Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-01-26 · Heft 4 (26.1.1894) · p. Seite 42

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 4 (26.1.1894)
Date
1894-01-26
Page
Seite 42 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228045--50549-3273362
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

42 Ein christlicher Prediger als Märtyrer des Iudenthums. Bon Dr. N. Samter. s ist eine merkwürdige Thatsache, daß trotz der Erniedrigung und der Schmach, in welcher die Juden während so vieler Jahrhunderte lebten, sich dennoch zu allen Zeiten manche Christen zu deren Glauben hingezogen suhlten. Im Mittelalter waren es meist Geistliche, wie Nestor, Bodo, Wezelin, Robert von Reading, Robert von Soest u. A.. welche durch Bibelstudium für das Judenthum gewonnen wurden. Für die Zeit kurz vor der Reformation bezeugt Victor von Karben r), daß sehr viele Christen im Herzen Juden waren und nur durch die Furcht vor Strafe beim Christenthum festgehalten wurden. Als durch die Reformation die Bibel Gemeingut des Volkes wurde, verbreitete sich diese judaisirende Richtung ungemein. Luther ärgerte sich darüber, daß die Juden „mit ihrem Geschmeiß", wie er sich ausdrückt, Christenmenschen vom Glauben abwendig machten^). Luther war im Jrrthum; nicht „das jüdische Geschmeiß" trieb Mission, sondern die Bibel. Freilich konnte damals Niemand so leicht wagen, sich offen als Jude zu bekennen. Wenn heutzutage ein Christ Jude werden will, so erklärt er einfach dem zuständigen Amtsrichter seinen Austritt aus der Kirche und kann sodann schon nach vier bis sechs Wochen seinen Uebertritt bewerkstelligen. In damaliger Zeit riskirte der, welcher znni Judenthum abfiel, den Kopf. Die christlichen Staaten hatten aus dem römischen Kaiserrecht als traurige Erbschaft das Gesetz übernommen, welches den Uebertritt zum Judenthunr mit dem Tode bedroht3), weil, wie Kaiser Honorius sagt, „es schlimmer ist als Mord, wenn Jemand christlichen Glaubens sich mit jüdischem Unglauben besudelt^)". In einigen Staaten war man allerdings weniger rigoros. Wer im siebzehnten Jahrhundert zum Judenthum übertreten wollte, mochte vielleicht in den Niederlanden, oder auch in Polen seinen Zweck erreichen, wenn er es nicht vorzog, zu den Türken zu gehen, wo der Sultan eine weitgehende Toleranz gewährte. Aber nicht Jeder kann auswandern, und noch Wenigere haben den Muth, unbekümmert um Schande und Tod, ihre Ueberzeugung zu bekennen. Martyrium oder Heuchelei — vor diese Alternative sah sich im intoleranten Staate der Christ gestellt, welcher im Herzen dem Judenthum anhing. Der unglückliche Antoine wurde Beides: Heuchler und Märtyrer. Nikolos Antoine wurde im Jahre 1602 oder 1603 zu Briey, einem lothringischen Städtchen, von katholischen Eltern geboren. Nachdem er fünf Jahre lang das College in Luxemburg besucht hatte, wurde er nach Pont-ä-Mousson, Trier und Köln geschickt, um sich auf den dortigen Jesuitenschulen eine gründliche Bildung anzueignen. Aber die Jesuiten, welche es sonst so trefflich verstanden, die Heranwachsende Generation für ihre Ideale zu begeistern, übtet! mit ihrer Unterweisung keine nachhaltige Wirkung auf ihn aus.' Denn als der zwanzigjährige Jüngling zu kurzem Aufenthalte nach Briey zurückkehrte. war er bereits kein überzeugter Katholik mehr. Die protestantischen Lehren, welche seit einem Jahrhundert die christliche Welt bewegten, hatten auch auf ihn ihres Eindruckes nicht verfehlt. Durch ganz Lothringen erscholl damals der Ruhm Paul Ferri's, des reformirten Predigers zu Metz'. Zn ihm zog es unjern Nikolas; 1) De vita et moribus Judaeorum. Paris 1511. 41 2. cap. 32. 2) Wider die Sabbather. Luthers Werke. Erlanger Ausg. Bd. XXXI, S. 417. 