Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1894)
- Date
- 1894-01-26
- Page
- Seite 48 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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48 „In, ich habe es gelesen." „Er ist jetzt Parlamentarier und hat den Lehrerberuf an de»ü Nagel gehängt." „Kein Nachtheil für den Berns." „Meine ich auch!" Das Pferd zog an. Raphael lüstete den Hut und vorwärts ging es dem Städtchen zu. Von seinen Klassenbrüdern fand er in Lauborn Keinen mehr. Sie waren Alle etwas geworden. Bodenbender war Referendar und stand vor dem Assessor, Schaller, Ruß und Sommersaat waren Pastoren, Schmalz war Gyninasiallehrer und Södel war an der Universitätsbibliothek in Gießen Hilfsarbeiter. Nur er war ans der Laufbahn gedrängt worden. Er war nichts und doch ebenso befähigt gewesen wie die Andern. „Goldschmivt," rief ihn ein Bürger in der Bohnengosse an, in die er eben eingebogen war. „GolÜschmidt, haste >n Stoff zu.ere Sonntagshos' bei der?" „Jawohl!" Er lies; den Wagen halten und trat in das Hans. Eine gewisse mathematische Thätigkeit war cs auch, wenn er dem Bauer den Stoff abmaß und berechnete; leider eine sehr untergeordnete. Raphael aber ertrug Alles mit größtem Gleichmnth, sein verfehltes Leben und sein verlorenes Glück. Manchmal dachte er wohl j darüber nach, auch Recha's Bild trat ihm bisweilen vor die Seele, aber die Tagcsarbeit verscheuchte schnell diese Gespenster. Er hatte mit dem Leben abgeschlossen, nichts als sein bescheidenes, tägliches Brod verlangte er. Seine einstige Geliebte dachte anders. Sie hatte sich in der Großstadt schnell acclimatisirt. Droschke fahren gefiel ihr bald besser als laufen, und Ehampagner prickelte angenehmer als Bier. Mit einem Wort, sie spielte sich immer mehr auf die große Dame hinaus. Um ihre Wünsche leichter erfüllt zu sehen, reichte sie einem alten Herrn die Hand, der sie mit verschwenderischem Luxus umgab.! Die elegante Dame lächelte ihren Gemahl immer gelangwcilt an, wenn er von Liebe sprach. Sie konnte nicht mehr lieben. .. . Nur einmal hatte sie geliebt. ... Einmal, als sie mit dem schlichten, scheuen Gymnasiasten im schweigenden Bergwalde spazieren ging an jenem lauen Jnniabende. Ach was, Kindereien . . . Karriere! Wer Geld hat, braucht keine Liebe. Raphael aber hatte keins von beiden. Fitterarische Mittheitimgen. ----- M. Ries. Ein Schidduch aus Liebe. Humoreske aus dem jüdischen Volksleben. Verlag von I. Kauffmann, Frankfurt a. M. 1893. Es ist ein interessantes Bild, das der Verfasser in dieser 126 (80) Seiten umfassenden Erzählung entrollt. Er macht uns mit zwei jungen Mädchen aus einem kleinen Städtchen in der Provinz Posen bekannt, die gern heirathen möchten, die eine jedoch nur aus Liebe, die andere, wenn auch durch die Hilfe eines „Schadchens". Dem Vater der Liebebedürftigen wird von einem Breslauer Heirathsvermittler eine Partie aus Breslau mit einem Lederhändler, Namens A. Levy, vorgeschlagen, zu welchem Zwecke der biedere Kleinstädter sich nach Breslau begiebt. Die Tochter fährt mit, sie darf aber den Zweck seiner Reise nicht erfahren. Die Eindrücke, die der Heirathskandidat auf den „Mechuten" macht, der sich ihm als Lederhändler aus Kempen vorstellt, sind nicht die günstigsten, und er fährt unverrichteter Sache nach Hause. Die Tochter bleibt indeß bei Verwandten in Breslau zurück und macht gelegentlich eines Festes in dem Verein „Gesellschaft der Brüder" die Bekanntschaft eines Lederhändlers A. Levy, der sich in sie bald