Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1894)
- Date
- 1894-01-26
- Page
- Seite 45 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228045--50552-3273365- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
45 Anders sah seinen norwegischen Kaineraden mit großen Angen an und bestellte sich dann mit energischer Stimme beim Kellner ein Paar solide Butterbrode mit Braten und holländischem Käse. Lie fuhr fort: „Ja, nicht allein unsere Kunst und Litteratur auch unser Geschäftsleben und unser Finanzwesen würde eine» ganz andern Aufschwung genonimen haben, wenn sich die Juden früher mit unserer schwerfälligen nordische» Nation assimilirt hätten. Ihre südländische Geschmeidigkeit, ihr Kunstsinn und ihre Kritik, gar nicht zu reden von ihrem praktischen Unternehniungsgeist, würden als Gährungsstoff in unserer frischen, jungen Nation gewirkt haben. Die Kreuzung der Raffen hat immer vortreffliche Resultate hervorgebracht. Wenn wir die Verhältniffe näher untersuchten, würden wir vielleicht finden, daß einige der Männer bei uns, welche die hervorragendsten öffentlichen Stellungen einnehmen, oder deren Namen einen guten Klang haben, so glücklich sind, einen Tropfen Judenblnt in ihren Adern zu haben, daß sie vielleicht diesem fremden Blutstropfen ihre besondere Begabung verdanken. — Ich will keine Namen nennen, obgleich sie nahe genug liegen ..." „Nun phantasirst Du wohl," sagte Anders ungläubig, während Holger dem Norweger mit gespannter Aufmerksamkeit zuhörte. „Weshalb zeichnet sich wohl Bergen unter allen norwegischen Städten durch eine so lebhafte, intelligente Bevölkerung und einen Handelsstand aus, der in seiner Energie und Wirksamkeit beinahe etwas Geniales hat? — Dies hat nur seinen Grund darin, daß in alten Zeiten deutsche Juden sich mit der norwegischen Bevölkerrnig vermischt und der Stadt das Gepräge gegeben haben. Mehrere der größten Handelsherren von Bergen zeigen noch deutliche Spuren ihrer Abstammung!" „Na, dann werde ich mich hüten, nach Bergen und Hardanqer zu reisen!" rief Anders. „Du hast Mir das ganze Vergnügen gestört. Ich hatte mir gerade vorgenommen, diesen Sommer dahin zu reisen. Es fehlte noch, daß man auf den Gletschern kleine Judenkinder von norwegischer Herkunft fände, die dort den Schnee beschmutzen. — Huh! —" „Das könnte Dir wohl pajsiren," lachte Lie. Anders spülte seine Entrüstung mit einem vollen Glase hinunter. „Höre, Lie, bist Du vielleicht selbst das Produkt einer solchen Rassenkreuzung, wie Du es nennst?" „Nein, leider nicht — sonst würde ich besser malen, davon bin ich fest überzeugt. Ich stamme von väterlicher und mütterlicher Seite, von alten, norwegischen Bauernfamilien." „Wozu ich Dir von Herzen Glück wünsche." „Sehen wir uns in Europa um," setzte Lie sein Thema fort, „so fällt es uns sofort in die Augen, welche vornehme und bedeutungsvolle Rolle die Juden auf allen Gebieten spielen. Viele der größten Namen im Reiche der Kunst, in der Finanzwelt, in der Presse und in der Politik gehören diesem auscrwählten Volke an." — „Auserwählt. Hört! hört!" „Es ist Dir sehr gesund, Anders, dies zu hören," sagte Holger. „Einen solchen Vortrag habe ich Dir lange gegönnt, aber ich selbst bin dazu des Wortes nicht mächtig genug!" Anders schwieg und aß mit größtem Eifer sein Butterbrod. Er schien plötzlich einen Wolfshunger bekommen zu haben. „Spinoza, Moses Mendelssohn, Heine, Börne. Laffalle, Rothschild, Meyerbeer, die Rachel, Rahel Lewin, Henriette Herz, Fanny Lewald, Bernadotte, Disraeli, — unr nur einige Namen zu nennen — gehörten Alle dieser merkwürdigen Raffe an. Daß George Sand und George Elliot, die größten Schriftstelleriniren