Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1894)
- Date
- 1894-01-26
- Page
- Seite 47 (sequence 11)
- Language
- German
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47 Als Raphael am Donnerstag früh in die Klaffe kam, beinerkte er eine gewaltige Bewegung. Bodenbender stand lächelnd in der Ecke am Ofen. „Na, Juddebub," begann er, „jetzt haben wir Dich, nun is aus mit dem Rewe." Raphael that, als hörte er nichts. Schmalz zog ihn zu sich heran und sagte: „Der Bodenbender hat uns angezeigt mit der Mathematik. Wir leugnen Alles rundweg, hörst Du! Abgefaßt ist Keiner, Dein Blatt ist vernichtet." Raphael wurde blaß. Bodenbender warf leicht hin: „Wartet's nur ab. Ich bin bester unterrichtet. Leugnen hilft nichts. Den Juden schaff' ich heraus aus der Penne, er soll schachern geh',,. Wie mainste, Raphaelche, was werd der Tateleben gucke über so e Sohn, e Betrieger. Sage werd er, das hat er von mir, is er doch e Israelit!" Schaller trat jetzt dicht vor Bodenbender hin. „Wenn Du jetzt Dein giftiges Maul nicht hältst, prügeln wir Dich lederweich, infamer Sykofant!" Eben zog der Kaichbeul draußen die Glocke. Die Schläge fielen schwer auf Raphaels Herz. Nicht an sich dachte er, an seine armen, alten Eltern. Nun hatten sie gesorgt und gedarbt für ihn, endlich sahen sie das Ziel vor Augen, und nun brach Alles zusammen. Jetzt wurde die Klassenthür aufgeriffen, und der Direktor in Begleitung des Dr. Ramsbeck trat ein. „Hinsetzen," sagte er kurz. Er vergaß das Beten, eine große Seltenheit, eine furchbare Aufregung beherrschte ihn. „Goldschmidt und die Abiturienten, gegen Sie richtet sich eine Anklage, die Herr Dr. Ramsbeck bei mir. erhoben hat. Es soll bei dem mathematischen Examen betrogen worden sein. Schmalz, als Primus onmium, reden Sie, wie verhält sich die Sache?" Schmalz stand auf und erklärte ganz ruhig: „Ich habe nicht betrogen, und soweit ich meine Conabiturienten kenne, ist keiner darunter, der betrügen würde." „Das klingt sehr gut," sagte der Direktor, „aber ich bedaure, Ihre Aussage in Zweifel ziehen zu müssen. Herr Dr. Ramsbeck hat Beweise gegen Sie, er hat gesehen, wie Goldschmidt die gelösten Aufgaben unter de» alten Steinhaufen im Hofe legte. Der Herr Doktor hat sich als Zeugen noch de» Unterprimaner Bodenbender mitgenommen. Goldschmidt, was haben Sie zu sagen?" „Es ist Alles wahr, Herr Direktor." „Sehen Sie den jüdischen Pharisäer," warf jetzt Ramsbeck ein, „habe ich es Ihnen nicht immer gesagt?" „Ich danke, Herr Doktor, ich bedarf Ihrer nicht mehr." Als Ramsbeck hinausgehen wollte, vertrat ihm Raphael den Weg. „Herr Doktor," sagte er, „gewimmelt werde ich ja doch, so sollen Sie wenigstens noch meine Abschiedsbeichte hören, Sie Christ. Sie haben mich verfolgt und beschimpft ... das dafür .. ." Und er schlug ihm mit geballter Faust ins Gesicht. Minutenlange Stille... Raphael verließ hocherhobenen Hauptes das Zimmer. Ramsbeck wollte ihm nachstürzen, blieb aber stehen und rief nur ... „Ui ... Ui ... halt ihn! halt ihn." Es war furchtbar komisch. Der Direktor konnte sich eines leisen Lachens nicht erwehren. Am Nachniittag trat die Konferenz zusammen, und nach kurzer Berathung war Raphael Goldschmidt wegen „Betrug und Ungehörigkeit gegen einen seiner Lehrer" ausgcwiesen. Das Abiturientenexamen in der Mathematik wurde für nngiltig