichneten Ausschuß beauftragt, auf Aenderung dieses wenig wünschenswerthen Zustandes hinzuwirken. In Verfolg dieses Beschlusses ersuchen wir alle verehrlichen Vorstände der Bundesgemeinden, uns baldigst mitzutheilen: a) welchen Modus in Bezug auf den Zeitpunkt, an dem die Steuerpflicht des Neuanziehenden beginnt und die des Abziehenden aufhört, bei ihnen geübt wird? b) ob dieser Modus auf gesetzlichen oder statuarischen Bestimmungen beruht oder nur im Wege der Gewohnheit festgesetzt worden ist? c) welche Gründe für Beibehaltung oder für Aenderung dieses Modus sprechen? Berlin, im Dezember 1893. Der Ausschuß pp." --- Berlin, 31. Januar Im „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" wird am Sonnabend, den 3. Februar, Abends 81/2 Uhr, Herr Hofrath Dr. Dembo aus Petersburg in der Aula des Friedrich-Werderschen Gymnasiums, Dorotheenstr 13, einen Vortrag über: „Das jüdisch-rituelle Schlachtverfahren im Lichte der Wissenschaft" halten. Gäste haben Zutritt. — Die Sonntagsvorlesungen des Vereins über jüdische Geschichte beginnen wieder am 4. Februar, Vormittags 11 Uhr, in der Aula der Friedrich-Werderschen Oberrealschule, Niederwallstr. 12. Der Zutritt steht Jedermann frei. G. Berlin, 25. Januar. Sämmtliche vier in der medizinischen Fakultät der Berliner Universität neu ernannte Professoren entstammen jüdischen Familien. Es fiub die Professoren Güterbock (der Name des Geh. Sanitätsraths Güterbock findet sich in dem Wohlthäterverzeichniß der Mannheimerschen Altersversorgungsanstalt), Lassar, Remak und Veit. Es ist gewiß bedauerlich, daß selbst auf dem als neutral geltenden Gebiet der Naturwissenschaft jüdischen Docenten in Verfolg ihrer Laufbahn aus ihrer Konfession Schwierigkeiten erwachsen Cohnheim, Jakob Henle, der in vorgerücktem Alter den Uebertritt vorzunehmen sich genöthigt sah, sind betrübende Beispiele für eine Art der Lösung dieser Schwierigkeiten seitens jüdischer Gelehrten von europäischem Ruf. Auf der andern Seite fehlt es erfreulicher Weise nicht an hervorragenden jüdischen Männern der Wissenschaft, bei denen die Beförderung Jahre lang ausblieb, die aber der Aufforderung zum Uebertritt gegenüber konsequent standhaft blieben und die es schließlich auch erreichten, wenn auch oft erst auf einem Umwege nach erfolgreicher Lehrthätigkeit an Universitäten des Auslandes, in Ordinariate deutscher Universitäten berufen zu werden. Von einem hervorragenden Schüler Cohnheim's, der als außerordentlicher Professor der Pathologie in Leipzig wirkte, ist bekannt, daß er notorisch als ein Opfer seiner Glaubenstreue vor nicht allzulanger Frist diese Stellung aufgab und jetzt in Frankfurt a. M. am Senkenbergschen Institut thätig ist. — An Stelle des kürzlich dahingeschiedenen Geh. SanitätsrathGuttmannchat Herr Professor Eulenburg die Redaktion der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift" übernommen; das Andenken seines Vaters, des Geh. Sanitätsrath Michael Eulenburg, der dem Jndenthum Treue bewahrte, findet sich durch die von ihm hinterlassenen Legate bei mehreren Stiftungen der jüdischen Gemeinde verewigt. — An der Berliner Universität lehren zur Zeit gegen 52 jüdische Dozenten, von denen nur einer ordentlicher Professor geworden, nämlich der Lehrer der Handelsrechte, Dr. Lewin-Goldschmidt; Dr. Moritz Lazarus ist Honorarprofessor der philosophischen Fakultät; nach dem Ausscheiden des Professor Karl Bernstein hat die juristische Fakultät nur zwei Glaubensgenossen als außerordentliche Professoren, nämlich Rubo und Gradenwitz. Indermedizinischen Fakultät sind außer den obenerwähnten Neuerungen