Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1894)
- Date
- 1894-01-26
- Page
- Seite 46 (sequence 10)
- Language
- German
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46 raths und hörte Rachel singen... Und als endlich der Schlaf seine müden Augen schloß, glitten die Bilder des Abends leise in seine Träume hineiu, die von sanften, klagenden Tönen erfüllt waren. Unter einer Trauerweide aber an dem dunklen Fluß saß ein bleiches Judenmädchen und verbarg weinend das Antlitz in den Händen ... „Und alle die Thränen fließen Nach Süden im stillen Verein, Sie fließen und ergießen Sich in den Jordan hinein." Hl. Holger schob seine Abreise nach Rosengaard von einem Tage zum andern auf. Er gestand sich selbst nicht den Grund, der in der heimlichen Sehnsucht bestand, Rachel wiederzusehen... Anders kam ius Hotel, um ihn zu besuchen, wurde aber nicht angenommen. Holger hatte das Bedürfniß, mit seinen neuen Gedanken und Träumen allein zu sein, und er fühlte außerdem seit dem vorigen Abend einen leichten Unwillen gegen seinen Vetter. „Soll ich oder soll ich nicht." fragte er sich selbst, als er an dem kalten Wintertage vor ihrem Hause in der Bredgade stand. Er hatte ja das Recht dazu, es war sogar seine Pflicht, der Familie nach jener Gesellschaft einen Besuch zu machen, und doch fehlte ihm der Muth dazu. Was ging eigentlich mit ihm vor und weshalb stand er da, wie ein blöder Schulknabe. Sollte Anders recht haben? War er in sie verliebt? Schnell sprang er die Stufen in die Höhe, ohne sich länger zu bedenken, und klingelte an der Entreethür. Er klingelte so laut und energisch, daß sofort ein Dienstmädchen gelaufen kam, um zu öffnen. „Die Herrschaften zu Hause?" „Die Damen sind anwesend. Wollen Sie gefälligst näher treten." Er trat in den Salon, in welchem Rachel allein am Piano saß. Sie schloß das Instrument und ging ihm mit ausgestreckter Hand entgegen. lFortsetzung folgt.) Raphael Goldschmidt. Eine Erzählung aus Oberhessen von Ferdinand Runkel. (Schluß.) o plauderten sie fort, einander ihre Erlebniffe berichtend. Dann kam Schaller mit der Bitte um die mathematische» Aufgaben heraus. Raphael holte bereitwillig sein Heft und bald saßen sie im engen Kreis der kleinen Studierlampe und man hörte nichts als Logarithmus, Sinus und Cosinus. Als Schaller gegen zehn Uhr aufbrach, waren Raphaels Gedanken ganz von seiner unglücklichen Liebe abgelenkt. Er legte sich ruhig zu Bett und schlief ein. Ob ihm der Traum sein verlorenes Glück wiedergegeben? * Es war Februar geworden. Der Winter war den sieben Primanern in harter Arbeit vergangen. Ein ganz junger Lehrer, Dr. Eichholz, dem mau mit Vorsicht höchstens die Sexta anvertraut hätte, war eine unendliche Quelle der Anregung für die jungen Geister geworden. Der Direktor hatte niit scharfem Blick seine Fähigkeiten erkannt und ihn zum Unterricht in Prima herangezogen Freilich verlangte er viel mehr als Dr. Ramsbeck, aber man lernte dafür auch doppelt so leicht bei ihm. Gleichzeitig hatte er es verstanden, die Gegensätze in der Klaffe zu versöhnen, indem er die Ueberkraft der jungen Menschen in die richtigen Wege zu leiten versuchte. Sein anregender Unterricht, besonders die Lektüre des Aeschylos und Demosthenes, erstickte die Zwistigkeiten zwar langsam, aber unr so entschiedener. Nur Bodenbender wollte sich nicht beruhigen, er versuchte immer von Neuem, Propaganda für seinen Antisemitismus zu machen. Im Verein mit ihm wirkte Dr. Ramsbeck, der, auf's Empfind' lichste gekränkt, dem Direktor die Versetzung nach Sexta heimzuzahlen beschloffen hatte. Es dauerte auch nicht lange, so erschien in Böckels Reichs-Herold ein Aufsatz über die Berechtigung der Mathematiker als Leiter humanistischer Gymnasien, der offenkundig auf Lauborns Direktor zielte und aus Ramsbecks Feder stammen sollte. Der Direktor nahm natürlich keine Notiz davon. Er freute sich viel zu sehr, den finstern Geist in seiner Prima gebändigt zu sehen, als daß er die kleinlichen Kläffereien seines renitenten Untergebenen beachtet hätte. Auch war der wichtigste Zeitpunkt in allernächste Nähe gerückt' Das Abiturientenexame». Die Aufgaben waren schon eingereicht und vom Ministerium genehmigt worden. Am sechsten sollte das Examen mit dem Lateinischen beginnen. Unter den vier Abiturienten herrschte eine große Aufregung. Mail fürchtete, daß Dr. Eichholz die lateinischen und deutschen Arbeiten sehr schwer machen würde; aber man hatte sich in ihm verrechnet, er war eben der echte Lehrer. Während des ganzen Semesters hatte er seine Forderungen auf's Höchste geschraubt, und im Examen stellte er lächerlich einfache Aufgaben. So war am Abend des siebenten die Stimmung der Abiturienten rosig, wie nie. Der dritte Tag brachte die Mathematik. Davor hatten sie keine Angst; erstens half der Direktor sehr viel und ließ alle Bücher benutzen, und zweitens war ja der Raphael da, der die Aufgabe» rechnete und draußen unter einen Steinhaufen legte, der schon Jahre lang solchen Zwecken gedient hatte. An jenem dritten Tage ging Alles programmmäßig. Schaller kam heraus und brachte dem wartenden Goldschmidt die Aufgaben, eine halbe Stunde später hatte dieser die beiden Gleichungen gerechnet und die geometrischen Aufgaben gelöst. Ungesehen praktizirte er sie an den verabredeten Ort und ging fröhlich, seinen Kameraden mit Gefahr seiner Karriere einen Dienst geleistet zu haben, nach Hause. Er hatte sich seit der Katastrophe mit Recha merkwürdig geändert. Still und in sich gekehrt war er ja schon früher gewesen, jetzt aber wurde er geradezu menschenscheu. Von seiner Geliebten hatte er nichts wieder gehört, es verlangte ihn auch nicht darnach. Sie war in Frankfurt erst ein paar Tage bei einer Freundin geblieben, hatte dann eine sehr gute Stelle im Hause eines Wittwers als Leiterin des Hauswesens gefunden. Ihren Ellern hatte sie. geschrieben und Verzeihung erbeten. Aber der alte Feist wollte nichts mehr von ihr wiffen. Er war ein viel zu frommer Jude, als daß er sie, die dem Glauben ihrer Väter untren geworden, nicht verflucht hätte. Die Mutter dachte milder, aber in solchen Dingen ließ sich Feist nichts anhaben. „Gerod, weil die Antisemite jetzt uffkomine, miffe mer fest halte an unserm Glaabe. Ich fercht mer vor kehne Böckel un kehne Stöcker. Ich bin e Judd und bin stolz druf." Raphael war sein Augapfel geblieben, er hatte keinen Sohn und umgab den Gymnasiast mit seiner ganzen überschüssigen Liebe. Er hätte zu gern gesehen, daß Recha Frau Goldschmidt geworden wäre. Ins Unvermeidliche aber mußte man sich fügen.