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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-01-26 · Heft 4 (26.1.1894) · p. Seite 38

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 4 (26.1.1894)
Date
1894-01-26
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
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88 genossen, die in diesen Stellungen thätig sind, stets an sich die höchsten Ansprüche sittlicher Art zu stellen; sie mögen sich stets bewußt bleibe», daß, wie leider die Erfahrung der jüngsten Jahre gezeigt hat, jedes von dem Einzelnen begangene Unrecht dem Judenthum zur Last gelegt wird! Der Verfaffer kommt sodann auf das Wesen des Deutschthums zu sprechen; er erinnert, daß Juden schon vor Einführung des Christenthums in Deutschland gelebt, daß also Deutschthum nicht mit Christenthum identifizirt werden könne; noch weniger könne bei dem Zuströmen der verschiedensten Völkerstämme nach Deutschland seit Beginn der Völkerwanderung von einer deutschen Rasse gesprochen werden. Deutsch ist vielmehr der, wer deutsch sein will und kann, gleichgiltig, welcher Religion er angehört. — Verschuldet hat, das inöchten ivir hierbei zur Erklärung hinzufügen, dieses Durcheinanderwerfen von völlig getrennten Begriffen unser ehemaliger Glaubensgenoffe Stahl, der in seinem Staat nur Bekenner des Christenthums als vollbürtige Bürger gelten lasten will; er ist der Urheber der thörichten, ja verachtenswerthen Handlungen vieler unserer Glaubensgenoffen, die sich durch die Taufe den Zugang zu uns verschloffenen Aemtern zu öffnen glauben, aber bald einsehe», daß sie damit ihre Selbstachtung eingebüßt und sich nur dem Hohn und Spott der Raffenantisemiten ausgesetzt haben, die ihnen täglich ihre jüdische Herkunft und ihre Minderberechtigung Nachweisen. Stahl ist der Urheber der frevelhaften Handlungen vieler Eltern, die selbst Juden bleiben, aber ihre Kinder taufen lassen, ihnen also, wie. der Verfaffer bemerkt, ein Gut zuführen, das sie selbst verschmähen oder für minderwerthig erachten. Der Kern und die Krone einer jeden Religion ist die Sitte nlehre. Der Verfasser weist auf einige „angebliche" Vorzüge, die die christliche Sittenlehre zeigen soll, hin. Da soll zuerst Christus das Gebot der Menschenliebe gelehrt haben; es findet sich aber schon im Alten Testament und fast in demselben Wortlaut, den Christus gebraucht hat, bei Hillel, der 60 Jahre vor Christus gelebt hat. Wenn -man ferner aus dem Satz des Alten Testamentes „Aug' um Auge, Zahn um Zahn" eine mangelhafte Morallehre Nachweisen will, so braucht mau unsere Gegner nur daran zu erinnern, daß dieser Satz im Allen Testament nicht als Moralsatz, sondern als Rechtssatz erscheint. (Das Alte Testament enthält bekanutlich außer Religions- und Sittenlehren das gesummte Staats- und Privatrecht der Juden!) Der Satz findet sich mitten unter anderen Rechtsgrundsätzen — nur ein Unwissender kann daher unter Hinweisung auf diesen Satz von einer inferioren jüdischen Ethik sprechen. Vielmehr ist die christliche Ethik — das hat ja noch zuletzt Edm. Friedemann nachgewiesen — mit der jüdischen identisch, ihr entnommen; das Christeuthum hat nur das Verdienst, sie über die Welt verbreitet zu haben! Ja, wendet man uns ein, wie steht es aber mit der Ethik des Talmud? Selbst eure Glaubensgenoffe» — und zn diesen hat sich, wenn auch in der Form maßvoll, leider auch Lehmann in dieser Broschüre gestellt — selbst eure Glaubensgenossen, die für euch das Wort erheben, müffen doch etwas an der Moral, die der Talmud lehrt, auszusetzen haben; sonst würden sie sich nicht so feierlich verwahren, den Talmud als Religionsquelle anzusehen. Nun haben wir erstens von der verderbten Ethik, die im Talmud