erklärt. * Die Februarsonne schien recht warm und freundlich, als Raphael mit festem Schritt aus dem Landstädtchen marschirte, das ihm fast zur zweiten Heimath geworden war. Viel Freude hatte er dort erlebt, aber auch unsägliches Leid. Und doch dachte er weniger an sich, als an seinen alten Vater, dessen schönste Hoffnungen vernichtet waren. Er konnte nichts dafür. In dem Augenblick, da er seinen Todfeind triumphirend vor sich sah, mußte er ihm einen-Denkzettel geben, er, der verachtete Jude dem stolzen Antisemiten und Reserveoffizier. Wer kann in einem solchen Augenblick an alle Konsequenzen denken. Und was wäre gewesen, wenn er nicht geschlagen? Ausgewiesen hätten sie ihn doch. Aber er wäre vielleicht anderswo in Preußen oder in Bayern wieder untergekommeu. Einen Schüler aber der seinen Lehrer geprügelt, nahm kein Direktor mehr auf. Eben marschirte Raphael über die Wetterbrücke, als ihm sein einstiger Nebenbuhler um Recha's Gunst, Ephraim Hirsch, entgegen kam. „Alles Hab' ich geheert, Raphael, wie se der habe mitgespielt. Werst der mieß mache in der Schul mit sone antisemitische Züres. Sei küchem, werd e Kaufmann. Tretst ein bei uns, Wohnung und Esse im Haus und verzig Mark monatlich. E Kerlche, wie Dich, kenne mer brauche. Hast was gelernt, giebst e dichtiger Kaufmann, kannst's zu was brenge. Schlag ein, und der Rewech ist Dein." Raphael blieb nachdenklich stehen. Das Anerbieten war verlockend, und das Beste daran, er brauchte nicht nach Hause und dem Vater unter die Augen zu treten. „Schneller Entschluß, guter Entschluß," mahnte Ephraim. „Gut, ich bleibe," sagte Raphael und ging mit ihm in die Stadt zurück. VIII. Es sind etwa sechs Jahre vergangen. Aus der Straße Don Schotten nach Lauborn rollt ein leichter Fleischerwagen. Ein junger Mann kutschirt, Raphael Goldschmidt. Es ist ein schöner Tag. Der Frühling ist zu einem vollen Sommer erblüht. Das Heu ist schon eingebracht, die Feldarbeit im regsten Gange. Als das Wägelchen scharf um eine Ecke biegt, kommen ihm eine Anzahl Lauborner Gymnasiasten, Primaner, nach den weißen Mützen zu uctheilen, entgegen. In ihrer Bütte geht ein älterer Herr, Raphael zieht höflich den Hut, als sie sich kreuzen. „Guten Tag, Herr Direktor!" „Ah, guten Tag, Raphael, will sagen Herr Goldschmidt." Er reicht ihm die Hand. „Nun, was treiben Sie, wie geht's, ich Hab' Sie wohl vier Jahre nicht mehr gesehen." „Als die Eltern starben, ging ich nach Hause, das wiffen Sie. In ein Geschäft wollte ich nicht mehr treten, da fing ich einen kleinen Hausirhandel mit Tuch und Schneiderwaaren an. Dann wurde Frucht dazu genommen, und so bin ich ein Handelsmann geworden. Die Antisemiten schimpfen, daß wir den Handel an uns gerissen. Sie lasten uns ja keinen anderen Beruf übrig. Ich wäre so gern Gelehrter geworden." „Und Sie hatten das Zeug dazu, Raphael. Es war ein Unglück. Lassen Sie den Handel. Sie sind doch noch nicht alt, probiren Sie es noch einmal." „Nein, Herr Direktor, das ist vorbei und muß vorbei sein. Ich habe mich auch getröstet ..." „Wollen Sie nach Lauborn?" „Ja, ich habe einige Geschäfte dort." „Wir machen einen Schulspaziergang auf's Jägerhaus. Bei niis geht's ein Jahr wie's andere. Leben Sie wohl, lassen Sie sich bald einmal sehen. Ihr Freund Ramsbeck ist Reichstagsabgeordneter für die antisemitische Partei geworden."