Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1894)
- Date
- 1894-01-26
- Page
- Seite 43 (sequence 7)
- Language
- German
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43 das Gelöbnis; unterschrieben habe, dem Bekenntnis; seiner Kirche gemäß zu leben lind zu lehren. Aber zu diesem Meineide lvar er doch durch die Lage der Dinge gewissermaßen gezwungen; und so streng wir seine ganze Handlungsweise verurtheilen, so wird uns doch jeder Unbefangene zugeben, daß der größere Theil der Schuld nicht ihn, sondern den intoleranten Staat trifft. Der Religionszwang, wie er in Protestalltischen Ländern nicht minder als in katholischen Staaten herrschte, mußte nothwendigerweise die Heuchelei mit allen ihren Folgen großziehen. Wir werden deshalb dem unglücklichen Manne unsere Sympathie nicht versagen, um so weniger, als er nur allzuschwer für sein Vergehen zu büße» hatte. Nach allen Berichten war er sonst ein höchst achtungswerther Charakter, liebenswürdig und von makelloser Sittenreinheit; nur Melancholie, jedenfalls Folge der inneren Seelenkämpfe, wurde an ihm getadelt. Einmal im Amte, suchte er, so gut es eben ging, mit seinem Gewisse» zu paktiren. Ohne Jemandem seine Ueberzeligung zu entdecken, lebte er für sich im. Geheimen als Jude, betete hebräisch und beobachtete die jüdischen Gebräuche. Seine Amtshandlungen verrichtete er so, daß er, so viel als möglich, den Namen Jesu vermied. Man hörte ihn nie das apostolische Glaubensbekenntniß deutlich verlesen. Beim Abendmahl, wo die Worte vorgeschrieben sind: „Dieses ist mein Leib u. s. w.", sagte er einfach: „Erinnert Euch Eures Heilandes." Seine Predigten, deren Texre ausschließlich dem Jesaja und den Psalmen entnommen waren, werden zwar als trefflich gerühmt, hatten jedoch keinen spezifisch christlichen Charakter. Antoine hätte sich selber sagen könne», daß auf die Dauer ein solches Verhalten unmöglich sein würde. Die Divonner Bauern freilich waren mit ihrem jungen Pastor, der so beredt sprach, auch stets hilfreich uild gilt gegen sie war, ganz zufrieden und nahmen an seiner ungewöhnlichen Predigtweise keinen Anstoß. Aber der Gutsherr war empört. Er hatte mit immer steigendem Unwillen die seltsame Amtsführung Antoines beobachtet. Das wollte ein reförmirter Prediger sein und gedachte Jesu Christi mit keiner Silbe? An einem Sonntage kam es zur Katastrophe. Antoine predigte über den zweiten Psalm, der von der orthodoxen Theologie allgemein vom Gottessohn gedeutet wird. Er verwarf aber nicht blos ausdrücklich diese Deutung, sondern er ließ sich von seiner inneren Erregung so weit hinreißen, daß er erklärte, es gäbe überhaupt keinen Sohn Gottes, sondern nur einen einzig-einigen Gott. Das war aber dem Gutsherrn zu stark; er konnte sich nicht enthalten, dem ketzerischen Prediger die ernstlichsten Vorstellungen zu niachen, drohte vielleicht auch mit einer Anzeige bei der Synode. Antoine muß während der ganzen Zeit furchtbar gelitten haben. Einerseits die entschiedene Anhänglichkeit an das Judenthum, andererseits die Nothwendigkeit, das verhaßte, heuchlerische Spiel fortzusetze»; nirgends ein Ausweg, eine Rettung! Die Vorwürfe des Gutsherrn brachten ihn vollends zur Verzweiflung. Gleich nach jenem verhängnißvollen Montag verfiel er in eine nervöse Aufregung, die ihn zeitweilig des normalen Gebrauches seiner Geisteskräfte beraubte. Am Sonntag, als gerade einige Genfer Kollegen bei ihm zu Besuche waren, und er den 74. Psalm sang, hielt er plötzlich inne, schrie laut auf, er sei Jude, und stieß gegen die christlichen Glaubenslehren nicht wiederzngebende Lästerungen aus. Die entsetzten Amtsbrüder forderte er auf, sich mit ihm einem Gottesurtheil zu unterwerfen. Er sei bereit, die Hand in glühende Kohlen zu halten; die Andern möchten für die Wahrheit ihrer Ueberzeugnng ein Gleiches thun. Man brachte den Aufgeregten ins Bett und ließ ihn bewachen. Aber gegen Abend wußte er deni Wärter