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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-02-02 · Heft 5 (2.2.1894) · p. Seite 57

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 5 (2.2.1894)
Date
1894-02-02
Page
Seite 57 (sequence 9)
Language
German
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57 »ach dem Süden hierher zurückkehre, habe ich immer das Gefühl, als wäre ich ein Jahrhundert in der Zeit zurückversetzt und befände mich in einem kleinen deutschen Fürstenthum vor der großen Revolution. Der thörichte Standeshochmuth, die lächerliche Rangklassenordnung, welche an die Spielereien der Chinesen erinnert, die widerliche Hyperloyalität, die veraltete klemdeutsche Hofetiquette — alles dies vervollständigt den Eindruck." Holger erröthete flüchtig, als er seines Titels gedachte. Seine stolze Mutter war es gewesen, die ihn durchaus zum Hofjägermeister gemacht haben wollte, denn dieser Titel war ja der Uebergang zu demjenigen des Kammerherrn. Sie bemerkte seine Verwirrung nicht, sondern fragte plötzlich, mit ihren eigenen Ideen beschäftigt:, „Halten Sie die Dänen für fähig, eine blutige Revolution in Szene zu setzen, welche an diejenige von 1848 in Paris und Berlin erinnert? Ich nicht. Die dänische Geschichte hat, was sehr charakteristisch ist, auch keine Revolution aufzuweisen, denn den kleinen Putsch der norwegischen Matrosen unter Struensee zähle ich nicht. Dennoch aber sind die Dänen tapfer, sie haben es öfter als einmal bewiesen und selbst ihren Feinden Bewunderung abgenöthigt." „Wir sind vielleicht bei aller Tapferkeit zu phlegmatisch, zu loyal, wie Sie vorhin selbst bemerkten." Es fiel ihm auf und berührte ihn peinlich, das Rachel von Dänemark sprach, als ob sie keine Dänin sei, sondern einer andern Nation angehörte. Betrachtete sie das kleine schöne Land nicht als ihre Heimath? Fehlte es ihr an Vaterlandsliebe, was man ihrer Rasse immer zum Vorwurf macht, oder hatte sie vielleicht wegen! ihrer Rasse Unrecht leiden müssen, über welches sie nun grollte?! „Ja, ich bin hier ein Fremdling," sagte sie wehmüthig, als ob; sie wieder seine Gedanken läse. „Sie sind aber doch hier im Lande geboren, Fräulein." „Ja," antwortete sie kurz und sah ihn stolz an, als hätte er ihr l eine Unart gesagt. Sie schien jedoch im nächsten Augenblick besänftigt und ihm eine Erklärung geben zu wollen, beschränkte diese jedoch : schließlich darauf, beinahe hart zu sagen: > „Mein Vater ist auch hier geboren, aber was nutzt das?" 1 Er fühlte, das; er einen Gegenstand berührt hatte, der ihr peinlich war. i Plötzlich sagte sie mit einem Lächeln, welches doppelt bezaubernd i war, weil es so selten war in diesem ernsten, jungen Gesicht: j „Jetzt will ich Ihnen etwas Vorspielen. — Sie lieben ja deutsche - Musik, und man sagt ja, daß die Töne alle Disharmonien lösen." Sie setzte sich an de» Flügel und trug das merkwürdige Stück von Schumann vor, welches der Meister Florestan und Eusebius genannt hat — ein musikalischer Jannskopf, in welchem sich abwechselnd die Geister der Melancholie und der Lebensfreude zeigen. Mitten im Spiel hielt sie inne und wandte sich, ohne das Piano zu verlosten, mit einer anmüthigen Bewegung des Kopfes zu ihm: „Welche Pläne haben Sie für den Sommer? — Reisen Sie vielleicht nach Norwegen? — Es ist ja jetzt das Modeland für die Touristen." „Nein, wir bleiben ruhig zu Hause in Rosengaard. Es kann sein, daß ich im Herbst eine Reise mit meiner Mutter mache, vielleicht nach der Riviera, Rom und Neapel." „Ach, wer mit Ihnen gehen könnte!" sagte sie unwillkürlich, indem sie einen Akkord anschlug. „Rom - die Riviera —" Er machte, ohne es zu wiffen, eine leidenschaftliche Bewegung, als wollte er ihre Hand ergreife», um sie niemals wieder