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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-01-26 · Heft 4 (26.1.1894) · p. Seite 39

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 4 (26.1.1894)
Date
1894-01-26
Page
Seite 39 (sequence 3)
Language
German
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39 die keine Kritik ihrer Handlungsweise dulde» und rücksichtslos gegen Alle Vorgehen, welche sich erlauben, ein abfälliges Wort über ihr Gebahreu zu äußern, noch ferner die alleinigen Vertheiler der aus allen Herren Länder für die Arnicn der heiligen Stadt einlaufenden Gelder sein dürfen? Wir halten es für unmöglich und fordern deshalb das Centralkoinitee des heiligen Landes in Amsterdam auf, doch endlich mit dem alten Schlendrian zu brechen. Almosenverwalter müssen anerkannte Ehrenmänner sein. Die Chalukamänuer in Jerusalem aber haben sich als solche nicht bewährt. Die Almosenspender aber haben das Recht zu verlangen, daß ihre Almosen auch an die Bedürftigen gelangen und nicht, daß Herr I. Riwlin oder eine Person, wie ehemals die Frau des „Brester Rabbiners", mit denselben nach ihrem Gutdünken verfahren. Was heute Ben Jehuda widerfahren ist — der übrigens inzwischen gegen Kaution aus der Haft entlassen wurde — kann morgen hundert Anderen zustoßcn, tvenn sie sich bei diesen Gewalthabern mißliebig machen. Vorkommnisse dieser Art, die dem jüdischen Namen nicht zur Ehre gereichen, müssen in Zukunft vermieden werden. Wir machen daher dem Centralkomitee in Amsterdam den Vorschlag, eine Vertraueiisperson aus Europa nach Jerusalem zu entsenden und sie mit der Verwaltung der „Chalukagelder" zu betrauen. Das wäre das beste Mittel, um den Fanatiker» und Finsterlingen in Jerusalem, die ihre abendländischen Brüder mit Bettelbriefen beglücken, den armen Einwohnern Jerusalems aber nicht selten um nichts und wieder nichts jegliche Unterstützung entziehen und ihre Gegner, lute die Affaire Ben Jehuda uns bewiesen, ins Unglück zu stürzen nicht scheuen, für immer das Handtverk zu legen. * In der dem Herrenhanse zugegangenen Uebersicht der von der Staatsregierung gefaßten Entschließungen auf Anträge und Resolutionen des Herrenhanses heißt es: „Durch Beschluß vom 25. März waren Petitionen auf staatliche Prüfung der angeblichen jüdischen Geheimgesetze der Staatsregierung zur Prüfung und Berücksichtigung überwiesen worden. Auf diesen Beschluß hat die Staatsregiernng nichts veranlaßt, weil derselbe nach der Auffassung der Staatsregierung undurchführbar erscheint." Die Begründung ist uns nicht ganz verständlich. Sollte es denn wirklich nur die Undurchführbarkeit sein, welche die Regierung veranlaßte, jenem famosen Beschluß keine Beachtung zu widmen, und nicht auch seine Ueberfliissigkeit? Begierig aber sind wir, zu wiffen, was die Mitglieder des Herrenhauses unter „jüdischen Geheimgesetze»" verstehen, da wir solche nicht kennen. * Wie die „Wests. Res." erfährt, beabsichtigt nun auch der antisemitische Reichstagsabgeordnete Dr. König, sich wegen eines in letzter Zeit verschlimmerten rheumatischen Leidens, welches er sich vor drei Jahren auf einer Agitationsreise zugezogeu hat, von der Politik vollständig zurückzuzieheu. Merkwürdig, daß Herr König sich trotz des jahrelang bestehenden Leidens im Sommer wählen ließ und jetzt wegen desselben Leidens zurücktreten will. Er hat den Rheumatismus wohl mit Herr» Dr. Böckel gemeinsans, der ebenfalls Rücktrittsgedanken hegt. * In der Wiener Gemeinderathsitzung.der letzten Woche beantragte der Mechaniker Schneider, bei der