Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1894)
- Date
- 1894-01-26
- Page
- Seite 41 (sequence 5)
- Language
- German
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41 Es ist hierbei wohl kaum nöthig hiuzuzufiigeu, daß ich die wichtigsten Gebete hebräisch gelassen wünsche, also in derjenigen Sprache, die als ein gkineinsames Band die Juden der ganzen Welt umschließt; habe ich doch oben ausdrücklich nur von „einer Anzahl" von Gebeten gesprochen. Noch ein viertes Mittel giebt es, um die Andacht zu fördern. Lassen wir auch in der Art des Borlesens aus der Thora eine Aeuderung eintreteu. Wir Alle wissen, daß während desselben recht wenig Aufmerksamkeit herrscht; die Anwesenden verstehen eben im Allgemeinen nichts von dem Hebräischen, langweilen sich und plaudern wohl gar. Es ist das begreiflich; denn was wir nicht verstehen, kann uns nicht fesseln. Es muß also, wenn man ehrlich sein will, auch hier Wandel geschafft werden. Man hat nun bereits den Ausweg betreten, die Vorlesung abzukürzen, so daß man statt in einem, erst in drei Jahren mit der Thora fertig wurde. Das war ein Fortschritt, bei dem man hätte bleiben sollen, da er das unleugbar vorhandene Uebcl wenigstens verkleinerte. Aber da giebt es Leute, deren ganzes jüdisches Wisseil darin besteht, daß sie Hebräisch lesen, vielleicht auch einiges übersetzen können, und diese halten das für eine Neuerung, weil sie nie etwas Anderes gehört haben. Dann aber giebt es Andere, die Jeden, der nach ihrer natürlich unbegründeten Meinung ein Neuerer ist, für einen Posclie jisroel halten — und so bleibt es beim Allen. Aber der dreijährige Cyklus ist ja uralt; im Talmud (Meg. 29 b) wird er als der in Palästina gebräuchliche bezeichnet; und noch vor 600 Jahren war er mehrfach herrschend; wie denn auch die Massora die Eintheilnng des Pentateuchs in 154 Abschnitte hat. Wie wäre es also, wenn man zu dem altehrwürdigen dreijährigen Cyklus allgemein zu rück kehrte? Die dadurch gewonnene Andacht wäre ein hoher Gewinn, und die hierdurch verfügbar werdende freie Zeit könnte erst recht für die Andacht nutzbar gemacht werdeir. Und damit komme ich zu einem neuen, zum fünften Mittel. Unmittelbar »ach Beendigung der hebräischen Vorlesung lese der Rabbiner, oder in kleineren Gemeinden der Religionslehrer oder der Borbeter, mit klarer und deutlicher Stimme die deutsche Uebersetzung vor, lasse das Entbehrliche, Unwesentliche und Ungeeignete fort, und knüpfe daran, wo es nöthig ist, eine kurze sachliche oder erbauliche -Bemerkung. So machte es Esra, und so wurde es noch Jahrhunderte lang nach der Zerstörung des zweiten Tempels gehalten, bis die immer mehr anwachsenden religiösen Dichtungen den Gottesdienst überwucherten und die bessere alte Gepflogenheit ganz verdrängten. Sicherlich tvürden auch heute wieder Alle so aufmerksam zuhören, wie in alten Zeiten, und regelmäßige Besucher des Gottesdienstes würden mit der Zeit gewiß mit dem Inhalt der Thora vertrant werden. Hören wir doch endlich auf, so zu thnn, als ob Thoravorlesung und Gebete etwas von Ewigkeit her Unveränderliches gewesen und in alle Ewigkeit unveränderlich bleiben müssen. Wollen wir denn nicht einsehen, daß der Gottesdienst nicht nur naturgemäß sich an das Bedürfniß anschließen muß, sondern sich auch wirklich immer ans den Bedürfnissen der Zeit heraus entwickelt hat? Kehren wir zurück zu den bewährten Einrichtungen und Anschauungen der guten alten Zeit, ehe es zu spät ist! Zur Hebung der Würde des Gottesdienstes hatte die alte Zeit noch mancherlei Hilfsmittel; warum wollen tvir sie, nachdem sie Jahrhunderte lang aus mancherlei Gründen in Wegfall gekommen sind, nicht jetzt wieder anfnehmen? Lassen wir auch den