loszulaffen. „Wenn Sie wüßten, welche Erinnerungen diese Namen bei mir erwecken ... Es ist mir, als ob mich eine liebe Stimme ans weiter Ferne riefe. In Rom habe ich zwei Winter verlebt, die schönsten und inhaltreichsten meines Lebens, reich an Freude und reich an Schmerz ... Damals lebte ich — jetzt vegetire ich — das ist der Unterschied." Sie schlug ein paar wehmüthige Akkorde mit südländischem Kolorit an — es waren vielleicht italienische Volkslieder — und schloß dann plötzlich mit einer schrillen Distonanz. „Sie phantasiren, glaube ich," flüsterte er, durch ihre Rede, ihr Spiel, ihren Blick und ihr ganzes originelles Wesen.gefesselt. „Oh, fahren Sie fort, zu spielen, es klang so schön und so traurig . . . Schumann hört man oft genug, aber Sie dagegen . . ." Sie schloß das Klavier und erhob sich. „Besuchen Sie uns übermorgen Abend. Wir haben dann eine kleine Gesellschaft, in der Sie mehr als genug Musik hören werde». Wagners Zukunftsmusik steht auf dem Programm. Es wird ein großer Theil von Lohengrin gespielt." „Leider muß ich übermorgen nach Rosengaard zurückkehren." Sie sah ihn mit den großen sammtschwarzen Augen an, in deren Tiefe ein Strahl der brennenden Sonne des Orients leuchtete — sie glichen einem Stiefmütterchen mit goldenem Kelche. — „Aber was hindert Sie, Ihre Reise aufzuschieben?" und leiser, mit einem verführerischen weichen Klang in der Stimme fügte sie hinzu: „Wenn ich Sie darum bitte." Er drehte seinen Schnurrbart und verbeugte sich als ihr demüthiger Sklave: „Sie haben über mich zu befehlen, mein gnädiges Fräulein." IV. Kurze Zeit darauf wurde die Verlobung des Hofjügermeisters von Brock auf Rosengaard mit Fräulein Rachel Joachim veröffentlicht. „Er hat den Vogel abgeschossen," sagten die Herren. „Sie hat wenigstens eine halbe Million. Der Etatsrath ist ja kolossal reich, und er hat nur zwei Kinder, welche das Vermögen theilen. Die Damen der Aristokratie sprachen von Mesalliance. „Ihr Großvater hatte einen kleinen Kramladen in der Skindergade." — Es gab Manche, welche sich noch des alten kleinen Lazarus erinnerten mit den langen Ohrenlocken, wie sie die polnischen Juden tragen, und dem kaffeebraunen, fettglänzenden Kawai, den er Winter nnd Sommer trug. — „Und dann ist sie nicht allein der Rasse, sondern arich dem Glauben nach Jüdin. Sie ist ja nicht einmal getauft!" Viele beklagten von Herzen die alte Kammerherrin, welche mit einer so plebeischen und unchristlichen Schwiegertochter stürlieb nehmen sollte. Die ganze Welt wußte, daß es der Lieblingsplan der Kammerherrin gewesen war, ihren Sohn mit der jungen Baronesse Dagmar Svale, der einzigen Tochter eines Gutsbesitzers in der Nähe von Rosengaard, zu vermählen. Beide waren zusammen ausgewachsen und paßten in Bezug auf Rang und Familie vorzüglich zusammen. Die junge Baronesse galt außerdem für eine reiche Erbin. Die Verlobung war auch nicht ohne Schwierigkeiten;u Stande gekommen. Die Verlobten fanden von Seiten beider Familien Widerstand. Der Etatsrath, der ein ebenso zärtlicher Vater wie kluger Finanzmann war, untersuchte erst in aller Stille Herrn von Brocks ökonomische Verhältnisse, bevor er, nicht ohne Bedenken, seine Einwilligung gab. Er fürchtete, daß der junge adelige Hofjägermeister nur ein gewöhnlicher Glücksjäger sein möchte, der sich nur in sein Haus hatte einführen lassen, um zur Tilgung seiner Schulden eine gute Partie zu machen. . Die Nachrichten, welche er unter der Hand bekam, waren jedoch einigermaßen zufriedenstellend. Rosengaard war allerdings mit einigen Hypotheken belastet, konnte diese jedoch sehr gut tragen, wenn es vernünftig und ökonomisch bewirthschaftet wurde. Außer dem Gute besaß Holger kein Privatver-

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