Berathung des Präliminars des Landesfonds, in welches für die Bibliothek 3000 fl. und zur Erwerbung von Gegenständen besonderen Interesses 1000 fl. eingestellt worden sind, für die Bibliothek auch eine Uebersetzung des Talmud anzuschaffen, damit die christliche Bevölkerung die Moral der Juden daraus kennen lerne. Darauf erklärte Abt Karl humoristisch, daß eine Talmudübersetznng allerdings noch nicht beschafft sei, aber er hätte geglaubt, daß Schneider eher für die Vernichtung des Talniuds eintreten werde. Schließlich wurde der Antrag Schneiders abgelehnt. Unser Gottesdienst. Von Dr. B. Kuttner in Frankfurt a. M. «ei jedem Unglück ist auch ein Glück, sagt das Sprichwort; und das zeigt sich wieder einmal deutlich während der mancherlei trüben Erfahrungen, die wir in den letzten Jahren machen müssen. Und so ist es erfreulich, wahrznnehmen, wie mit dem Zunehmen des Antisemitismus die Anhänglichkeit an das Judendenthum auch unter denjenigen Juden mehr und mehr zum Vorschein kommt, die sonst nur noch wenig oder vielleicht gar keine Theilnahme mehr für daffelbe zeigten. Sei es nun, daß die Nvth beten lehrt, sei es, daß sie gemerkt haben, daß ihre Entfremdung vom Judenthum sie nicht schützt — Thatsache ist, daß das Gefühl der Zusammengehörigkeit stärker bei uns geworden ist, als seit langer Zeit. Dieses Gefühl treibt uns aber, wo wir uns auch befinden mögen, und namentlich wenn wir uns irgendwie bedrängt fühlen, ins Gotteshaus. Es ist darum begreiflich, daß unsere Gotteshäuser sich füllen; und cs ist kein Zufall, daß in unseren Tagen nächst dem Religionsunterrichte die größte Aufmerksamkeit dem Gottesdienste gewidmet wird. Seit längerer Zeit ist an dieser Stelle über ihn geschrieben und mancher Vorschlag zur Hebung seiner Würde gemacht worden. Ich habe meine herzliche Freude daran gehabt, um so mehr, als die Neubelebung unseres Gottesdienstes einer meiner Herzenswünsche ist. Wen» ich heute darauf zurückkomme, so geschieht das mit der Absicht, die Frage des Gottesdienstes in Fluß zu erhalten, damit sie nicht wieder einschlafe, um erst kurz vor den hohen Feiertagen wieder zu erwachen, und dann nach denselben wieder einzuschlafen. Vielleicht gelingt es mir auch, den einen und den anderen Leser zu überzeugen, also für die Neugestaltung zu geivinnen — so wäre das schon ein Erfolg, mit dem sich etwas anfangen ließe. Nun aber zur Sache selbst. Der höchste Ausdruck unseres religiösen Empfindens ist das Gebet. Was er hofft und wünscht, was sein Herz mit Dank und Jubel erfüllt, was sein Gewissen beschwert und ängstigt, alles dieses trägt der gläubige Mensch als Gebet seinem Gotte vor; und je getreuer dieses seine Empfindungen wiedergiebt, je mehr Wahrheit also seinem Gebete innewohnt, desto freier wird sein Gemüth werden, desto mehr wird seine Angst schwinden, desto freudiger wird ec die Erfüllung seiner Wünsche erhoffen, desto segensreicher wird sich an ihm die Macht des Gebetes erweisen. So betete Jakob, so betete Moses, so Hannah, so David, so Elias, Hiskia, Esra und Andere, von denen uns die heilige Schrift erzählt. Sie Alle fanden Ruhe, Trost und — Erhörnng. Nun beten wir freilich auch: Ni scheono .... hu jaanenu: „Er, der .... erhört hat, erhöre auch uns;" ja, aber beten wir auch so, wie diejenigen gebetet haben, auf die wir in dieser Weise hindeuten? Nein, wir beten nicht so; denn unseren Gebeten fehlt vielfach die Wahrheit; das Gebet, das wir sprechen, enthält oft Bestaudtheile, die gar nicht zu unfern Wünschen gehören.

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