Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1894)
- Date
- 1894-01-26
- Page
- Seite 44 (sequence 8)
- Language
- German
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44 ich trotz meines jüdischen Glaubens nach Genf gekommen bin und das Amt eines christlichen Predigers angenommen habe. ad 1. Nach meiner festen Uederzeugung bi» ich auf dem Wege des Heils und der Wahrheit und werde darauf verharren, wenn man mir nicht durch triftige Gründe ans dem Alten Testament meinen Jrrthum nachweist. Ich verehre den einigen Gott, befolge seine Gebote, so gut ich kann, und werde seinen heiligen Namen fürchten, lieben und anbeten, bis ans Ende »reines Lebens. ad 2. Ihr wißt, daß die Juden mich nicht in ihre Gemeinschaft aufnehmen wollten. Sie sagten, ich könne überall in Gottesfurcht leben, ohne äußerlich die Religion zu wechseln. Unter den Papisten mochte ich nicht lebe», weil ich vor ihrem Götzendienst zu großen Abscheu hatte. Ich fürchtete auch, man möchte mir Wankelmuth vorwerfen, wenn ich wieder zu ihnen zurückkehrte. Wenn sie meine wahren Gesinnungen entdeckt hätten, wären sie auch grausamer gegen mich verfahren, als ich von Euch erwartete. Ich habe das Amt übernommen, weil ich mittellos und nicht mehr jung war und einen Hausstand gründen, vielleicht mich verheiratheu wollte. Dafür, daß ich, wie Ihr sagt, durch mein seltsames. Benehmen Skandal erregt habe, kann ich nicht verantwortlich gemacht werden, denn ich war nicht Herr meiner selbst, sondern eine schreckliche' und übernatürliche Macht handelte aus mir. Hochedle, hochznverehrende Herren! Vergießet nicht unschuldiges Blut, damit es nicht über .Euch, Eure Kinder und Eure Stadt komme, denn der mächtige Gott Israels würde Euch strafen. Ich aber werde nicht zu Schanden werden, denn Gott ist mein Vertrauen und meine Zuflucht. Der heilige Name des Herrn, des großen Gottes Israels, sei gesegnet und verherrlicht durch alle Menschen und an allen Orten für ewig! Hochedle, hochzuverehrende Herren! Wenn Ihr denkt, ich verdiene den Tod, und wenn es Gott so gefällt, so geschehe sein Wille. Wenn Ihr mich freisprecht, so sprecht Ihr eine unschuldige Seele freidie den Herrn des Himmels fürchtet. Ich bete zu Gott aus dem Herzensgründe, er möge seine heiligsten Segnungen über Euch ausgießen Und Eure Herzen rühren. Hochedle, hochzuverehrende Herren Euer gehorsamer Diener und Gefangener Genf. März 12. 1032. N. Anthoine." Aus diesem Schriftstücke spricht doch ohne Zweifel Geistesklarheit' edle Gesinnung und Ueberzeugungstreue. Der Richter mußte herzlos sein, auf den solch eine Sprache ohne Eindruck blieb. (Schluß folgt.) Ü 1--- s Sf.tüUl zsTWuJüFrr FEUILLETON j Are Jüdin. Erzählung von John P a u l s e n. (Fortsetzung.) ,in junger, magerer Herr, mit blassem melancholischen Gesicht, der höchst nachlässig gekleidet war, ging nach einem Platze suchend an ihrem Tische vorüber. Alle Plätze waren besetzt, und er war schon im Begriff, das Lokal wieder zu verlaffen, als der Blick des Malers auf ihn fiel. „Das ist ja mein norwegischer Freund und Kollege!" rief er vergnügt, den vorübergehenden Herrn gemüthlich beim Rockzipfel ergreifend. „Dll kannst Dich ja bei uns niederlaffen, altes Haus. — Mein Vetter, Hofjägermeister von Brock — Herr Gunnar Sie, ein norwegischer Norweger aus Norwegen." Die beiden Herren verbeugten sich vor