ernstlich verliebt. Ihr Wunsch ist nun erfüllt, und in einem überschwenglichen Brief macht sie ihren Eltern davon Miltheilung. Da aber ihr Vater „Awrohm" des Deutsch- Lesens und -Schreibens nicht kundig ist, muß ihm die Freundin der Tochter in der Noth beistehen. Sie thut es auch; aber als sie den Namen A. Levy liest, mit dem sie, wie sie sicher weiß, sich verloben sollte, entfällt ihr der Brief aus den Händen und, empört darüber, daß die treulose Freundin ihr den Bräutigam weggeschnappt, verläßt sie wuthschnaubend das Haus. Indeß stellt sich^bald heraus, daß hier ein Mißverständniß waltet, und die beiden Freundinnen reichen sich auf's Neue versöhnt die Hand, selig in dem Bewußtsein, daß Jede nun ihren eigenen Levy hat. Die Schilderung der in der Erzählung handelnden Personen ist als eine gut gelungene zu bezeichnen,,und wir können diese Humoreske als eine solche in wahrem Sinne des Wortes empfehlen. . . . iz. *&pvsd)faal. Hochgeehrter Herr Redakteur! iXkeftatlen Sie nur einige Ergänzungen und Berichtungen zu dem Aufsatz des Herrn Dr. Babad: Die Juden in Salonik rc in j Nr. 51 Ihrer geschätzten Wochenschrift. 1. Der auf Seite 607 geschilderte „Rosenkranz", türkisch tispi genannt, ist in der ganzen Türkei üblich und gilt nicht nur als Spielzeug, sondern als Zeitvertreib. Nicht nur die Katholiken, sondern auch die Mohammedaner haben täglich eine bestinnnte Zahl von Suren herabzulesen, wenn sie ihrer Pflicht uachkommen wollen. Ja, es ist höchst wahrscheinlich, daß die Kreuzfahrer bei ihrer Rückkehr aus dem Morgenlande diese orientalische Sitte bei den Christen des Occidents eingeführt haben. Nicht nur das Wort „Wie es sich.christelt, jubelt es sich", ist wahr, sondern die Juden haben überall im Lande, in dessen Milte sie lebten, deren Sitten und Unsitten angenommen.! 2. Wenn der zur Thora Gerufene auf seinen Platz zurückgekehrt, werden ihm die zwei Worte chasak-baruch (sei stark und gesegnet) zugerufen; aber auch wenn der zur Thora Gerufene den Almemor besteigt, wird ihm von der versammelten Gemeinde bekhabod (in Ehre) zugerufen; denn wir dürfen bei den Sefardim nie vergessen, daß wir mit Nachkommen aus dem Lanve der Hidalgos zu thun haben. 3 Das vor vier Jahren in Wien von Josef Schlesinger veröffentlichte Machsor nach dem Ritus der Sefardim enthält im 1. Theile (für Rosch-haschana) nicht nur die von Herrn Dr. Babad erwähnte Piece de resistance: Unethane tokef (Und wir wollen die Macht preisen) im hebräischen Text, sondern auch in einer guten spaniolischen Uebersetzung (Blatt 66 56). Ja, selbst in dem Machsor für den Versöhnungstag (Theil 2, Blatt 67-68) findet sich dasselbe Gebet mit der^Bemerkung: Pijjut kadosch wenora (ein heiliger und furchtbarer Pijjut). Ich bemerke beiläufig, daß dieses Maä)sor der Minhag Sefarad bi’k’hilloth k’doschoth Konstantina umedinotli Misracli umaarab v’llalia (nach dem Ritus der Sefardim in den heiligen Gemeinden Konstantinopels und den Provinzen des Orients und Occidents sowie in Italien) ist. * Wollen Sie gef. auch folgende störende Druckfehler in Nr. 1 p 12 Col. 2 berichtigen: Statt diakritisch ist irrthümlich diakretisch gesetzt worden. Statt ebreica ist ebraica zu lesen, statt qia — ^iä; statt noloche — noto che; statt muß es heißen statt pacco ist zu lesen l8acco; statt Ibria lies Uria; statt proffeziscono ist zu lesen profferiscono; schließlich statt Kamena zu lesen Kamma. Hochachtend Sofia, 14. Januar. Dr. M. Grünwald. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.