Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1894)
- Date
- 1894-02-02
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
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58 mögen. Dagegen verfügte seine Mutter, die Kammerherrin, über ein kleines Kapital, welches sie von einem Verwandten in Holstein geerbt hatte. Eine geschöstsmüßige Unterhaltung mit dem künftigen Schwiegersohn bei Portwein und Havannacigarren im Privatkomtoir des Etatsraths beruhigte das Vaterherz voüständig. Trotz aller kleinen wohlwollenden Winke des Etatsraths kamen weder Geständnisse über einzulösende Wechsel an den Tag, noch verblümte Anspielungen auf die Auszahlung einer Mitgift. „Die Rachel hat sich wahrhaftig einen richtigen Romantiker eingefangen," dachte der schlaue, alte Etatsrath, indem er sich vergnügt die Hände rieb. Seine Eitelkeit war nicht wenig dadurch geschmeichelt, daß er einen christlichen Schwiegersohn bekam, was das Ideal vieler jüdischer Familien ist — und daß dieser Schwiegersohn von altem Adel und mit Len vornehmsten Familien des Landes verwandt war. Rachel hatte wirklich sehr vernünftig gewählt. Die Kammerherrin wurde von wilder Raserei ergriffen, als ihr Holger aus Kopenhagen seine Verlobung als ein fait accompli mittheilte und dazu um ihre Einwilligung bat — eine leere überflüssige Phrase in den Augen der erfahrenen Mutter. Hätte er ihr dcch vorher seine Gefühle mitgetheilt und sie um Rath gefragt! Aber diese unerwartete Selbstständigkeit — sie war gewohnt, jeden seiner Schritte zu leiten — diese Gleichgiltigkeit gegen ihre Meinung in einer so wichtigen Frage setzten sie in Erstaunen und beleidigten sie und verhießen nichts Gutes für die Zukunft. Er hatte einen festeren Charakter, als sie geahnt hatte. (Forts, folgt.) An der Pforte des Paradieses.') Von Albert Katz. Hl« n der Vorhalle des Paradieses herrscht ein reges Treiben, ein wildes Durcheinander. Unzählige Menschenseelen, die infolge hohen Alters, wüthender Seuchen oder ansteckender Krankheiten das Jammerthal Erde verlassen, werden von beschäftigten Engeln durch die Pforten des Himmels geleitet und in einer großen Vorhalle aufgestellt, wo sie der Patriarch Abraham der Reihe nach empfängt, nach ihrem irdischen Lebenswandel frägt und ihnen alsdann die für sie bestimmten Plätze im Paradiese anweist. Und die Seelen der Verstorbenen durchmeffen schattenartig zitternd die große Vorhalle und erwarten mit Sehnsucht und Ungeduld den Moment, wo sie, von Abraham angerufen, ihm näher treten dürfen. Doch sind es nur Seelen erwachsener Menschen, welche die Vorhalle des Paradieses betreten müffen, Kinderseelen dagegen, die doch rein von Schuld und Sünde, werden von dazu bestimmten Engeln an ihrem Sterbebett von den Armen des Todes aufgefangen und auf ihren Schwingen emporgetragen direkt ins lichte Paradies, wo ungetrübte Wonne und ewiges Licht und Leben herrschen. Auf einem schönen bequemen Großvaterstuhl sitzt der Patriarch Abraham und begrüßt mit frelindlichem Angesicht die sich ihm nähernden Seelen, während zugleich seine Augen prüfend auf sie gerichtet sind, als ob er mit seinem Blick ihre ganze Vergangenheit erforschen möchte. Zuweilen aber schüttelt er nachdenkend das Haupt, als frage er sich, wie ist das möglich, daß auch jene Seele, auf der sein Blick haften blieb, der Pforte des Paradieses sich nähern durfte? Sollte sie sich durchgeschmuggelt haben? Ja, ja die barmherzigen Engel scheinen doch oft übereilt zu handeln und in ihrem Eifer, die körperlosen Seelen