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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-01-26 · Heft 4 (26.1.1894) · p. Seite 40

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 4 (26.1.1894)
Date
1894-01-26
Page
Seite 40 (sequence 4)
Language
German
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40 Auch haben die geuamiten Kriegs- und Glanbensheldeu nie so lange Gebete gesprochen, wie sie uns heute zugemuthet werden. Da sollen Bitten gesprochen werden, für die augenblicklich gar keine Veranlaffung borliegt, oder solche, deren Erfüllung man ruhig dem Ermessen des alliveisen Weltenherrn überlassen könnte; oder es kehren nothwendige und berechtigte Bitten 10 bis 20 Mal, wenn auch in anderen Worten und Wendungen, wieder. Kein Wunder, daß die Andacht geschwunden ist. Und doch heißt es: Ijjun tefillo, „Andacht im Gebete"! Das Gebet soll wahr sein. „Nahe ist der Herr allen denen, die ihn anrufen, allen, die ihn mit Wahrheit anrufen" (Ps. 145,18). Aber wann ist denn das Gebet wahr? Wenn es unseren Bedürfnissen und Empfindungen entspricht. Man wende mir nicht ein, daß sich dann wohl jeder Mensch seinen Verhältnissen entsprechend sein Gebet selbst znrechtlegen müßte. Freilich wäre das nichts Unerhörtes, denn in alter Zeit war es wirklich so; und wenn König Salomo bei der Einweihung des von ihm erbauten Tempels Gott bittet (1. Kön. 8.), den Israeliten, wie den Nichtisraeliten, die an dieser Stätte beten würden, in gleicher Weise zu erhören, hat er gewiß eben so wenig an feststehende Gebete gedacht, wie sein eigenes ein bereits vorher vorhandenes gewesen ist. Allein es ist wirklich nicht nöthig, daß Jeder mit eigenen Worten bete. Denn gleichwie der echte Dichter in Worten »nd in Tönen das, was er gefühlt und empfunden, so zu gestalten weiß, daß wir mit Entzücken unser eigenes Empfinden darin wiedererkennen und immer wieder danach greifenwenn wir in dieselbe Lage und Stimmung kommen: so kann auch manches fromme Gebet aus alter Zeit noch heute unsere Empfindung wiedergeben und daniit unser Bedürfniß befriedigen. Und so verhält es sich auch in der That; aber recht Vieles genügt doch unserem heutigen Fühlen nnd Denken, Wünschen und Hoffen nicht, kann uns also auch nicht mehr zur Andacht stimmen, sondern muß, um es kurz zu sagen, zu Lüge in unserem Munde werde». Mit solchen Lügen aber vor den Gott der Wahrheit zu treten — ist das nicht ein Frevel? Eines solchen Frevels hat sich, wie schon gesagt, die alte Zeit nicht schuldig gemacht; sie betete, wie es das Bedürfniß erheischte; das schließt natürlich nicht aus, daß manche Gebete auch schon bei ihnen stehend wurden; ich erinnere nur an die Psalmen, die den vornehmsten Theil des gesprochenen Gottesdienstes im zweiten Tempel ausmachten. Aber erst nach der gänzlichen Anflösung des jüdischen Staatswesens beginnen die Gebete an Zahl und Länge zuzunehmen, um in den traurigen Zeiten des Mittelalters schier ins Unendliche zu wachsen; erst in den letzten Jahrhunderten ist ein wohlthuender Stillstand eingetreten. Können diese, im Laufe vieler Jahrhunderte entstandenen, die verschiedensten Anschauungen, Erlebniffe und Empfindungen wiederspiegelnden Gebete nnd Dichtungen für uns noch Andacht erweckend oder gar bindend sein? Gewiß nicht! Noch bedenklicher steht es um die Stücke, die nicht einmal Gebete sind, sondern nur Sagen, Legenden, Gleichnisse, Auslegungen u»d anderes — oft recht ungeschickt und geschmacklos — bieten. Sie alle mögen daher für die Litteratnrnnd Kulturgeschichte werthvoll und lehrreich, je nach der Gemüthsanlage des Lesers vielleicht auch genußreich, sogar erbaulich sein — aber sie gehören nicht ins Gebetbuch. Ans diesem müssen sie, wie auch alle schon oben gekennzeichneten Stücke schwinden; sie sind Menschenwerk und dürfen von Menschen auf ihren Werth und ihre Brauchbarkeit geprüft werden. Denn wenn schon manches Gesetz bei veränderten Zeiten ganz oder theilweise fallen muß, wie viel größer