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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-02-02 · Heft 5 (2.2.1894) · p. Seite 59

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 5 (2.2.1894)
Date
1894-02-02
Page
Seite 59 (sequence 11)
Language
German
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59 „Was das „koscher leben" anbelcmgt," versetzte der Rabbiner freudig, „kann ich mir keinen Vorwurf machen. Ich habe fast täglich dir Fleischerläden besucht und Alles genau geprüft." „Schon gut," — fährt Abraham lächelnd fort —, „Heil Dir, daß Du Dich nnt das „koschere" Fleisch für Deine Gemeinde gekümmert, indeß ich meinte etwas Anderes damit. Ich verlange von dem Rabbiner, daß er mehr als um das „Kaschruß" des Fleisches, um das „Kaschruß" des Geistes: um die Gesinnung seiner Gemeindemitglieder im Handel und Wandel, im Leben und Verkehr mit anderen Menschen sich kümmere. Ich will wissen, ob Du Deine Heerde an die Quelle des Lebens geführt und sie mit dem Wasser unserer Moral und Sittenlehren getränkt hast." „Selbstverständlich," — unterbrach der Rabbiner —, „habe ich nicht Unterlasten, hin und wieder zu predigen. Meine Zuhörer waren von meinem Vortrag, von meiner Beredtsamkeit begeistert, hingeriffen; ich habe auch nicht verfehlt, sie auf Israels Mission hinzuweisen, habe nicht verabsäumt, sie in den Gesetzen über Peßach, Schabbes u. s. w. zu unterweisen; ich habe Alles gethan, was in meinen Kräften stand." „Schön, mein Sohn,"—begütigt ihn der Patriarch—. „Jchweißgar wohl, daß Viele meiner Kinder auf Erden den Pfad der Thora verlosten und an einem zügellosen Leben Wohlgefallen finden. Gewiß muß man ihnen immer wieder und wieder auch die rituellen Vorschriften der Thora vortragen. Auch die Mission Israels ist nicht zu unterschätzen. Leider ist meine Zeit sehr gemesten, und ich kann mich nicht noch länger mit Dir unterhalten. Nur eins möchte ich noch wissen: Hast Du Dich auch um die Hebung der sozialen Lage Deiner Gemeinde gekümmert? Warst Du bemüht, ihnen kund zu thun, wie sie als Juden und Staatsbürger sowohl untereinander als auch mit ihren Mitbürgern zu verkehren haben? Hast Du an dem Kampf gegen die Feinde meiner Kinder, die ihnen, wie ich höre, ihre Bürger- und Menschenrechte wieder nehmen wollen, regen Antheil genommen? Warst Du Mitglied irgend einer Gesellschaft oder eines Vereins zur Hebung und Förderung jüdischen Wiffens und jüdischer Bildung?" „Gewiß, gewiß, ich war Ehrenmitglied der „Chewra Schass“ habe eine „Chewra Mischuajoth“ begründet, habe meinen Beitrag an den Rabbiner-Verband gezahlt, habe —" „Schon gut, schon gut," — sprach Abraham, und zn Sara gewandt, sagte er leise: „Es ist eine „koschere" Seele, nur etwas beschränkt." Darauf wandte er sich zu den hinter ihm stehenden Engeln und sagte: „Führet den Rabbiner nach der zehnten Abtheilung, in das siebente Zimmer, neunzehnte Reihe." „Und wer bist Du, mein Sohn?" frug Abraham einen der sich ihm nähernden Schatten. „Ach, bitte, ehrwürdiger Vater," — antwortete die Gestalt ausweichend — „wo ist hier der Misrach')? Es ist nämlich höchste Zeit, Mincha zu beten, und selbst nach dem Tode möchte ich von meiner Gewohnheit, dreimal täglich zu beten, nicht abweichen. Wolltest Du mir aber gestatten, hier mit Minjaii?) zu beten, so wäre ich Dir besonders dankbar, da ich von meiner Kindheit an daran gewöhnt bin." „Nicht doch, mein Sohn," versetzte der Patriarch leutselig, „nach dem Tode ist der Mensch von der Ausübung der Gebote embundcn. Indeß ich freue mich über Deine Frömmigkeit und zweifle keinen Augenblick daran, daß Du auch, einen redlichen Lebenswandel geführt hast. Mit