noch folgende Titularprofessoren zu nennen, nänllich Baginsky, Leonhardt, Hirschberg, Mendel, Jul. Wolff, Max Wolff. In der philosophischen Fakultät lehren von Glaubensgenossen Barth, Gabriel, Ludwig Geiger, Liebermann, Magnus, Steinthal und Pinner. — Professor Ludwig Geiger, ein Sohn des Rabbiners Abraham Geiger, der mit Beginn dieses Jahres in den Vorstand der Berliner Hanptgemeinde eingetreten ist, liest vornehmlich über Litteratur und Geschichte der Renaissanceperiode. mf. Königsberg i. Pr., 21. Januar. An die hiesige Universität ist von der Universität Bonn der außerordentliche Professor der philosophischen Fakultät Minkowski berufen worden. Der jugendliche Gelehrte, ein Bruder des Vorsitzenden des hiesigen „Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur", Max Minkowski, löste im Alter von 21 Jahren eine mathematische Preisaufgabe der Akademie in Paris und wurde damals viel in den Tagesblättern genannt. An unserer Albertus-Universität wirkte bereits vor einem Dezennium ein Glaubensgenosse als Professor der mathematischen Wissenschaften, Namens Hurwitz, der sich durch gleiche Frühreife auszeichnete, da er im Alter von 24 Jahren Professor wurde. Die Albertina tritt in Bezug auf konfessionelle Borurtheilslostgkeit in gleiche Reihe wie die Schweizer Universitäten, ja übertrifft dieselben vielleicht noch in dieser Hinsicht. Juden, nicht nur deni Namen nach, sondern mit vollem, thatkräftigem Eintreten, auch an der Spitze unserer Gemeindeinstitutionen und wohlthätigen Stiftungen, sind als ordentliche Professoren der hiesigen Universität zu nennen: der Pharmakologe Jaffe, auch mit der Centralleitung des Reichsgesundheitsamts betraut, Professor Samuel, zugleich erster Vorsteher der hiesigen Hauptgemeinde, desgleichen Professor Schreiber. Wenn wir die Privatdozenten hinznrechnen und um den Rassenantisemiten in ihren statistischen Bestrebungen zu Hilfe zu kommen, die getauften Juden mit einrechnen, zählt die Albertina etwa 25 „Semiten" als Universitätslehrer, ist also nach antisemitischer Doktrin durch und durch „verjudet", um so mehr als Männer, von gelehrtem Weltruf, wie der Archäologe Gustav Hirschfeld, bei der jüngsten Ordensverleihung besonders ausgezeichnet worden sind; der an der Spitze des hiesigen israelitischen Studienbeförderungsvereins stehende Professor Jaffe hat bereits früher den rothen Adlerorden erhalten. Der obenerwähnte Professor Minkowski muß zudem die Freunde des Antrags Hammerstein besonders interessiren, denn er ist seinem Nationale nach ursprünglich nicht einmal Inländer, — seine Eltern sind aus dem russisch-jüdischen Ansiedlungsrayon hierhergezogen — er wie sein in Straßburg als Assistent Naunyn's für innere Medizin dozirender Bruder sind Urenkel des in Rußland als gelehrter Talmudist bekannt gewesenem Rabbiner Aron Karliner aus dem Kownoschen Gouvernement. K. Tilsit, 26. Januar. Gestern fand hier das Leichenbegängniß des Rabbiners Salomon Friedeberg statt, der 33 Jahre Hierselbst als Rabbiner der Kreissynagogen-Gemeinde gewirkt hat und im 71. Lebensjahre verschieden ist. Rabbiner Dr. Rülf aus Memel und Prediger Levin sprachen in der Synagoge, wo der Sarg vor dem Altar aufgebahrt worden war, und Kantor Rosenkranz hielt die Gebete auf dem Friedhof. S. Friedeberg hatte seine rabbinische Ausbildung auf mehreren Jeschiwoth und dann bei Dr. Abraham Geiger in Breslau erhalten, er gehörte zu den Begründern des Rabbiner-Verbandes und des Verbandes der Synagogen-Gemeinden für Ostpreußen. Die Theilnahme der jüdischen wie christlichen Bevölkerung war eine herzliche und allgemeine, die dem