einander. In Lie's Wesen lag etwas Scheues, Reservirtes, aber diese Zurückhaltung verbarg nur das hohe Gefühl des eigenen Werthes, welches vielen Norwegern eigen ist. „Du willst natürlich Deinen Toddy trinken," sagte Anders. „Nein, Du irrst Dich." — Er verlangte eine Tasse schwarzen Kaffee. — „Sie bekommen übrigens einen vollständig verkehrten Eindruck von mir, wenn Sie meinem Freunde glauben, der mich als einen norwegischen Norweger schildert, d. h. als einen solchen, der alle unsere heimischen Zustände ohne Kritik preist. Ich bilde mir im Gegentheil ein. ein Stück von einem Kosmopoliten zu sein. Ich habe nicht vergebens eine Reihe von Jahren in den vornehmsten Kultur-Centren des Auslandes gelebt." „Es freut mich, das zu hören," erwiederte Holger, an den Lie's Rede gerichtet war. „Uns kleinen Völkern, denn das sind ja die Dänen und Norweger im Vergleich mit anderen Nationen, ist es sehr heilsam, in die Welt hinaus zu kommen und zu lernen, wie unbedeutend wir wirklich sind. . . Diese demüthige Selbsterkenntniß ist der erste Schritt auf dem Wege der Entwickelung. Zweitens aber gilt es, die guten Eigenschaften großer Nationen, nicht aber ihre Fehler sich anzueignen. . . Mein Vetter da kommt zum Beispiel von einem Aufenthalt in Deutschland als reiner Antisemit zurück, voller Haß gegen eine arme Rasse, welche vor Allem das Unglück hat, nicht blond und stumpfnasig zu sein." „Dll solltest Dich schämen", sagte Lie mit komischem Ernst, während Anders seine Stumpfnase in die Luft hielt, laut lachte und behaglich seinen Vollbart streichelte. „Die Juden sind grade das Volk für uns Maler, sie sind intelligeilt und kunstsinnig, uild man findet viele Mäcen unter ihnen." „Hast Du nicht die vielen prachtvollen Gemälde beim Etatsrath gesehen?" warf Holger ein. „Eine ganze Galerie von kleinen Meisterwerken." „Ob ich sie gesehen habe!" sagte Anders ärgerlich. „Ich habe jedes Bild genau betrachtet — es war das Einzige, was mich im ganzen Hause interessirte —, und ich fand Bilder von Jung und Alt, von Vermehren und Kröyer, von Marstrand und Thorwald Niß — aber kein einziges von Anders Thambs." „Haha, da liegt der Hund begraben!" lachte Holger, indem er mit dem norwegischen Maler einen humoristischen Blick wechselte. „Der Etatsrath hat keine Anerkennung für mich. Bei Tisch trank er mir auch nicht zu. Apropos, Lie, habt Ihr auch Juden in Norwegen? Du mußt wisseil, wir kommen grade aus einer verdammt langweiligenJudengesellschaft, in der es viele Musiklund nichts zu effen gab." „Gewiß giebt es auch bei uns Juden," sagte Lie. „Wirklich?" rief Anders. „Bis nach Ultimo Thule ist sogar die Ansteckung gedrungen. Und ich habe immer Norwegen beneidet, das mit seinen Gletschern und mit seinem frischen demokratischen Volk das Ideal der Reinheit für mich gewesen ist — frei von Adel, frei von Juden . . . „Adel haben wir Gott sei Dank nicht," sagte Lie lächelnd, „aber Juden haben wir leider nicht genug. Meine persönliche Meinung ist, daß Norwegen viel weiter in der Kultur fortgeschritten sein würde, wenn man den Juden früher gestattet hätte, sich dort niederzulaffen, was ihnen bekanntlich bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts verboten war. Wergeland, unser großer, warmherziger Nationaldichter, hat sich besonders um die Aufhebung dieses barbarischen Gesetzes verdient gemacht."