Vergnügen will ich Dir einen anständigen Platz im Paradiese auweisen, nur wäre es mir lieb, zuerst von Dir einige Punkte aus Deinem irdischen Leben zu vernehmen: Womit hast Du Dich dort beschäftigt?" „Mit Thora, Abodah') und Mizwoth-Thnn," lautete die stolze Antwort. „Wie ich mich noch erinnere," — sagte Abraham —, „kann inan jenseits davon allein nicht cristiren, man muß, um leben zu können, auch noch einen Nebenerwerb haben. Sage mir daher kurz," — fuhr Abraham ernsten Tones fort, wahrend sein Blick die fromme Seele verdächtig musterte, — „womit hast Du Dein Brod Dir erworben?" „Mein Brod!" — seufzte die Seele, die Augen gen Himmel richtend —, „ja, ich hätte mich schoir mit trockenein Brod begnügt, wenn nur meine Frau und meine Kinder feine größeren Ansprüche an das Leben gestellt hätten. Allein meiner Familie wegen war ich gezwungen, mir eine gesicherte, einträgliche Existenz zu gründen, und um nicht allzusehr im Studium der Thora und im Verrichten des Gebetes gestört zu werden, war ich darauf bedacht, ein leichtes Geschäft zu betreiben, das an und für sich ein wohlthätiges Werk war: Ich habe nämlich armen Leuten Geld geliehen und ihnen damit geholfen, daß sie sich ernähren konnten, und sie wiederum pflegten sich mir gegenüber dafür erkenntlich zu zeigen." „Du hast demnach gewuchert," — sprach Abraham, und seine Stirn legte sich in Falten —, „das ist in meinen Augen gar kein edler Beruf. Ich will indeß hoffen, das; Du, ein so frommer Mann, wie Du einmal warst, Deine Schuldner nicht allzusehr ausgesogeu hast. Wie theuer war Deine Gnade, mein Sohn, für die von Dir Unterstützten?" „Wehe mir," — seufzte die Seele —, „mein Herz war auch stets infolge dieses meines Berufes betrübt. Aber wie konnte ich mir anders helfen? Ich war dem Thorastudium und dem Gebete sehr ergeben und konnte daher Geschäfte, die mehr Zeit beanspruchen, nicht betreiben. Wäre ich sehr reich gewesen, so hätte ich gewiß den Armen Geld ohne jeglichen Zins geliehen; allein ich hatte ein kleines Kapital und eine große Familie, und war darum gezwungen, ein Prozent Zinsen zu nehmen." „Ein Prozent", — rief der Patriarch überrascht —, „das ist allerdings nicht viel, doch wie hast Du das berechnet? Ein Prozent für das Jahr oder für den Monat?" „Nein," — erwiederte die Seele kleinlaut —, „für die Woche." „Und eine solche Wucherseele," — rief Abraham mit vor Zorn bebender Stimme —, „wagt man mir vorzuführen? Wo ist der Engel, der diesen Heuchler in die Halle des Lichtes gebracht? Er hat sich gewiß von seiner jur Schau getragenen Frömmigkeit bestechen lassen, ich aber kenne in solchen Fällen keinen Scherz, keine Nachsicht." (Fortsetzung folgt ) Fitterarische Mittheilungen. Prof. Dr. Walter Pohlmann: Christen und Juden. Neuwied 1891. L. Heuser. — Seinen drei ersten Schriften hat der unermüdliche Vorkämpfer humaner Gesinnungen nunmehr noch eine vierte folgen lassen, die ebenso gediegen, geistvoll und energisch für das gute Recht der Juden gegenüber den antisemitischen Angriffen und Schmähungen eintritt. Statt aller Lobsprüche folge hier zur Charakteristik des Geistes, der die vortreffliche Arbeit durchweht, das wahrhaft erhebende Schlußwort des Verfassers im Wortlaut: „Ein Jahr ist verflossen, seitdem ich zum ersten Male die Feder ergriff, um mich am Kampfe gegen die heutige Judenverfolgung zu betheiligen. Es war mir ein Bedürfniß, der Empörung, die besonders das Schicksal des unschuldigen Xantener Inden in meinem Innern hervorgerufen hatte, Ausdruck zu geben. Ich wollte mir den Groll und 1) Osten. 2) Zehnzahl beim Gottesdienst. i) Gottesdienst.

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