zu entwischen und irrte die ganze Nacht unstät in der Umgegend umher. Am Morgen fand man ihn vor einem Thore Genfs in der traurigste» Berfasiung. Er ging in die Stadt und kniete wiederholt in den Straßen nieder, den Gott Israels mit Inbrunst anrufend. Eine schaulustige Menge war zu dem seltsamen Schauspiele herbeigeströmt. Einige kannten den Unglücklichen, und da sie befürchteten, er möchte sich in seinem Paroxismus noch in die Rhone stürzen, sorgten sie dafür, daß er in einem städtischen Krankenhause Aufnahme fand (11. Februar 1632). Hier trat auch bald infolge zweckentsprechender Behandlung der Aerzte völlige Genesung ein. Weniger Glück hatten aber die „Seelenärzte" mit ihrer Kur. Die Genfer Prediger hielten es natürlich für eine Ehrensache, ihren jungen Amtsbruder von seinem „Jrrthum" zu heilen. Aber so ruhig und besonnen dieser auch sprach, seitdem sich die Aufregling gelegt hatte, und so entschieden er sich auch jetzt jeder Schmähung christlicher Dogmen enthielt, so war doch keine Ueberredungsknnst im Stande, ihn in seiner Ueberzeugung zu erschüttern: er blieb dabei, er sei Jude und wolle Jude bleiben. Da konnten die frommen Herren natürlich nicht umhin, ihn als höchst gefährlichen Ketzer und Volksverführer der Obrigkeit zu denunciren. In Genf lag dem Lieutenant de police die Instruktion der Kriminalprozesse und die Vollstreckung der Urtheile ob, während die eigentliche Verhandlung vor den (4) Syndici und dem Rathe stattfand. Der Lieutenant befahl also die Verhaftung und leitete den Prozeß ein (25. Februar). Antoine konnte jetzt des Schlimmsten gewärtig sein, denn die Genfer verstanden im Punkte der Rcchtgläubigkeit keinen Spaß. Sie hatten 79 Jahre zuvor den genialen Servet mit grünem Holze lebendig verbrennen lassen, weil er nicht drei Personen in der Gottheit erkennen wollte. Seitdem war man vielleicht etwas toleranter geworden, aber war Antoine in den Augen der Orthodoxen nicht ein weit schlimmerer Verbrecher? Inzwischen ließen die geistlichen Herren auch im Kerker mit ihren Bekehrungsversuchen nicht nach. Es war ihnen höchst fatal, daß einer ihrer Kollegen als Apostat verurtheilt werden sollte. Vielleicht fürchteten sie auch die Mißbilligung der Aufgeklärten; denn schon nach Servets Verurtheilung waren Stimmen laut geworden, welche die Verbrennung von Ketzern entschieden mißbilligten. Ein Widerruf von Seiten Antoines wäre ihnen also sehr willkommen gewesen. Und sie muffen in der That dem armen Gefangenen arg! zugesetzt haben: um nur Ruhe zu haben, verstand er sich wirklich einmal dazu, ein orthodoxes Glaubensbekenntniß niederzuschreibcn. Aber keine Macht der Erde konnte ihn bewegen, unter diese Schrift seinen Namen zu setzen. Vielmehr aufgefordert, sich schriftlich über seinen Glauben zu äußern, stellte er zwölf Artikel zusammen und ließ sie durch einen Geistlichen den Richtern übergeben. Diese enthielten die jüdischen Glaubenslehren in ähnlicher Weise, wie sie Maimonides formulirt hat. Ja, er wagte es sogar, gegen das Christenthnm zu polemisiren, indem er die unfreiwillige Muße der Kerkerhaft dazu benutzte, „Elf philosophische Einwendungen gegen die Trinitätslehre" auszuarbeiten. Zu seiner Vertheidigung richtete er drei Schriftstücke an den Rath, von denen sich aber nur zwei erhalten haben. Das eine verdient wörtliche Wiedergabe. Es lautet: „Im Namen des Herren, des Gottes Israels. Hochedle, hochzuverehrende Herrn! Ich stelle Euch dies nicht vor, um dem Tode zu entgehen. Vor Gott habe ich freilich den Tod nicht verdient, denn ich fürchte, liebe und Preise ihn und werde ihn lieben und Preisen bis zum letzten Athemzuge. Nach Euren Gesetzen und Anschauungen verdiene ich ihn allerdings. Aber ich setze mein Vertrauen auf Gott; und wer auf den Herrn vertraut, wird nicht zu Schanden werden. Hochedle, hochzuverehrende Herren! Zwei Vergehen werden mir vorgeworfen: 1. daß ich den Weg des Heils verlaffen habe, 2. daß