ihrem Bestimmungsorte zuzuführen, nicht selten an Seelen sich zu vergreifen, die in die Hölle gehören. — Dem Patriarchen zur Rechten sitzt seine Frau Sara, die an seinem Berufe, die erscheinenden Seelen auf ihren irdischen Lebenswandel zu prüfen, regen Antheil nimmt, ihre Aufmerksamkeit besonders jedoch den Frauen zuwendet und deren Thaten und Werken gemäß die Plätze im Paradiese für sie bestimmt. In einem schwierigen Falle fragt Abraham seine Sara um ihre Meinung und beschließt fast immer nach ihrem Rathe; denn schon vor Jahrtausenden war das Wort Gottes an ihn ergangen: „In Allem, was Sara dir sagt, höre auf ihre Stimme." Hinter Abraham's und Sara's Stühlen stehen zwei Engel, von deren Schultern mächtig große Schlüssel herabhängen, um die Befehle des Patriarchen entgegenzunehnien und die abgefertigten Seelen auf ihren Bestimmungsort zu geleiteil. „Wer bist Du?" fragt nun Abraham einen der Schatten, der sich an seineil Stuhl herandrängte. „Ich bin ein alter Rabbiner," lautete die stolze Antwort. „Vierzig Jahre hindurch habe ich mein Amt versehen lind Tag und Nacht mich mit dem Studium der Thora befaßt. Ich habe Gottlob viele Vorschriften den Alten zugefügt und deil Zaun um das Gesetz bedeutend befestigt. So habe ich zum Beispiel nachgewiesen, daß man die Chomezkrümel am Rüstabend des Pcffachfestes mit den Fedcril aus einem Gänseflügel nicht zusammensuchen darf, sondern mit solchen aus einem Hühnerflügel." „Sehr schön, sehr schön," erwiederte Abraham mitleidig lächelnd — doch erzähle mir etwas von Deinem jenseitigen Wirken." „Ich habe mich — versetzte die Seele ein wenig selbstbewußt — viel mit der Auslegung der Thora beschäftigt. Durch logische Geistesoperationeil habe ich in einem kurz vor meinem Tode veröffentlichten Werke unwiderleglich nachgewiesen, daß schon Sem und Eber die Mizwah von „Erew Tawschilin" befolgt hätten, und daß Du, ehrwürdiger Vater, ebenfalls dieses Gebot wie alle anderen 613 Gr¬ und Verbote der Thora beobachtet habest." Ein schalkhaftes Lächeln umspielte den Mund des Patriarchen, als der Rabbiner in seinem Bericht inne hielt. Dann aber fuhr er mit ernster Stimme fort: „Du hast mir noch immer nicht gesagt, welche gute Werke Du ausgeübt, was Du für Deine Gemeinde, für Deine Stammesgenoffen geleistet hast. Ich bitte Dich, halte mich doch nicht allzu lange auf, erzähle mir nicht von untergeordneten Dingen, nenne mir Thaten!" Der alte Rabbiner wird ärgerlich und antwortet: „Ich glaube doch, Dir so ziemlich Alles gesagt zu haben, und nach meiner Ansicht waren es keine untergeordneten Dinge, mit denen ich mein irdisches Leben ausgefüllt." „Bewahre!" beeilte sich Abraham ihn zu berlchigen, „ich wollte Dich nicht kränken. Ich halte Dich für einen, zweifellos frommen, gottesfürchtigen Mann, wie alle diejenigen es sind, die mir vorgeführt werden. Gerade hier weiß man diejenigen zu schätzen, die sich mit der Thora aus Liebe zu ihr selbst befassen. Doch Du warst Rabbiner, Führer einer Gemeinde; die heiligen Schafe uuterstanden Deiner Obhut, und darum möchte ich wissen, in welcher Weise Du bemüht warst, Deine Pflicht als Hirte zu erfüllen. Du mußt mir aber deswegen nicht zürnen; es ist nicht Neugierde, sondern meine Pflicht, die Rabbiner, wenn sie vor mir erscheinen, zu fragen, was sie für ihre Gemeinden gethan; denn sie sind die Führer des Volkes, sie müssen sich um sein Wohl und Wehe kümmern, für den Frieden in seiner Mitte sorgen und darauf achten, daß sie „koscher" leben". J) Frei nach dem Hebräischen.