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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-02-02 · Heft 5 (2.2.1894) · p. Seite 60

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 5 (2.2.1894)
Date
1894-02-02
Page
Seite 60 (sequence 12)
Language
German
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60 den Unrnuth vom Herzen hernnterschreiben und dann die Feder niederlegen. Dazu ist es jedoch nicht gekommen. Die so unerwartet günstige Aufnahme, die meinen Schriften zu Theil wurde, kann ich mir nur dadurch erklären, daß man gefühlt hat, sie kamen von Herzen und waren gut gemeint. Daher haben sie mir auch wohl so viele Herzen erschlossen und mir so manche treue Freundschaft eingebracht. Wenn ich zum Schluß jetzt von mir selber spreche, so geschieht es wirklich nicht, um mich zu rühmen. Ich möchte nur an dieser Stelle noch einmal all den verehrten Lesern meiner Schriften für die rege Theilnahme danken, die man mir durch die vielen Zuschriften kundgegeben hat. Ich kann wohl sagen, daß sich mir seit der Veröffentlichung der ersten Broschüre über das Judenthum eine neue Welt erschlossen hat. War es bis dahin ein halb unbewußtes Empfinden, welches mich seit! Jahren das Judenthum mit anderen Augen betrachten ließ, als es so > viele meiner Glaubensgenossen thun, so ist es jetzt eine unerschütterliche j Ueberzeugung, die mich in meinen jüdischen Mitbürgern nützliche und! mit Unrecht ver'olgte Kinder des deutschen Vaterlandes erblicken und > achten läßt. j Ich rathe nochmals allen Christen, welche judenseindliche Regungen! in sich verspüren, den Umgang edler Juden zu suchen. Der Eindruck,! den sie dann vom Judenthum erhalten würden, wäre sicherlich anderer Art als das Zerrbild, welches in so manchem christlichen Geiste lebt. Und weil man mir wioer mein Erwarten versichert hat, ich könne dazu beitragen, dieses Zerrbild zu berichtigen und das Judenthum in seiner wahren Gestalt hinzustellen, so bin ich veranlaßt worden, öfter in die Reihen der Kämpfer zu treten, als ich beabsichtigt hatte.! Damit sage ich vorläufig meinen Freunden Lebewohl. Möge uns , Allen eine beffere Zukunft bescheert sein!" Dr. Moritz Stern, Rabbiner in Kiel, hat jüngst „Urkundliche! Beiträge über die Stellung der Päpste zu den Juden" veröffentlicht.; Diese Arbeit des jungen Historikers ist mit Benutzung des päpstlichen j Geheimarchivs vorgenommen worden, und ist sehr zu wünschen, daß Herr j Dr. Stern seine diesbezüglichen Forschungen fortsetze und das Resultat! derselben den Fachgenossen mittheile. - Daß die Päpste und sonstige! hohe geistliche Würdenträger ihren Körper der Fürsorge jüdischer Aerzte; anvertrauten, ist eine bekannte Thatsache, da der Körper jedoch Träger des Geisteslebens ist und ein römisches Wort einen gesunden Geist nur! in einem gesunden Körper wohnen läßt, so wurde jüdischen Aerzten in - einem gewissen Sinne das Seelenheil anvertraur. Interessant ist Nr. 50! (Seite 57), woselbst dem jüdischen Arzte Dactilus und seinem Sohne Guilelmus in Corneto, Monte Alto und Civita-Vecchia die Ausübung der medizinischen Praxis gestattet wird, jedoch unter der Bedingung, daß sie keinem gefährlich Kranken Arznei reichen, bevor Letzterer nicht nach kirchlicher Vorschrift die heiligen Sakramente empfangen habe. Nach jüdischer Lehre verdrängt die Lebensgefahr jedwede religiöse Satzung. — Die Geschichte der Censur des Talmud wird durch Dr Stern's Schrift in erfreulicher Weise vervollständigt. Wenn wir als Referent einen Wunsch äußern dürfen, ist es der, daß in Zukunft | außer den text-kritischen Bemerkungen auch sachliche gegeben werden.! So weiß ich nicht, welcher Kommentator unter Chimi auf Seite 167 j zu verstehen ist. — Daß unter Rabalfes und Ravaser der Rif und j Rosch (Rabbenu Ascher ben Jechiel) zu verstehen ist, ist wohl klar. j R. L. Tallquist, Dozent an der Universität in Helsingfors, der Hauptstadt Finnlands, hat eine intereffaute und zeitgemäße Schrift unter dem Titel „Der Kulturkampf zwischen den Semiten- und den Indo- Europäern" veröffentlicht. Es ist dies eine gründliche Studie, die die weiteste Verbreitung verdient. Dieselbe berichtet ausführlich über den bedeutenden Antheil, den die Juden auf der iberischen Halbinsel an dem Geistesleben ihrer Mitbürger nahmen. --- Elia B. Chasan, Oberrabbiner in Alexandrien (Aegypten), hat eine Schrift unter dem Titel „N’weh Sclialom“ (die Stätte des