gemischten Chorgesang in unsereil Tempeln wieder ertönen, gleichwie in Jerusalem Sänger und Sängerinnen wirkten; laffen wir endlich die Instrumentalmnsik unbeanstandet, da auch sie nichts Neues ist. Der geneigte Leser, der bisher, wenn auch vielleicht mit Widerstreben mir beipflichten mußte, hat wahrscheinlich schon längst die Frage auf den Lippe», wer denn über Werth oder Unwerth der Gebete und Dichtungen, sowie über die weiteren Veranstaltungen zur Neubelebung des Gottesdienstes entscheiden soll. Nun, zunächst die Sachverständigen, d. h. alle diejenigen Rabbiner »nd Lehrer, die nicht nur des Hebräischen kundig sind, sondern buch die Geschichte des Gottesdienstes und des Judenthums, wie es gewesen und wie es geworden, genau kennen. Solcher Sachverständigen giebt es doch noch genug, und ich denke, wenn sie einmüthig und mit der nöthigen Begeisterung für eine so wichtige Sache ans Werk gehe», daß alle wahrhaft Frommen, die nicht blos mit den Lippen sprechen, sondern mit Wahrheit Gott anrufen wollen, ihnen beistinnnen werden. Möge man dann auch die Männer der mittleren (und wenn möglich der orthodoxen Richtung) hinzuziehen. Sofern diese Letzteren eine moderne Bildung besitzen und nicht blos in ihren Folianten, sondern im wirklichen Leben der Gegenwart Bescheid wißen, werden sie ihre Mitwirkung nicht gänzlich versagen können. Aber erst nachdem sie abgelchnt haben, sollen sie unberücksichtigt bleiben „und ihre Sünde tragen". Als Mitwirkende denke ich mir ferner gebildete und umsichtige Gemeindevorstände, die sich bereit erklären, eine Neugestaltung des Gottesdienstes zu unterstützen. Der Uebergang braucht übrigens kein plötzlicher zu sein. Führe man, wo dies noch nicht der Fall ist, ein deutsches Gebet ein und lasse es vom Rabbiner oder vom Vorbeter oder gar von der Gemeinde Jahre lang sprechen, bis sie daran gewöhnt sind, dann wird es sich erhalten. Lasse man das eine und das andere hebräische Stück beim öffentlichen Gottesdienst fort, und nach Jahren entbehrt es Niemand mehr. Als Mitwirkenden denke ich mir endlich jede» reifen Mann, der Sinn und Verständniß mit ehrlichem Wollen vereinigt. Mögen sich in den einzelnen Gemeinde» Vereinigungen bilde», die über die Sache sprechen, sich Aufklärungen geben und geben lassen, sich aber nicht mit allgemeinen Redensarten abspeisen lassen und nicht ruhen mögen, bis sie sachlichen Bescheid haben; gelingt das nicht, so mögen sie sich an eine auswärtige Autorität wenden. Namentlich in den Gemeinden, wo bereits Litteratnrvereine bestehen, sollteir den Gottesdienst betreffende Fragen ans die Tagesordnung gesetzt werden; das ist jedenfalls zeitgemäßer und unendlich viel wichtiger, als mancher Vortrag über Dinge und Personen, die uns heute sehr wenig interessiren und oft genug für die vielen Fragen, die wir früher oder später lösen müssen, ohne irgend welche Bedeutung sind. Doch über das Arbeitsfeld der Litteratnrvereine mag ein andermal gesprochen werden; hier soll die gegebene Anregung genügen. An alle Leser aber sei die dringende Mahnung gerichtet, immer wieder die Nvthwendigkeit eines verstandenen und wahren Gebetes zu besprechen und ans Herz zli legen; namentlich aber dafür zu sorgen, daß die Heranwachsende Jugend Religionsunterricht erhält, und zwar einen solchen, in welchem sie vor Allem den Geist und die Entwickelung des Judenthums kennen lernt. Dann wird ein Geschlecht heranwachsen, das seine Väter kennt und liebt, sich an ihren Thaten begeistert und seinen Glauben versteht; kurz, ein Geschlecht ruit einem neuen Herzen, dem es um den alten Geist des Judenthums zu thun ist und nicht um die erstarrten, aus dem Mittelalter herübergenommenen Formeln, Gebete und Gebräuche.