3) Nov. Theodos. II., tit. III, § 4. '■>) God. Tlieod. XVI, 8, 19. hier hoffte seine nach Wahrheit dürstende Seele Befriedigung zu finden. Wirklich gelang es Ferri, ihn nach längerem Verkehr ganz für die reformirte Kirche zu gewinnen. Und er war anfänglich ein so eifriger Protestant, daß er auch seine Angehörigen zu bekehren suchte, was ihm aber nur mit seinem ältesten Bruder gelang. Von dem Gedanken begeistert, einst wie Ferri als Prediger und Seelsorger zu wirken, widmete er sich an den berühmten Akademien von Sedan und Genf dem Studium der reformirten Theologie. Aber eingehendes Bibelstudinni erschütterte bald seine Ueberzeugung. Er konnte die widersprechenden Berichte, welche sich von der Abkunft Jesu in den Evangelien finden, nicht in Uebereinstimmung bringen; seinem Scharfsinn entging es auch nicht, daß die Stellen, welche aus dem Alten Testament für die Messianität Jesu angeführt werden, wenig beweiskräftig sind. Es wurde ihm immer deutlicher: nur das Alte Testament enthält die Wahrheit. Der junge Theologe war entschloffen, sich offen zum Judenthum zu bekennen. Aber das Rabbinat von Metz, an welches er sich mit dem Anliegen wandte, ihn in den Bund Abrahams aufzunehmen, konnte diesem Wunsche begreiflicherweise nicht tvillfahren. Es fiel gewiß den Rabbinen schwer, den jungen Mann, aus dem begeisterte Liebe zum Judenthum sprach, abzuweisen, aber sie würden ohne Zweifel das Verderben auf die noch junges, von Feinden umlauerte Gemeinde heraufbeschworen haben, wenn es ruchbar geworden wäre, daß die Juden einen Christen, noch dazu einen Theologen, „verführt" hätten. Man gab ihm den Rath, nach den Niederlanden oder nach Italien zu gehen, wo die Juden größere Freiheit genöffen. Wirklich begab er sich in Begleitung eines Theologen, der in Sedan studirt hatte, und den er unterwegs gleichfalls für das Judenthum zu gewinnen suchte, nach Venedig. Aber man hatte ihm von der Lage der italienischen Inden ein zu günstiges Bild entworfen. Es lebten zwar in Venedig viele Juden, des Handels wegen von der Republik zeitweise geduldet, aber im Ghetto eingeschloffen und durch die safranfarbigen Hüte, die sie zu tragen gezwungen waren, deni Spotte des Pöbels preisgegeben. „Auß Forcht der Oberfeit," wie Hottinger in seiner Kirchengeschichte sagt, schlugen sie ihm seine Bitte ab. Ebensowenig Erfolg hatte er in Padua. Nach den Prozeßakten sollen ihm die italienischen Juden den „teuflischen" Rath ertheilt haben, unter dem Deckmantel des Christenthunis als frommer Jude zu leben. Vielleicht haben sie, um ihn zu trösten, nur darauf hingewiesen, daß er nach jüdischer Lehre auch als Christ selig werden könne. Enttäuscht und mißmuthig kehrte er nach Genf zurück und nahm eine Stelle als Erzieher beim Prediger und Profeffor Diodati an; zugleich unterrichtete er eine Zeit lang in der obersten Klasse.des College. Seine Bewerbung um eine Profeffur der Philosophie an der Genfer Akademie hatte keinen Erfolg; man ivollte keinen Konvertiten, obgleich er, wie es heißt, seine Mitbewerber im Disputiren bei Weitem übertraf. Er hatte aber die Absicht zu heirathen und sehnte sich nach einer sicheren Lebensstellung. Zu Divonne, einem Dorfe im Ländchen Gex, das seit 1602 zu Frankreich gehörte, aber noch unter Genfer Gerichtsbarkeit stand, war die Pfarre neu zu besetzen. Antoine bewarb sich bei der Synode von Burgund um die Stelle und erhielt sie, nachdem ihm das Genfer Predigerkollegium Uber Befähigung und Rechtgläubigkeit ein günstiges Zeugniß ausgestellt hatte. So trat er denn, er, der überzeugte Jude, sein Amt als christlichreformirter Prediger an. Dies war der verhängnißvolle Schritt seines Lebens. Im Prozeffe wurde ihm später besonders als Verbrechen angcrechuet, daß er beim Amtsantritt, trotz seiner Uugläubigkeit, i) Die Metzer Gemeinde hatte sich nach der Austreibung erst wieder 1595 neu konstituirt. Vgl. Revue des etudes juives VII, 1883, S. 106.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.