Friedens) veröffentlicht. Es ist lobend hervorzuheben, daß der im Orient lebende Gelehrte unparteiischen Sinn besitzt und fern von jedem religiösen Fanatismus Sitten und Anschauungen in objektiver Weise schildert und zu rechtfertigen sich bemüht. Zum Namen Chasan sei bemerkt, daß schon im 16 Jahrhundert der entsprechende italienische Name d ei Cantori sich findet (siehe M. Sterns Urkundliche Beiträge p. 132 und 133). Es war eine Eigenthümlichkeit der in den romanischen Ländern wohnender: Juden, außer dem jüdischen Familiennamen einen äquivalenten in der Landessprache anzunehmeu. Wer sich vom kulturhistorischen Standpunkt für die Juden Aegyptens interessirt, wird die Schrift des Autors mit Nutzen und Vergnügen lesen. Sofia, den 11. Januar. Dr. M. Grünwald. Sprechsaal. Hochverehrte Redaktion! bezugnehmend auf den Artikel des Herrn Rabbiner Dr. Pick in der letzten Nummer Ihres geschätzter: Blattes/gestatten Sie mir folgende Erwiederung. Herr Dr Pick führt in seinem Artikel',, Der Einfluß der Zehnzahl und der Siebenzahl auf das Judenthum" eine Reihe von Beispielen an, mit denen er den Zielpunkt treffen will, indem er ausführt, daß die Zahl „sieben" eine gute ist, und deshalb sehe er gar nicht ein, warum man nicht einen öffentlichen Gottesdienst mit sieben erwachsenen Personen abhalten körme. Herr Tr. P richtet sein Augenmerk ganz besonders auf die Jischubin und kleinen Gemeinden, die sich nach einer gottesdienstlichen Erbauung sehnen Da sie aber die „Zehnzahl" nicht erreichen können, so gehen sie betrübt nach Hause. — Ich glaube, es ist betrübender, wenn in Gemeinden zwei und auch drei Ninjonen sich befinden und sehr oft kein öffentlicher Gottesdienst stattfinden kann! Nicht immer ist also die „Zehnzahl" Schuld daran. Nicht immer ist die „Siebenzahl" eine gute. Es giebt auch eine „böse Sieben". — Spr. der Väter E. V V. 7 und 8. — Und was den öffentlichen Gottesdienst betrifft, so kann in der That die gutgemeinte Siebenzahl für die Folge verhängnißvoll werden. Der ' „Siebengottesdienst" wird der jüdischen Einrichtung der gottesdienstlichen Handlung nur Schaden bringen. Denn es werden sich gewiß welche finden, die da sagen werden. Warum grade mit Sieben, warum nicht auch mit Sechsen? — Uebrigens scheint Herr Dr. P. sich nicht beim Schreiben seines Artikels in die Lage eines in einer kleinen Gemeinde von nur sieben Familien amtirenden Beamten oder eines Vorstandes versetzt zu haben. Angenommen, daß in einer solchen Gemeinden zur Noth wirklich mit „sieben" erwachsenen Personen gebetet werden sollte, so möchte ich doch einuial sehen, wie der Vorstand einer solchen Gemeinde die betreffenden Mizwott eintheilen wird, und noch gar an einem Sabbath vielleicht, cu dem 3 Seforim geleint werden! Solche Einrichtungen bringen dem Judenthum keinen Nutzen. Im Gegentheil, sie verschlimmern die Krankheit. Unser Augenmerk müssen wir unablässig auf die kommende Generation richten. Die Jugend, die müssen wir mit mehr jüdischem Wissen ausrüsten. Sie soll später der Träger und Erhalter unserer Religion, deren Vorschriften und Einrichtungen sein. Ja, sie sollen später Führer und Leiter des Gemeindewesens werden. Wie sieht's damit in den kleinen Gemeinden aus? Wann bekommen rie Mitglieder (sie wollen zwar nicht) einmal eine Predigt zu hören? Es ist traurig genug, daß ich es hier aussprechen muß. In Gemeinden von selbst 40-50 Mitgliedern, wie viele jüdische Zeitschriften findet man dort? Auch durch Zeitschriften, belehrende Aufsätze, Reden, Erzählungen für Groß und Klein, Arm und Reich kann das Interesse im Judenthum für das Judenthum mehr geweckt werden. Ich habe Sonntagspredigten in christlichen Familien gelesen, die man ihnen ganz umsonst einschickt, blos um sie zu belehren. Geschieht dieses auch bei uns? Dafür sollen die Rabbiner und Leiter der Gemeinden sorgen und dadurch wird sich das Religiöse im Erwachsenen wie in der Jugend von selbst heben und geweckt werden Eine jüdische Zeitschrift kostet 2—3 M. Durch einen Verein müßten die jüdischen Zeitunger: so billig gestellt werden, daß auch der Aermste in der Gemeinde Belesung und Belehrung, auch ganz umsonst finden soll. Die Wohlthätigkeit im Judenthum ist, Gott sei Dank, groß genug, und deshalb denke ich, könnte wohl auch hierin etwas , gethan werden. Polzin, 20. Januar. Finkelstein. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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