ist unsere Freiheit den Gebeten gegenüber, für deren Form und Inhalt doch gar kein bestimmtes Gesetz vorliegt. Nein, gleichwie unsere Vorfahren, so wollen auch wir unsere Gebete unserem Bedürfniß und unserem Geschmack anpaffen; dann wird manches Alte beibehalten tverden können, manches aber wird endgiltig aus dem Gebetbuch in die Litteraturgeschichte verwiesen werden muffen. Erst dann, und nicht früher, wird unserem Gebete wieder Wahrheit innewohnen. Wie übrigens schon die alte — und, wie wir hier sagen können: die gute alte Zeit über allzu lange Gebete dachte, dafür einige Aussprüche. Kohelet 5,1 heißt es: „Denn Gott ist im Himmel und du bist auf Erden, darum seien deiner Worte wenige." Dazu Talmud Ber. 61a: „Deiner Worte seien stets nur wenige vor dein Heiligen, gelobt sei er!" Und in den Sprüchen der Väter 2,18: „So du aber betest, lasse dein Gebet nicht eine bloße Formel sein, sondern einen Erguß des Herzens nnd der inbrünstigen Andacht." Und Orach Chajim 1,5: „Besser ist wenig beten mit Andacht, als viel ohne Andacht." Geben wir aber unserem Gebete die Wahrheit wieder, d. h. streichen wir energisch, so gewinne» tvir damit zugleich ein weiteres Mittel zur Hebung der geschwundenen Andacht, nämlich die nothwendige Abkürzung des Gottesdienstes. Denn wir können auch das nicht leugnen, daß unser heutiges Leben in Staat und Familie derart anders geworden ist, daß wir gar nicht mehr so viel Zeit, also auch nicht die Ruhe, mithin auch nicht die Andacht haben, um Stunden lang Gebete zu hören nnd zu sprechen. In jeder Beziehung gilt heute die Losung: „Kurz und bündig," im Gegensatz zur alten Zeit, die weniger zu thun hatte, nnd darum langsam und gemächlich, breit und umständlich überall zu Werke gehen konnte. Das spiegelte sich auch in den Gebeten, wie im ganzen Gottesdienste wieder. Heute leben wir mehr nach der Uhr. Also auch von diesem Gesjchspunkte aus ist das Streben nach Kürze ein begründetes. Um die Andacht zu heben, weiß ich noch ei» drittes Mittel; es ist gleichfalls eine wohlberechtigte Forderung der neuen Zeit, die aber auch der alte» nicht fremd war. Nachdem nämlich die ungeeigneten Gebete und Stücke beseitigt sind, bleiben immer noch eine genügende Anzahl übrig, die inhaltlich unangreifbar sind, aber leider nicht von Allen verstanden werden, weil sie hebräisch sind. Von diesen müffen eine Anzahl übersetzt, oder beffer noch bisweilen, dem Sinne nach in deutscher Sprache wiedergegcben werden; natürlich in einer Sprache, die auch jedem Gebildeten genügt, würdig und kraftvoll, die Andacht zll wecken und zu erhalten geeignet. Nun weiß ich, daß Mancher aus religiösen Bedenken der deutschen Sprache im israelitischen Gottesdienste keinen Raum gönnen möchte. Aber warum den» nicht? Haben die babylonischen Inden sich etwa gescheut, chaldäisch zu beten? Und haben wir nicht noch heute Gebete, theils ganz chaldäisch, theils gemischt? Man denke vollends an das Stück Uwo lezijon goel, in welchem hebräische Gebete für die des Hebräischen Unkundigen unbedenklich die chaldäische Uebersetzung eingefügt ist, ohne daß man das Hebräische zu entweihen fürchtete! Oder sollten nur die dem Hebräischen verwandten Sprachen zum Beten geeignet sein? Dann müßte z. B. auch das Arabische heilig sein, und der arabische Jude seinem Gotte gegenüber mehr Freiheit haben als der deutsche. So beschränkt waren unsere Alten nicht; nnd im 4. Buch Moses, 15, 15 heißt es bekanntlich: „Eine ewige Satzung soll es sein euren Nachkommen, daß vor dem Ewigen der Fremdling sei wie ihr." Das ist wahrlich deutlich genug, nnd gegen deutsche Gebete ist gar kein Bedenken begründet. Wem das aber ungewohnt erscheinen mag, der bedenke noch, daß ei» lmverstandenes Gebet eines denkenden Menschen unwürdig ist; er denke endlich daran, daß das Hebräische ztvar Gewohnheit ist, daß aber das Deutsche auch bald zur Gewohnheit wird, wenn man es von Jugend auf gewöhnt ist.

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