stecken soll, bisher nichts vernommen'); die Sätze, welche Leute vom Schlage des Pfefferkorn und Eisenmenger bis Rohling und Ecker als „unmoralische" im Talmud gefunden haben wollen, sind — wie ') Alb. Katz, der wahre Talmudjude. Berlin 1893. Emil Apolant. Einleitung p. XIV f. Sachverständige zum Ueberfluß nachgewiesen haben — entweder gefälscht oder falsch übersetzt oder lassen nur, wenn man sie aus dem Zusammenhänge reißt, Zweideutigkeit zu. Zweitens wollen wir wiederholt erinnern, daß das Judenthum keine anderen Dogmen kennt als das einzige: „Höre, Israel! der Ewige, unser Gott, ist der Eine Gott!" Bibel und Talmud erscheinen uns als Religionsbüchcr, von erleuchteten Männern verfaßt und deshalb verehrungswürdig — das Buch der Bücher natürlich in weit höherem Maße als der Talmud —; ihre Autorität veranlaßt uns, ihre Gebote und Lehren (in größerem oder kleinerem Maße, je nach der Stärke dieses Gefühls in uns) zu beachten; eine.dogmatisch bindende Kraft besitze» beide aber keineswegs! Das Jndenthum besteht nicht, wie Fernstehende oder Unwissende glauben machen wollen, aus starren Satzungen, alten, verknöcherten Formen, sondern innerhalb seiner Grenzen findet die freieste religiöse Eistfaltung statt! Wir betrachten Jeden als Glaubensgenossen, der nur den Glauben an den Einen Gott sich bewahrt hat! Die Lehren, die uns alle jene erhabenen Männer hinterließen, haben sie einzig aus dem reichen Born des Glaubens an Golt geschöpft, unb sollten sie einmal geirrt haben (noch hat es uns Niemand gezeigt!), dann legt uns grade unser Glaube, daß es nur einen Gott giebt, die heilige Pflicht auf, aus ihr den falschen Inhalt zu scheiden. Wir haben mithin durchaus keine Berechtigung, den Talmud, die Geistesquelle, aus der unsere Vorfahren Jahrhunderte lang die einzige Nahrung gesogen haben, von uns zu stoßen, nur deshalb, weil unsere Gegner aus Bosheit, gepaart mit Unkenntniß, dieses Buch schmähen und mit Schmutz bewerfen! Mit vielen Anderen trifft Lehmann ferner in der Mahnung zusammen, es sei Zeit, von unserem Glauben Alles abzlistreifen, „was asiatisches und orientalisches Brauchthum, was mittelalterliche Leidenszuthat ist." Die Herren mögen sich indeß nur vergegenwärtigen, wie mit der fortschreitenden Emanzipation die Anpassung au heimische Formen gleichen Schritt halten mußte und gehalten hat; in der Jugendzeit Lehmann's wurde z. B. gegen Michael Sachs gewaltig von Glaubensgenoffen geeifert, als er die deutsche Predigt zum wesentlichen Theile des Gottesdienstes gestaltete; unsere Zeit hat überall widerstandslos Reformen eingeführt, denen jener hochverdiente Mann kaum seine Zustimmung gegeben haben würde. In überstürzter Weise aber mit Reformen vorzugehen, deren Berechtigung wir nicht immer anerkennen können, heißt einen unheilbaren Riß in unsere Gemeinschaft bringen; lassen wir heut, wo unsere Glaubensschaar von alleir Seiten angegriffen wird, den Hader; kämpfen wir lieber Schulter an Schulter um den Preis, der leider ferner wie je uns heut erscheint: um die thatsächliche Durchführung unserer Gleichberechtigung der Deutschen jüdischen Glaubens! Haben wir erst gesiegt, dann wird die richtige Zeit auch den richtige» Mann für die nothtvendigen Aenderuugen der Formen des Judenthums bringen! Aie Woche. f Berlin, 23. Januar. er Eigennutz und die Rachsucht der Wortführer in Jerusalem, welche, wie unseren Lesern bereits bekannt ist. zur erstinstanzlichen Verurtheilung des Redakteurs des Haz'bi, Ben Jehuda, und seines Schwiegervaters geführt, haben mit Recht einen wahren Entrüstuiigssturm innerhalb der Gesainnitjudcuheit hervorgcrufen. Es wird nun die Frage aufgeworfen: Ist cs deutbar, daß Männer,

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