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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-02-02 · Heft 5 (2.2.1894) · p. Seite 52

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 5 (2.2.1894)
Date
1894-02-02
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
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52 den Angriffen, welchen sie in ihrer Eigenschaft als Juden ausgesetzt sind. Es geht ein schaffensfreudiger, ernster, arbeitsamer Zug durch unsere Glaubensgenoffen in Deutschland. Das wüste Treiben der Antisemiten, welches vor der klaren Darlegung ihrer begehrlichen Zwecke und Ziele nicht mehr zurückschreckt, hat auch dem blödesten Auge die drohende Gefahr gezeigt. Vergessen ist Alles, was uns getrennt; man fragt nicht mehr, ob Jemand orthodox, gemäßigt oder Reformer ist, sondern man findet sich zusanimen zu gemeinsamer Abwehr, zu Vertheidigung aller derjenigen Güter, welche jedem Juden heilig sind. Abgesehen von der selbverständlichen Hingabe, mit welcher unsere an erster Stelle berufenen Geistlichen und Lehrer sich dieser Aufgabe widmen, sind es aus dem Laienelemente vornehmlich Männer der sogenannten befferen Kreise, welche mit Wärme und Eifer, auch mit mehr oder weniger Geschick und Erfolg an diesen Bestrebungen sich betheiligen. Es giebt aber noch immer eine Menge von Leuten, welche allen diesen Bestrebungen nicht nur indifferent und apathisch gegenüberstehen, sondern gradezu bekennen, daß sie alle diese Versuche für nutzlos oder gefährlich halten. Soweit diese Kritik auf persönliche Bemängelung der jeweiligen Leiter der Bewegung gestützt wird, entzieht sie sich allgemeiner Beurtheilung. Wenn diese Männer sich eifersüchtig dagegen verwahren, daß dieser oder jener „man" sie retten oder die Vorsehung für sie spielen wolle, so giebt es für einen derartigen Standpunkt eigentlich nur ein Achselzucken. Mögen die Herren Kritiker sich nur einmal an dem geschmähten Werke des Rettung- und Vorsehung - Spielens thatkräftig betheiligen, so werden sie bald empfinden, daß dieses Spiel Ehren, Würden und Annehmlichkeiten nicht einbringt, wohl aber Arbeit in Hülle und Fülle gebieterisch verlangt. Sobald indeß die Opposition, wie es häufig namentlich von geistig bedeutenden Männern geschieht, auf sachliche Momente gestützt wird, verdient sie ernsthafte Prüfung und Widerlegung. Ein Hauptgrund der scheuen und ängstlichen Zurückhaltung ist die Erwägung, welche man gleichlautend an vielen Stellen hört, daß der Antisemitismus eine Krankheit sei, welche ihre Zeit haben müsse. Es sei nutzlos, dagegen anzugehen. Hält man das Bild einer seuchenartig auftretenden Krankheit fest, so zeigt sich, daß entschloffene und umsichtige Vorsichtsmaßregeln selbst Z der Cholera Abbruch und Einhalt thun konnten. Und was bei der Cholera sich wirksam gezeigt, sollte bei einer geistigen Seuche nicht helfen? Allerdings die von dem Antisemitismus Ergriffene» wird Niemand bekehren können und wenn er mit Engelszungen redete. Bei denjenigen welche durch den Antisemitismus als Litteraten oder Redner aus Entreegeldern und Honoraren ihren Lebensunterhalt finden, ist ohne Weiteres klar, daß sie gar nicht überzeugt sein wollen, sie würden ja selbst ihre Existenz untergraben. Auch diejenigen, welche den Antisemitismus nur aus politischem Ehrgeiz oder als Sport betreiben, und selbst die leider nicht zu unterschätzende Anzahl von Anhängern, welche in einem übertriebenen und deshalb krankhaften Nationalgefühl den Bestrebungen der Antisemiten beipflichten, iverden sich nicht beeinfluffen laffen. Ihnen wird und muß die Zeit die Augen öffnen, wenn die Theorien von der Vertreibung der Juden, der Theilung ihrer Güter u. s. w. einmal in praktische Wirklichkeit umzusetzen der Versuch gemacht wird. Aber wie verschwindend klein ist die Zahl dieser Leute gegenüber der Masse von Menschen, welche dem Antisemitismus gleichgiltig, uninteressirt, tyeilnahmlos gegeiiüberstehen. Auf diese einzuwirken, diese vor der Ansteckung und Jnfizirung zu bewahren, haben