unserer Zeit, von jüdischer Herkunft waren, bezweifelt Niemand, der ihnen im Leben nahe stand. Nicht allein ihr Aeußeres — George Sand war z. B. der Typus der spanischen Jüdin — sondern auch ihre besondere Genialität zeugten dafür." „Aber neben diese Namen kann ich Tausende von germanischer Herkunft stellen, Größen ersten Ranges. — Shakespeare, Luther und Goethe waren, beim Teufel, keine Juden. Die Juden haben noch nie eine Schöpfung zu verzeichnen gehabt, welche wie ein Leuchtthurm der Menschheit leuchten und sie erretten kann. Sie sind eine negative, bösartige, kritische Rasse, welche nur das Niederreißen versteht, — welche nur unsere Schwäche» bloßlegt, um Vortheil daraus zu ziehen. — Wie Schlinggewächse und Unkraut drängen sie sich in jede Spalte des Mauerwerks der christlichen Gesellschaft, Vernichtung bezeichnet ihren Weg.... Haben sie einmal eine große Idee, so benutzen sie sie nur. nm damit zu schachern — den Handelsinstinkt verleugnen sie niemals.... Was nützt es übrigens, Lie, daß Dn mir einen Vortrag über die intellektuellen Vorzüge der Juden — Verzeihung — der Israeliten hältst? Mein Verstand zwingt auch mich, die Begabung dieser Rasse anzuerkennen — aber diese negative Art der Begabung und diese Raffe haben nun einmal nicht meine Sympathie. Es ist nicht meine Schuld, es liegt mir einmal im Blut. Ich habe dieselbe Aversion gegen Juden, welche die Juden gegen fette Speise» haben sollen. Sie sind mir nun einmal zuwider." „Bah — ich wette darauf, wenn eine junge schöne Jüdin mit einer erklecklichen Mitgift ihre Augen auf Dich würfe, Du Don Irian —" „Ich gebe Dir mein Wort," schrie der Maler, krebsroth vor Aerger, „wenn mich heute Abend auf der Straße die schönste Jüdin der Welt anredete und mir anböte, meine Geliebte zu sein, so würde ich sie mit Verachturrg zrrrückweisen." „Jmbecil!" murmelte Holger und blickte in diesem Augenblick beinahe mit Haß auf seinen robusten, heftigen Vetter. Rachels Bild stieg in seiner keuschen, vornehmen Schönheit vor ihm auf... Sie lächelte... aber es lag eine heimliche Trauer in diesem Lächeln... Lie rauchte schweigend seine Cigarette mit einer Miene, welche deutlich sagte: „Mit Dir ist nicht zu disputiren... Deine Meinungen sind nicht das Resultat selbständigen Denkens, sie sind nur ein Echo und angelernte Phrasen... Hättest Du heute Abend einige Deiner Bilder auf den Wänden beim Etatsrath gefunden, so hättest Du seine Raffe wahrscheinlich milder beurtheilt." Die Unterhaltung nahm jetzt eine allgemeine Richtung. Man betrachtete und kritisirte die anwesenden Celebritäten. Der alte Herr mit dem weißen Haar hielt seinem Kreise mit erhobener Stimme einen ästhetischen Vortrag, in welchem er gegen die neue Dichterschule zu Felde zog und die alte vertheidigte. Unter den Namen hörte man ». A. Paludan-Müller und Heiberg, die mit wünschenswerther Begeisterung ausgesprochen wurden. Holger sah »ach der Uhr; es war Mitternacht. Als Landmann rvar er gewohnt, früh zu Bette;» gehen und zeitig aufzustehen. Er rief den Kellner und erhob sta-, trotz Anders' Unlust, das gemüthlichc Nachteakä schon zu verlassen. Der norwegische Maler hatte einen sehr angenehmen Eindruck auf ihn gemacht, denn derselbe hatte, ohne es zu ahnen, Holgers Sache geführt. Mit einem beinahe freundschaftlichen Gefühl drückte er zum Abschied Gunnar Lies Hand, indem er sagte: „Kommen Sie auf ihrem Wege in die Nähe von Rosengaard, so hoffe ich, daß Sie mich besuchen." 4r Als Holger Nachts in seinem weichen Bette im Hotel Angleterre lag, konnte er gar keine Ruhe finde». Die Erlebniffe des Abends jagten sich in seinem Sinn. .. Er war wieder im Salon des Etats-