Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1894)
- Date
- 1894-02-02
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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56 urtheilen sie besagten Anthoine (zu folgender Strafe): er soll gefestelt auf den Platz Ptainpalais geführt, dort an einen oberhalb eines Scheiterhaufens errichteten Pfahl gebunden und auf die gebräuchliche Weise erdroffelt und sodann zu Asche verbrannt werden. So soll er sterben, um Anderen, die Gleiches begehen wollen, als warnendes Beispiel zu dienen. Sein Vermögen werde zu Gunsten des Rathes eingezogeu. Der Herr Lieutenant erhält den Befehl, gegenwärtiges Urtheil gebührend und ganz vollstrecken zu lassen." Kaum >oar das Urtheil gesprochen, so begab sich die gesammte Geistlichkeit in corpore zum Rathe und bat um Aufschub. Vergebens. Antoine sollte noch an demselben Tage sterben. Er ging freudig in den Tod, indem er heiße Gebete zum Gotte Abrahams emporsandte. Dies geschah im Jahre 1632, also zu derselben Zeit, wo in Deutschland der dreißigjährige Religionskrieg wüthete. Aber eine bessere Zeit war im Anzuge. In demselben Jahre 1632 wurden zwei Männer geboren, welche auch als Vorkämpfer der Gewissensfreiheit ihre Namen unsterblich gemacht haben: John Locke und Baruch Spinoza. Freilich dauerte es noch lange, ehe solche Grundsätze im Staate Eingang fanden. Als Beck sein Judenrecht schrieb (1741), war der Uebertritt zum Judenthum noch ein todeswürdiges Verbrechen. Auch das im Jahre 1768 für die österreichischen Erblande publizirte Strafgesetz, die Oonstitutio Theresiana, bedrohte den Abfall von der Kirche mit Tod und Vermögenskonfiskation. Erst die französische Revolution brachte mehr Freiheit. Das von den Revolutionsideeu stark beeinflußte Allgemeine Landrecht gab jedem Preußen das Recht, die Religion zu wechseln. *) Aber Kabinetsordres aus den Jahren 1814,1818 und 1834 verboten wiederum den Uebertritt zum Jndenthum, bis endlich die Verfastnng vom 31. Januar 1850 die Frage endgültig zu Gunsten der Religionsfreiheit entschied. Den Oesterreichern brachte das Jahr 1868 dieselbe Freiheit, und sie machten davon einen so ausgiebigen Gebrauch, daß von 1868 bis Ende 1887 in Wien allein 1523 Christen zum Jndenthum übertraten?) In der andern Reichshälfte ist man gerade jetzt dabei, die Religionsfreiheit durchzuführen. Das heilige Rußland freilich wird sobald nicht Nachfolgen; es ist aber auch schon jetzt der einzige christliche Staat, welcher den Abfall von der Staatskirche als Verbrechen bestraft?) w w I— iimmtin', IMMM M I H FEUILLETON 1 I 6-1 1— |- ------.-■-—| Jü Hiuiinnimiiiggz iIHfflWülmmZSs Nie Jüdin. Erzählung von John P a u l s e n. (Fortsetzung.) ist freundlich von Ihnen, daß Sie uns besuchen, Sie müffen ' ■hOc) aber leider mit meiner Gesellschaft fürlieb nehmen. Mein v ' Vater ist im Comtoir, und Tante ist mit Judith spazieren gegangen." Er dachte bei sich, daß' er es sich nicht bester hätte wünschen können, und ohne daß er es wußte, ruhte sein Blick lange und ivarm auf ihr. Sie trug heute ein einfaches schwarzes Kleid von elegantem ') A. L.-R., Theil II, Titel 11, § 40. 