wir Recht und Pflicht. Darum muß den Agitatoren in jeder Versammlung entgegengetreten, jeder Artikel berücksichtigt und erwiedert werden. Auf jede Lüge die Wahrheit, auf jede Uebertreibnng und Verallgemeinerung die Klar- und Richtigstellung, auf jeden groben Klotz ein noch gröberer Keil! Eine harte, unangenehme und anstrengende Arbeit, welche Geist, Gewandtheit und Takt, zuweilen auch ein recht dickes Fell erfordert. Aber sie muß erfolgen, denn noch hat das Wort von dem calumniare audacter, seniper aliquid haeret nichts von seiner Wahrheit eingebüßt, und die widerspruchslos gebliebene Wiederholung selbst der handgreiflich unwahrsten Behauptungen kann eine Anzahl der bislang Uninteressirten stutzig mache» und zu den Gegnern herüberziehen. Daruni ist die äußere Abwehr, welche durch Redner, durch die Presse und durch Flugblätter erfolgt, unumgänglich nothwendig und, soweit sich bis heute übersehen läßt, auch in vielen Theilen unseres Vaterlandes schon von Erfolg gewesen. Das beste Zeugniß geben hierfür die antisemitischen Führer selbst, welche offen bekennen, daß ihrer Agitation auf solche Weise wirksam entgegengetreten wird. Eine weitere Klage und Besorgniß ist die, daß die Abwehrbestrebungen sich in dieser äußeren Abwehr erschöpfen und zu wenig Gewicht darauf legen, eine wirksame Abstellung begründeter Vorwürfe und Ausstellungen zu versuchen. Dieser Besorgniß ist eine gewisse Berechtigung nicht abzusprechen. Verfallen die Antisemiten in ihren Anzapfungen in den verwerflichen Fehler der grundlosen Verallgemeinerung, so fehlt in unserer Mitte manchmal der klare Blick dasür, daß gewisse Erscheinungen in ihrer häufigen und gleichartigen Wiederkehr die Verallgemeinerung nahe legen. Man kann das beklagen, aber nicht leugnen. Die traurige» Vorgänge in den Prozessen des abgelaufenen Jahres in Berlin, Hannover und Hamburg bieten überall das typische Bild, daß Juden in der Sucht nach mühelosen Erwerb in verbrecherischer Weise auf Kosten ihrer Mitbürger sich zu bereichern suchen. Das; die Antisemiten aus dieser Wiederkehr gleichartiger Erscheinungen Kapital schlagen, ist nicht verwunderlich. Gegenüber diesen bedauerlichen Vorgängen hilft kein Bemänteln und kein Beschönigen. Es muß mit größerer Entschiedenheit als bisher öffentlich, klar und deutlich immer wieder gesagt und betont werden, daß wir diese Vorkommnisse schmerzlich beklagen, daß wir als Juden die in diesen Prozessen aufgedeckten Handlungen mehr noch verabscheuen als unsere christlichen Mitbürger. Verkehrt wäre m. E. der Standpunkt, daß wir als Juden doch nicht dasür verantwortlich sind, daß das Judenthum, welchem die in den drei Sensationsprozeffen Betheiligten vielfach nur dem Namen nach angehören, an diesen Exzessen völlig schuldlos ist, daß . . . die Christen doch auch Verbrechen begehen in schlimmerer Form und größerer Anzahl, und daß die Christen den Pranger nicht allein gepachtet haben. Jeder von uns wird schmerzerfüllt auf die Anklagen in dieser oder ähnlicher Form geantwortet und darauf hingewiesen haben, daß der Druck von Jahrhunderten diese Uebelstände gezeitigt > hat, daß Jahrhunderte nothwendig seien, um sie wieder auszumerzen, er wird aber, wenn er diese Vorgänge mit christlichen ruhigen und besonnenen Männern besprach, stets gehört haben: ja, es muß aber aus Eurer Mitte heraus etwas dagegen geschehen; es muß der nun einmal bestehende Argwohn, als ob diese Handlungen, weil sie von Juden begangen, entschuldigt oder gar beschönigt werden, durch die That entkräftet werden. Dies zeigt den Abwehrbestrebungen den Weg. Das nutzlose Klagen und Protestiren gegen ungerechte Verallgemeinerung muß aufhören und einer wirksamen Arbeit Platz machen. Eine Einwirkung der Gesammtheit durch ihre offiziellen Verbände, etwa in Form von Ehrengerichten und dergl., erscheint als ansgeschloffen. Der einzelne Glaubensgenoffe, Jeder von uns ist zur That berufen! Den leichtfertigen Vorwurf pharisäischer Ueberhebung und übelangebrachter

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