2) G. Wolf, Zur Kulturgeschichte in Oesterreich-Ungarn. Wien 1888 S. 68. :!) Leroy-Beaulieu, l’empire des Tsars, tome III. Paris 1889, p. 375. Schnitt ohne jeden Schmuck. Ihre Wangen hatten heute einen rothen Schimmer und ihre Augen einen warmen Glanz. . . Es lag etwas Festliches in ihrem ganzen Wesen. . . Sie kam eben aus dem Reich der Töne, in dem sie einen Beethoven als Dolmetscher für ihre edelsten Gedanken, ihre schönsten Gefühle gehabt hatte. „Waren Sie gestern im Konzert?" fragte sie, nachdem sie Platz genommen hatte». „Nein, gnädiges Fräulein. —" „Dann haben Sie viel verloren. — Man hat nicht alle Tage Gelegenheit, einen Rubinstein zu hören. . . Er spielt wie Niemand weiter in der Welt. Es liegt eine dämonische Wildheit, eine beinahe brutale Leidenschaft in seinem Vortrag. . . Man ist zuerst förmlich geblendet und erst später wagt nian zu kritisiren und sich zu fragen, ob der Virtuos nicht zuweilen auf Kosten des Künstlers siegt. . . Ich habe Rubinstein übrigens schon früher gehört, es war vor zehn Jahren in Italien. . ." Er blickte sie forschend an, und als ob sie seine Gedanken errieth, antwortete sie mit leisem Lächeln: „Ich war damals sechzehn Jahre alt, es war meine erste Reise ins Ausland." Es war leicht, ihr Alter zu berechnen — sie war fünf Jahre jünger als er. „Wie gefiel Ihnen Italien? — Wurden Sie auch davon bezaubert?" „Ich lebte dort wie im Traum. . . Italien ist das einzige Land, welches werth ist, daß man darin lebt. — Alles ist dort vollkommen, Natur und Menschen. . . Die schöne Vegetation und das schöne Volk paffen zusammen." Sie erhob die gedankenvollen schwarzen Augen zu einem Gemälde an der Wand, einer reizenden Landschaft von Sorrent — und ließ den Blick lange darauf ruheu. . . „Ja, im Süden war ich glücklich, nur da ..." Sie schien, in alte, nicht ungemischt glückliche Erinnerungen vertieft, einen Augenblick seine Gegenwart vergeflen zu haben. . . Ihr Auge trübte sich und ihre feinen Lippen bebten. . . „Wenn ich Sie recht verstehe, gnädiges Fräulein, fühlen Sie sich nicht glücklich in unserm kleinen kalten Dänemark?" „Nicht sehr — jedenfalls nicht hier in Kopenhagen. Es ist entsetzlich kleinstädtisch — man könnte ebenso gut in Aarhus oder Odense wohnen — und ich liebe das kleinstädtische Leben nicht. . . Man lebt hier wie in einem Glashause. . . Alle Menschen kennen einander, reden über einander und urtheilen dreist über die intimsten Verhältnisse ihrer Nächsten. Man lebt hier von Hofneuigkeiten, Theaterneuigkeiten und kleinen Skandalen. . . An Alles legt man denselben Maßstab. „Ist es amüsant oder ist es nicht amüsant?" Ueber diese Frage geht man nicht hinaus. . . Es scheint, daß die großen Wogen des Fortschritts unserer Küste nicht nahen oder sie so langsam erreichen, daß sie auf dem Wege hierher im Sande zerschellen. . ." Sie seufzte und sah durch das Fenster mit den dicken rothen Sammtgardinen zu dem grauen, trüben, schmutzigen Winterhimmel empor. . . Er fand sie etwas zu philosophisch. Frauen brauchten nicht soviel zu denken, meinte er. Sie sollten nur hübsch sein und zu lieben verstehen, voilä taut. „Ja, vielen Sonnenschein und Wärme haben wir hier nicht," sagte er laut — er war der Richtung ihres Blickes gefolgt. „Das könnten wir im Nothfalle entbehren, wenn man wenigstens von diesem kleinstädtischen Klatsch, dem Protzenthum, der Vornehmthuerei, dem Jagen nach Rang und Stand und allen altmodischen Vorurtheilen verschont würde. . . Wenn ich von meinen Reisen